Freitag, 19. Juli 2019

Schneeschuhwandern in Kanada Weite, stille Einsamkeit

Kanada: Auf leisen Sohlen durch den Schnee
Monika Hippe

2. Teil: Wölfe in der Nacht

Die Holztür der alten Fischerhütte knarzt, als Marcel sie öffnet. Drinnen riecht es nach Holzkohle. Auf einer Wäscheleine hängen streichelfertig die Felle von Biber, Wolf, Bär, Karibu und vom scharfzähnigen Vielfraß, dem "Dämon des Waldes".

Marcel entzündet ein Feuer im Ofen. Eineinhalb Jahre hat er in einer ähnlichen Hütte im Wald gelebt, sich von Pflanzen und Tieren ernährt, um das Leben seiner Vorfahren zu ergründen. Eines Nachts auf einer Wanderung passierte es: Um der Kälte zu entkommen, grub er sich im Schnee ein. Er hörte etwas rascheln, sein Herz klopfte. Fünf Wölfe kamen auf ihn zu. Sie schlichen ganz nah heran und beschnupperten ihn.

"Ich hatte eine Höllenangst. Das waren die längsten Minuten meines Lebens.", erzählt Marcel. Zum Glück ließen sie ihn nach einer Weile in Ruhe und zogen weiter. "Seitdem habe ich höchsten Respekt vor Wölfen und jage keine mehr", sagt er und streichelt wie zur Entschuldigung ein weißes Timberwolfsfell.

Schließlich geht es weiter durch den Wald. Marcel zeigt uns Tierfallen für Nerze und Nachbauten der Langhäuser, in denen früher Biberfelle gegen Tabak getauscht wurde. Marcels Ziel ist es, das Wissen seiner Vorfahren an nachkommende Generationen weiterzugeben. Er bietet deshalb auch mehrtägige Wildnistouren mit Übernachtung im Tipi an.

Whiskey mit Ahornsirup

Die Symbiose zwischen Indianerleben und Tourismus schaffen nicht viele. Dreiviertel der Ureinwohner leben - zwar mit Elektrizität - aber in Armut im Wald. "Sie hätten gern Fernseher und Laptops, wollen aber nicht ihre Lebensweise dafür ändern. Als Forstarbeiter müssten sie Bäume fällen, die ihnen heilig sind. Ihren Frust ertränken viele im Alkohol.", sagt Marcel.

Später verteilt er Gabelbissen mit selbst geräucherter Forelle. Pro Jahr darf Marcel einen Bären jagen, allerdings das Fleisch aus Hygienegründen nicht verkaufen. Er schenkt es Freunden und jeden September veranstaltet er ein Fest zur Eröffnung der Jagdsaison, dann gibt es bei ihm zu Haus gegrilltes Bärenfleisch. Am Nachmittag wandern wir durch den Tiefschnee zurück ins einzige Hotel am See. Ein prächtiger Bau, gezimmert aus Baumstämmen mit bis zu 60 Zentimeter Durchmesser, inmitten der Wildnis. Die Umgebung diente schon als Kulisse in Kinofilmen wie dem Thriller 'Das geheime Fenster' mit Johnny Depp.

Drinnen prasselt ein Feuer im offenen Kamin. An der Wand hängt ein Elchkopf mit Riesengeweih, und auf der Theke begrüßt ein ebenso ausgestopfter Otter die Durstigen. Der Kellner versorgt uns mit Sortilège, einem Whiskey mit Ahornsirup. In schweren Ledersesseln am Kamin planen wir die nächsten Tage: Skilanglauf oder Eisangeln, Schlittschuhlaufen oder einen Rundflug über den See. Die Auswahl ist groß.

Im Hotel gibt es Zimmer mit eigenem Jacuzzi. Doch nach einem Fernseher sucht man vergebens. Stattdessen lädt ein großer Balkon auf einen Plausch mit dem Sternenhimmel ein. Die Natur hat das beste Programm. Der Schnee glitzert, weiße Atemwölkchen steigen in die Luft. In der Ferne heult ein Schlittenhund auf oder war es ein Wolf? Schließlich haben wir Vollmond. Dann ist es wieder ganz still. So still, dass man sich nach einer Weile einbildet, irgendwo zwischen den Bäumen Marcel lachen zu hören.

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