Sonntag, 15. Dezember 2019

Unterwegs in der Transsibirischen Eisenbahn Schiene ins Gestern

Transsibirische Eisenbahn: "Zarengold" am Baikalsee
TMN

2. Teil: Ein Samowar pro Waggon

Im Bahnhof zeigt die Uhr noch kurz vor sieben, im Zug befindet man sich in einer anderen Zeitzone: Die Uhren der Transsibirischen Eisenbahn gehen nach Moskauer Zeit, die An- und Abfahrtszeiten auf den Fahrplänen genauso wie auf den Bahnsteigen. Und die Fahrt geht nach Osten, auf der Strecke kommen weitere zwei Stunden Differenz dazu.

Die Transsibirische Eisenbahn ist mehr als ein Zug. Sie ist ein ganzes Streckennetz zwischen Moskau und Wladiwostok, mit einzelnen Magistralen, wie der Baikal-Amur-Magistrale, die von Taishet bis Tynda im Norden den Baikalsee umrundet, und Abzweigungen, die in die Mandschurei oder über die Mongolei nach Peking und sogar nach Nordkorea führen. Nahezu jede größere Stadt unterhält ein eigenes Zugpaar, das im Pendelverkehr die Verbindung nach Moskau und sogar über St. Petersburg und Warschau nach Köln herstellt.

Auf der oberen Liege rührt sich etwas, Gähnen, ein Bein baumelt plötzlich über den Rand, der Fuß sucht nach dem Tritt am Gestell. Der Saum einer geblümten Kittelschürze wird sichtbar, kurz darauf steht eine vielleicht 60 Jahre alte Frau auf dem Boden, reibt sich den Schlaf aus den Augen und guckt interessiert. Sie fängt an Russisch zu reden. Wie ein Wasserfall. Dann nimmt sie sich Handtuch und Zahnbürste und geht.

Nach der Rückkehr setzt sie sich auf die untere Liege an den Tisch, holt Brot und Wurst aus einer Tasche und schiebt schließlich ein Wurstbrot rüber. Das Wörterbuch liegt längst parat, es wird in den kommenden Wochen das nützlichste Reiseutensil sein.

Teewasser gibt es gratis

Irina kommt aus der Ukraine, sie ist auf dem Weg nach Tynda, um ihre Tochter und die Enkel zu besuchen. Sie erklärt, wie es im Zug läuft: In jedem Waggon gibt es einen Samowar, der von den Zugbegleiterinnen geheizt wird - Teewasser ist überall kostenlos zu haben. Irina gibt Tee aus und erzählt dann vom Leben und Reisen in Russland, von ihrem Sohn, der noch bei ihr lebt. Mit Russen nicht zu reden, ist unmöglich. Sie wollen immer wissen, wo man herkommt, was man im Land sucht und erlebt.

Draußen vor dem Fenster gleiten die Außenbezirke einer Industriestadt vorbei: Plattenbauten und dazwischen ein Gewirr von Baukränen. In russischen Städten auch in Sibirien kann Wohnraum gar nicht schnell genug entstehen. Überall an der Strecke stehen Städte, Bergwerke, Kraftwerke, Stahl- und Aluminiumhütten. Dann weichen die Betonkomplexe den Datschen: Die kleinen Holzhäuser stehen in großen Gärten, in denen die Kartoffeln blühen und Gemüse in Reihen wächst. Ab und an Vieh, immer eine Banja, die russische Sauna daneben. Fast jede russische Familie unterhält ein solches Ferienhaus.

Viele Mitreisende sind Familien auf dem Weg in die Ferien. Mit Sack und Pack kommen sie aus den Städten in den Wäldern an die Trasse, um ans Meer oder Richtung Moskau oder zum Zelten an den Baikalsee zu fahren. So wie Larissa, die vierte im Abteil, die nur nachts zum Schlafen und mittags für ein Nickerchen reinkommt: Irgendwo in dem kilometerlangen Zug sitzt ihr Mann mit den Kindern.

Die Tür zum Abteil geht auf. Die Zugbegleiterin will noch einmal die Tickets kontrollieren, blickt auf die Abteilnummer und reicht wortlos ein Paket in einer Plastiktüte herein. Darin befinden sich Bettlaken, Bezüge und Handtücher. Diese Frauen sind die unumschränkten Herrscherinnen der Waggons: Sie versorgen die Fahrgäste, saugen täglich den Teppich auf dem Flur und wischen in den Abteilen feucht durch. Sie bändigen trinkfreudige Jugendliche und wissen immer die aktuellen Preise für Lebensmittel auf dem Bahnsteig.

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