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Kunst in der Pampa: Eine Ateliertour in Mecklenburg-Vorpommern

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Ateliertour in Mecklenburg-Vorpommern Große Kunst im kleinen Kaff

Es gibt Kunstmetropolen wie New York oder Basel. Und es gibt Plüschow und Teterow. Viele Künstler haben sich bewusst entschieden, der Stadt den Rücken zu kehren und in ländlicher Idylle zu arbeiten. Eine Ateliertour.

Teterow - Kunst und New York, Paris, meinetwegen Basel. Aber Kunst und Plüschow, Teterow oder irgendwo sonst in der Pampa in Mecklenburg-Vorpommern - passt das zusammen? Sind große Kunst und kleine Käffer nicht ein Widerspruch in sich?

Alles Quatsch, sagt der aus Dresden zugezogene Matthias Kanter: "Man ist hier näher am Menschen dran. Bei Ausstellungseröffnungen redet man auch mal mit dem Bürgermeister oder der Museumsdirektorin." Und wovon die Künstler profitieren, haben auch die Touristen etwas: In Mecklenburg-Vorpommern ist es zur nächsten Galerie nie weit. Oft finden sie sich, wo man sie nie vermutet hätte - und meistens laufen kunstinteressierte Besucher offene Türen ein.

In der Münzstraße der Landeshauptstadt Schwerin hat die Galerie AG 2012 ihren Platz gefunden. Sechs Künstler haben sie vor neun Jahren gegründet, inzwischen sind es neun. Die Kunsthistorikerin Claudia Schönfeld arbeitet als Kuratorin für sie - und zeigt Besuchern und potenziellen Käufern die ausgestellten Werke. Zum Beispiel die von Kanter, der bevorzugt mit Acryl auf Leinwand malt und sich auf dem Land unweit von Schwerin voll und ganz zu Hause fühlt.

Kanter lehnt im Türrahmen, an der Wand neben sich eines seiner großformatigen Landschaftsbilder. Der Künstler ist in Dessau geboren und hat in Dresden studiert. Da lag die Pampa von Mecklenburg-Vorpommern nicht gerade vor der Haustür. "Mein Prof hat mir gesagt: Wenn du da hingehst, du weißt hoffentlich, dass das künstlerischer Selbstmord ist."

Aber das, sagt Kanter, stimmte gar nicht: "Ich genieße hier die Lage zwischen Hamburg und Berlin, und ich hab' hier die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will." Ruhe und Entschleunigung seien weitere Pluspunkte - und Platz. "Man findet hier Riesenateliers, die in Berlin unbezahlbar wären", ergänzt Schönfeld.

Spontankäufer in Wismar

Wer in der Hansestadt Wismar die Schweinsbrücke am "Café Glücklich" vorbei in Richtung Nikolaikirche läuft, ist schnell beim Schabbellhaus. In dem Renaissancegebäude ist das Stadtgeschichtliche Museum untergebracht. Genau gegenüber hat Kristine Hamann ihre Galerie. "Das war hier mal eine Schlecker-Filiale, die leer stand", erzählt sie. "Ich bin vorbeigegangen und hab' gedacht 'Das wär's doch'." Zwei Tage später rief die Vermieterin an und fragte "Wollen Sie nicht hier einziehen?" Hamann ließ sich das nicht zweimal sagen.

Seit 2011 zeigt sie in der Galerie, die ihren Namen trägt, junge Nachwuchskünstler wie Chris Nau oder die farbenfrohen großformatigen Arbeiten von Pierre von Helden. Etwa alle zwei Monate wechseln die Ausstellungen.

"Ich glaube, dass ich selbst ein verkappter Künstler bin", sagt Hamann. "Aber es ist ja auch eine Kunst, die Bilder zu zeigen." Touristen sind eine wichtige Kundengruppe. "Und oft Spontankäufer", hat die Galeristin beobachtet.

Ein kunstbesessener Schlossherr in Wodrow

Es geht eine ganze Zeit an Rapsfeldern vorbei, bevor man nach Wrodow kommt und die Kunsthalle im Leonardo-da-Vinci-Weg zu sehen ist. Sylvester Antony wartet schon. Der Künstler trägt rote Schuhe zu schulterlangem grauem Haar und schert sich auch sonst nicht um Konventionen. Er ist hier Schlossherr und Hausherr in einem. Eigentlich wollte er ein Anwesen mit Turm bei London kaufen, erzählt er. Aber dann ist er 1993 auf das Schloss in Wrodow gestoßen. Das hat er gekauft und zum "Kunstschloss" umgebaut - samt Ferienwohnungen. Aus dem Stall wurde die Kunsthalle.

"Ich zeige hier die beste Kunst im Land", sagt Antony. Vielleicht meint er das ernst. Ganz sicher ist man bei ihm nie. Er hat auch mal eine Ufo-Landebahn hinter dem Haus angelegt. Und für seine Kunstwerke setzt er menschliche Gerippe an den Tisch mit Silbergeschirr und einem Band Brecht-Gedichte vor sich.

In einer Ecke der Kunsthalle balanciert eine Harlekinfigur einen Revolver auf einem Finger der linken Hand. Und Antony organisiert Events wie "Kunst, Wissen, Wurst", bei dem die längste Wurst Mecklenburgs präsentiert wurde oder das "Park and Art Fest" - "mit Livebands, die hier richtig Radau machen dürfen". Kunst muss rocken, ist Sylvester Antonys Motto. Wer das auch so sieht, sollte Wrodow unbedingt mal besuchen.

