Donnerstag, 20. Juni 2019

Schneeschuhwandern in Kanada Weite, stille Einsamkeit

Kanada: Auf leisen Sohlen durch den Schnee
Monika Hippe

Kanadas Osten bietet grenzenlose, menschenleere Natur. In der Provinz Maurice führt Trapper Marcel auf Schneeschuhen durch die verschneiten Wälder und erzählt aus dem Leben seiner Vorfahren.

Maurice - Unter den Schneeschuhen knirscht der Winter Kanadas. Bei jedem Schritt baumeln die Fransen an Marcels Wildlederjacke von links nach rechts. "Ein Smartphone?" fragt der Trapper und beginnt zu lachen. Ganz langsam wie eine Pendeluhr schwingt sein Lachen von einem Ahornbaum zum andern. Dabei glätten sich die feinen Falten in seinem Lex-Barker-Gesicht, die Augen verengen sich zu Schlitzen.

In Marcels Welt hat man Zeit, langsam zu lachen, Zeit, den Vögeln hinterher zu schauen, zu beobachten, wie morgens der Wald im Sonnenaufgang errötet und Zeit, die Natur in sich aufzusaugen. "Technik brauche ich hier nicht", sagt Marcel.

Für ihn sind ganz andere Dinge wichtig: Er weiß, wovon man sich im Wald ernährt, wie man einen Bären erlegt und welche Felle die wärmsten sind. Marcel Banville ist Halbindianer vom Stamm der Micmacs und lebt in Maurice, zwischen Montreal und Québec City im Osten Kanadas. Sein Jagdgebiet ist etwa halb so groß wie der Nationalpark Bayerischer Wald und gespickt mit 29 Seen.

Die französischsprachige Provinz Québec ist reich an Wäldern und Seen. Reich an Zeit, Raum, und Stille - den Luxusgütern der Zivilisation. Der Mensch ist hier Mangelware. Rein rechnerisch teilen sich sechs Einwohner einen ganzen Fluss.

Trotz Minusgraden rinnt der Schweiß in Strömen

Der Norden des Landes ist kaum erschlossen. Lange vor den ersten Europäern siedelten die Micmacs (oder Mi'kmaq) südlich und östlich vom mächtigen St. Lorenzstrom, der tief ins Land schneidet. Heute leben in Québec etwa 70.000 Ureinwohner, davon sind 4500 Micmacs, die verschiedenen Stämmen angehören. So wie viele der Aboriginals in Kanada müssen auch sie für ihre Rechte kämpfen.

Der zahlenmäßig größte Micmac-Stamm hat erst 2011 die Anerkennung als 'First Nation' erhalten. Marcels Vorfahren lebten von Fischfang und Jagd, töpferten kunstvolle Holzschalen und Krüge und verzierten sie mit Stachelschweinborsten. Im Winter trugen sie geflochtene Schneeschuhe aus Elchleder in verschiedenen Größen. Je nachdem ob sie sich anschleichen wollten oder etwas transportieren mussten, hatte der Schuh die Form einer Rebhuhnkralle oder einer Bärentatze.

Die Schneeschuhe an unseren Füßen sehen ein bisschen aus wie gehäkelte Tennisschläger. "Damit sinkt ihr nicht so leicht ein, die modernen Plastikdinger sind nur was für präparierte Wege", ist Marcel überzeugt. Trotz Minusgraden rinnt der Schweiß den Rücken herunter, als wir in der Morgensonne durch den glitzernden Tiefschnee schlurfen.

Die Luft ist kalt und klar. Auf dem zugefrorenen Sacacomie-See - der die Form eines Schmetterlings hat - zieht eine Gruppe Schlittenhunde gen Osten, wie winzige Perlen auf einem riesigen weißen Bettlaken. An seinem Ufer wachsen 250 Jahre alte Weißkiefern.

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