Mittwoch, 11. Dezember 2019

Spitzbergen Drei Farben blau

Norwegen: Spitzbergen im Winter
TMN

3. Teil: Abwärts in den Gletschertunnel

Hier, im Gelände, ist eine Begegnung nie ausgeschlossen. Zuletzt kam im August 2011 ein britischer Tourist bei einem Eisbären-Angriff ums Leben. Trond läuft mit schnellen Schritten den Berg hinauf. Er ist zwei Meter groß und wohl das, was man einen Bär von einem Mann nennt. Auf dem Rücken trägt er den Proviant für unsere zehn Mann starke Gruppe - nach der ersten halben Stunde haben sich noch nicht einmal seine Wangen gerötet. Einem selbst klebt dagegen das T-Shirt schweißnass am Körper. Das bisschen Training im Fitnessstudio ist hier draußen nichts wert.

Fast eine Stunde lang geht es immer bergauf. Die Dämmerung nimmt langsam zu. Dutzende Facetten von Blau. Dann stoppt Trond plötzlich vor einem Loch im Weg. Es ist mit einem großen Schneeball verdeckt und in etwa so groß wie die Öffnung eines Schlafsacks. "Der Eingang", erklärt Trond. Dann rollt er den Schneeball zur Seite und leuchtet mit der Taschenlampe hinein. Etwa zwei Meter Tunnel sind zu erkennen - dahinter ist wegen einer Kurve nichts mehr zu sehen. Der Tunnel ist etwa so breit wie die Röhre in einer Wasserrutsche.

Alleine draußen vor dem Loch zu warten, ist wegen der Eisbären keine Option. Also werfen die Besucher nacheinander ihre Rucksäcke in den Tunnel und rutschen dann bäuchlings mit den Füßen zuerst hinterher. Die Gletscherhöhlen-Touren sind so etwas wie das Highlight des Winterprogramms für Touristen in Spitzbergen. Durch den Schnee steigt man herunter in die Flussbetten, in denen im Sommer das Tauwasser vom Gletscher abfließt. Von dort aus kann man unter den Eisberg gelangen.

Eiszapfen glitzern im Licht

Für Menschen mit Klaustrophobie nicht geeignet, stand im Prospekt. Als Trond einen an den Füßen aus dem Tunnel und in die Höhle zieht, denkt man, dass es leichtfertig war, diese Warnung zu ignorieren.

Unten angekommen, steht man in einem Hohlraum ? obendrüber Hunderte Tonnen Gletscher. Die Eiszapfen hängen zu Hunderttausenden von der Decke - wie ein Nadelkissen. Die Stirnlampen an unseren Helmen leuchten den Raum aus. Die Eiszapfen glitzern im Licht. Vorsichtig tastet sich die Gruppe geradeaus. Schon nach wenigen Metern kann man nur noch gebückt stehen. Dann geht es durch eine Felsritze hindurch.

Zurück außerhalb des Berges ist es dunkel. Erleichtert und mit schnellen Schritten geht es auf den Weg zurück in den Ort. Oben der Sternenhimmel. So viele Sterne sind in Deutschland nie zu sehen. Dann geht es weiter den Berg hinunter. Trond ist inzwischen viele Meter weit voraus. Auf einmal ist rechts neben einem schemenhaft etwas zu erkennen. Das war kein Eisbär. Oder doch?

Kristin Kruthaup, dpa

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