Kunst im Kuhstall in Rothen

Das Dorf Rothen wirkt wie eine Mischung aus Bullerbü und Landkommune plus Gutshaus und einigen Ferienwohnungen. Kastanienbäume stehen hier, Wein rankt die Wand hoch. Spatzen tschilpen, übers Dach ziehen Schwalben. Vor dem Haus steht eine Wippe und ein Kinderkarussell - und daneben Takwe Kaenders. Die gebürtige Kölnerin ist Vorsitzende des Vereins Rothener Hof, der sich das Ziel gesetzt hat, einen denkmalgeschützten ehemaligen Kuhstall zu erhalten und als kulturelles Zentrum zu nutzen. Allein dessen Dachboden ist 350 Quadratmeter groß - und oft Bühne für Kulturveranstaltungen.

Takwe Kaenders ist Künstlerin und hat in Halle Metallgestaltung studiert. In ihrer Werkstatt stehen zwei Ambosse. Hammer, Zangen, Schraubzwingen und Schutzbrille auf der Werkbank deuten darauf hin, dass hier regelmäßig gearbeitet wird. Kaenders gibt auch Schmiedekurse - für Touristen zum Beispiel, die im Urlaub mal handwerklich kreativ werden wollen.

Achim Behrens ist schon in die Tischlerei vorgegangen. Er arbeitet dort gerade an einer Tür. Möbel macht er auch. Und er gibt Kurse im Bogenbauen. "Ich gehe durch den Wald, wie andere Leute Pilze suchen, und suche das passende Holz." Der Bogen, den er den Gästen zeigt, ist fast mannshoch.

Draußen scheint noch immer die Sonne. Einige Gäste haben es sich an den Tischen des Restaurants "Zur Rothen Kelle" im Freien gemütlich gemacht. Es gibt Lammcurry, Kartoffelpuffer mit Rharbarbermus und Quiche mit Lachs. Ein Dorfbewohner holt sich gerade seinen zweiten Erdbeereisbecher. Und hinter dem Gutshaus ruht der See.

Ausstellungen direkt neben Bahnhofsgleisen in Teterow

Das alte Bahnhofsgebäude in Teterow wird nicht mehr gebraucht. Im vergangenen Jahr ist hier die Kunst eingezogen. Regelmäßig gibt es Ausstellungen - direkt neben den Gleisen. Zu sehen sind nicht nur Arbeiten von Künstlern aus der Region, aber auch: von Malte Brekenfeld zum Beispiel, selbst in Teterow geboren, aber auf der ganzen Welt rumgekommen.

Der Maler treibt es bunt und manchmal maritim. Seine Motive findet er aber nicht nur im Hinterland der Ostseeküste. Auf Werken wie der "Seekarte Karibik" sind Hammerhaie und Pelikane zu sehen. Mit dem Norden verbunden fühlt sich Brekenfeld aber doch: "Ich könnte nie in den Bergen wohnen, ich brauche den Horizont."

Hochkarätige Sammlung in Neubrandenburg

Vielleicht nicht wirklich ein Geheimtipp, aber unbedingt zu empfehlen ist die Kunstsammlung in der Großen Wollweberstraße. "Wir sind ein relativ neues Museum - von 1982", sagt Merete Cobarg, die Leiterin. Eine Kunstsammlung gab es zwar schon ab 1920 im Herzoglichen Palais am Marktplatz. Aber am Ende des Zweiten Weltkriegs ging sie verschollen. Inzwischen ist die neue Kunstsammlung auf rund 7000 Werke angewachsen, mit einem Fokus auf der Zeit ab 1950.

"Sehr viele Stillleben und Landschaften, weniger Akte und Gruppenbildnisse, sagt Cobarg. Ein Stillleben gehört auch zu den bei den Besuchern am beliebtesten Werken: "Zwei runde Brote und Karaffe" von Theodor Rosenhauer. Neben Gemälden gehören zur Sammlung vor allem Plastiken und Skulpturen. Der in der Schweiz lebende Künstler Daniel Spoerri kombiniert Materialien wie Pflugteile, Fahrradklingel und einen Tierschädel zu seinen ungewöhnlichen Objekten, die in Neubrandenburg zu den Hinguckern zählen.

In Plüschow arbeiten junge Künstler aus aller Welt

Das Mecklenburgische Künstlerhaus Schloss Plüschow hat inzwischen Weltruf: Das dreigeschossige Backsteinhaus beherbergt sechs Gastateliers, in dem bereits junge Künstler aus aller Welt gearbeitet haben. Jeweils ein Vierteljahr bleiben die Stipendiaten. "Manche von ihnen leben das erste Mal in einer ländlichen Umgebung", sagt Miro Zahra vom Förderkreis, der das Künstlerhaus trägt. Die Arbeiten der Stipendiaten werden regelmäßig ausgestellt. Kunst findet sich in dem barocken Landschloss aber auch sonst an vielen Stellen.

Hinter dem Haus liegt der riesige Garten, ein grünes Meer der Stille mit blühendem Flieder, Pusteblumen und Löwenzahn auf den Wiesen. Allerdings ist immer mal wieder das Kreischen der Motorsäge von Didier Rousseau zu hören. Der Franzose mit der roten Latzhose schätzt die Philosophie Martin Heideggers und liebt Bäume. Und er bearbeitet auch als Künstler bevorzugt Holz. Gerade hat er aus einem Stück Stamm überdimensionale Erlensamen gesägt: Ein Franzose aus der Champagne, der in der Pampa genau die Arbeitsbedingungen gefunden hat, die er braucht. Das gibt es in New York, Paris oder Basel eben nicht.

Andreas Heimann, dpa
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