Montag, 22. Juli 2019

Spitzbergen Drei Farben blau

Norwegen: Spitzbergen im Winter
TMN

Von November bis Januar sind in Spitzbergen die Tage wie die Nächte: dunkel. Doch wenn Tiefschwarz zu Dunkel- und dann zu Hellblau wird, sind Bewohner und Touristen gleichermaßen euphorisch. Für kurze Zeit scheint dann vieles möglich. Unterwegs im Zwielicht.

Longyearbyen - Tiefschwarz: Es ist noch dunkel, als es ans Anziehen geht. Zuerst den Overall - wasserabweisend und windfest. Darüber die Stiefel, bei denen zum Schutz vor Kälte ein Schuh in einem größeren steckt. Die Handschuhe - die dünnen aus Wolle, darüber die wattierten und dann das schwere Paar, das zum Overall gehört. Die Sturmmaske über das Gesicht - nur die Augen sind nun noch frei. Dann den Helm über die Sturmmaske ruckeln und die Skibrille aufs Gesicht drücken - kein Zentimeter Haut liegt mehr frei.

Das schwarze Schneemobil reagiert sofort. Mit der rechten Hand Gas geben, und schon gleitet das Gefährt durch den Schnee. In einer Schneemobil-Kolonne geht es aus dem Ort hinaus. Eine schwarze Schlange, die langsam in die Eiswüste kriecht.

Spitzbergen, oder Svalbard, wie man im Norwegischen sagt, ist eine Inselgruppe im arktischen Meer. Sie liegt etwa auf halbem Weg zwischen Norwegen und dem Nordpol. Im Winter ist die ganze Insel mit Schnee bedeckt - die Durchschnittstemperatur liegt bei minus 15 Grad. Dazu kommt die Dunkelheit. Von Mitte Oktober bis Mitte Februar geht die Sonne nie auf. Tagsüber ist das hellste Licht die Dämmerung. Von Mitte November bis Ende Januar gibt es noch nicht einmal sie.

Es dauert eine Weile, bis die Finger nicht mehr vor Anspannung krampfartig das Steuer des Schneemobils umkrallen. Mit 50 bis 60 Stundenkilometern geht es immer weiter in die Wildnis hinaus. Schneebedeckte Dünen, kilometerweit. Minutenlang nur das Rattern des Motors und Eisberge im Dämmerlicht. Und dann taucht plötzlich ein Tier mit einem dicken weißen Pelz im rechten Blickwinkel auf. Und dann noch eins. Das Spitzbergen-Rentier - ohne das charakteristische Geweih erkennt man es kaum.

Wenn die Sonne aufgeht, gleicht alles einem Taubenschlag

Ungefähr eine Stunde lang geht es immer gerade aus - eine Schlucht zwischen zwei Eisbergen hindurch. Niemand war hier vorher. Die Schneemobile fahren die ersten Spuren in den Schnee. Dann geht es einen Berg hinauf - immer weiter nach oben. Auf dem Gipfel werden die Maschinen abgeschaltet. Und auf einmal ist es ganz still. Dann geht am Horizont zum ersten Mal seit langer Zeit die Sonne auf.

Hellblau: An diesen Tagen im Februar, wenn die Sonne zurück ist, gleicht Longyearbyen einem Taubenschlag. Eine Hauptstraße, gesäumt mit Bungalows in Gelb, Grün und Rot, eine Handvoll kleinerer Wege, die von ihr abgehen. Sich zu orientieren, ist nicht schwer.

Ist die Sonne aufgegangen, ist sie nur für rund 20 Minuten zu sehen. Dann setzt die Dämmerung wieder ein. In der kurzen Zeitspanne spazieren Bewohner zu Dutzenden durch die verschneiten Straßen, halten das Gesicht zur Sonne, ein Lächeln auf den Lippen. Mit den bunten Funktionsjacken müssen sie von oben aussehen wie Konfetti im Schnee. Ein Mann fährt zügig mit einem Schneemobil vorbei. Dahinter ist mit einem Seil ein Schlitten gespannt. Zwei Kinder sitzen darauf, dick eingepackt in Overalls. Sie kreischen vor Vergnügen.

Am Abend ist im Irish Pub kein Platz mehr frei. Die Bergleute aus den Kohlenminen, die Klimaforscher, die Touristenführer und die Besucher ? alle sind sie da. Bis Mitte der 90er Jahre saßen fast nur Männer in Longyearbyen am Tresen. Ursprünglich ist der Ort ein Minenarbeiterstädtchen. Um 1900 herum machte die erste Mine zum Kohlenabbau wenige hundert Meter hinter dem Ort auf. Als sie leer war, öffneten weitere außerhalb. Heute gibt es noch drei aktive Minen mit rund 400 Arbeitern. "Aber letztendlich ist Kohle ein totes Geschäft", sagt Mahdi Shabanimash.

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