Montag, 24. Juni 2019

Unterwegs in der Transsibirischen Eisenbahn Schiene ins Gestern

Transsibirische Eisenbahn: "Zarengold" am Baikalsee
TMN

Knapp 9300 Kilometer sind es von Moskau bis Wladiwostok. Die Strecke kann man mit der längsten durchgehenden Eisenbahnlinie der Welt zurücklegen. Es gibt kaum einen besseren Weg, Russland wirklich kennenzulernen, als mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Moskau - Es ist eine Erinnerung an frühere Zeiten: Das rhythmische Rattern der Schienenstöße kennt man aus deutschen Waggons mittlerweile kaum noch. Wenn der Zug der Transsibirischen Eisenbahn durch das Riesenreich jenseits des Urals fährt, begleitet das Geräusch den Reisenden in den Schlaf und weckt ihn früh morgens.

Reisen auf dieser längsten durchgehenden Eisenbahnlinie der Welt bedeutet ein stetiges Zu- und Aussteigen von Reisenden und den Transport von Waren. In den Bahnhöfen stehen kilometerlange Züge mit Holz aus den unendlichen Wäldern Sibiriens oder Kohle und Erz für die Kraftwerke und Industriekomplexe in den Städten entlang der Strecke. Seit dem Baubeginn 1891 ist die Trasse der Transsibirischen Eisenbahn die Hauptschlagader des Russischen Reiches.

Die Reise beginnt in Moskau. Doch so richtig sibirisch wird sie erst in Krasnojarsk. Die Millionenstadt am Jenissej ist seit 380 Jahren das Tor nach Sibirien, von hier aus eroberten und besiedelten Kosaken den Osten. Die Universitätsstadt ist ein riesiger Mix aus sowjetischer Betonoptik, klassizistischen Gründerzeithäusern und herausgeputzten orthodoxen Kirchen.

Auf dem Bahnsteig unter der riesigen Stahlkonstruktion stehen Kioske, Marktfrauen bieten auf Bollerwagen Verpflegung für die Fahrt an: Gurken und Tomaten, Blinis und Brot, Fisch und Fleisch. Früh morgens steigen nur wenige aus, um sich einzudecken. Auf der Fahrt wird der Zug häufig an großen Bahnhöfen halten und sich dieses Bild wiederholen. Eine Dreiviertelstunde haben Reisende dann Zeit, sich die Beine zu vertreten, einzukaufen, in den Bahnhofsgebäuden zu duschen oder die Umgebung zu erkunden.

Russlands Hauptschlagader

Aber Vorsicht: Der Zug fährt pünktlich ab, genauso wie er einfährt. Keine Sekunde Verspätung wird geduldet. An jedem Waggon steht eine Zugbegleiterin in blauer Uniform. Sie zählt die Reisenden beim Aussteigen und hat ein scharfes Auge darauf, dass jeder wieder einsteigt. Wer auf den letzten Drücker kommt, erntet böse Blicke und Verwarnungen. Das System funktioniert. Russland kann es sich nicht leisten, dass seine Hauptschlagader verstopft.

Wer als Tourist in die Bahn steigt, wird von der Zugbegleiterin in Empfang genommen, sie inspiziert kritisch Ticket und Visum. Ein kurzes Kopfnicken und mit einem Winken ist der Weg frei. Im Waggon ist es schummrig, die Jalousien sind noch heruntergelassen, die anderen Fahrgäste schlafen. Einige Türen sind angelehnt, darin manchmal leises Schnarchen, die Luft ist stickig.

Fünf Abteile gibt es pro Waggon, in jedem Abteil rechts und links zwei Liegen mit rotem Kunstleder bezogen, am Fenster der Klapptisch, Gepäckfach über der Tür. Viele der Waggons sind bis in die 80er Jahre hinein in der ehemaligen DDR gebaut worden.

Im Abteil sind nur die unteren Liegen frei, oben das Geräusch tiefer Atemzüge. Wohin mit dem Rucksack? Erstmal leise sein und schauen, wie man sich dort einrichtet. Auf die Sekunde genau geht ein Ruck durch den Zug, und langsam rollt er aus dem riesigen klassizistischen Bahnhofsgebäude.

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