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Segeln im Mittelmeer: An Bord der Kairós

Foto: Sailing Classics

Törns für Feinschmecker Setz die Segel und los

Pures Genusssegeln auf außergewöhnlich schönen Schiffen, entspannt durch das Mittelmeer oder die Karibik dem Sonnenuntergang entgegen. mmo-Autorin Uta Petersen segelte mit dem Schoner "Kairós" entlang Sardiniens Costa Smeralda und Korsikas Südküste. Eine Erkundung.
Von Uta Petersen

Olbia - "Den günstigen Augenblick am Schopf packen" - so lautet die symbolische Bedeutung des Namens "Kairós" in der griechischen Mythologie. 'Einmalige Gelegenheit', das sagte sich auch der Rostocker Event-Caterer Steffen Bisch, als sich ihm vor einem Jahr die Möglichkeit bot, als Schiffskoch auf dem Segler "Kairós" anzuheuern. Seitdem sind knapp zwei Quadratmeter Bordküche sein Zuhause.

Morgens um 7:15 Uhr beginnt sein Tag, selten endet er vor 22 Uhr. An den täglichen vier Mahlzeiten - Frühstückbuffett, Lunch, Kaffee/Teatime und Dinner - lässt er Woche für Woche seinen unerschöpflichen kulinarischen Ideen freien Lauf.

Zwölf Gäste, sechs Crewmitglieder, für eine Woche auf begrenzten, schwankenden Quadratmetern - das hat nahezu familiären Charakter. Rasch sind die notwendigen Koordinaten seitens des niederländischen Kapitäns Frans Veldstra und die privaten der Gäste untereinander abgesteckt. Hilfsbereites Miteinander entsteht, dennoch bleibt ausreichend Raum und Zeit für persönlichen Rückzug.

Anhand der Seekarte geht der Kapitän täglich mit den Gästen die Route des Tages durch. Wünsche im weitesten Rahmen des Segelreviers sind erbeten. Letztendlich entscheidet aber stets "it depends on the weather", es hängt vom Wetter ab. Und das kann bei herrlichstem Sonnenwetter durchaus unterschiedlich sein.

Aufregendes Schauspiel

Alles fest verzurrt und verstaut? Bis zu 10 Knoten kann die "Kairós" vorlegen, eine Seemeile entspricht 1,852 Stundenkilometer. Hart am Wind, Schräglage und Gischt am Bug bei bis zu sechs Windstärken, da sollten weder Handy noch Sonnencreme umher fliegen.

Das Setzen der fünf Segel geschieht auf der "Kairós" oft auf traditionelle Weise und nicht elektronisch per Knopfdruck. Zuerst das Hauptsegel, dann das Fisherman, danach das Klüver außen und innen die Fock. Ist es sehr windig, wird zuerst das mittlere Stagsail gesetzt.

Welche Reihenfolge auch immer, es ist ein aufregendes Schauspiel. Die Flattergeräusche der "killenden" Segel, das übergeht in ein summen, das Windjammern in der Takelage: Musik in manchen Ohren.

Der Grundriss der "Kairós" orientiert sich an klassischen Segelschonern aus den 1920er Jahren. Konstrukteure wie der Schotte William Fife, der Brite Charles E. Nicholson oder die Amerikaner John Alden und Nathanael Herreshoff gestalteten Yachten von unübertroffener Eleganz und Schönheit. Gemäß dieser Tradition hat man 2007 die "Kairós" mit einem Rumpf aus Stahl und einem kompletten Ausbau in Teak und Mahagoni gestaltet.

Der Koch, seine Messer, seine Rezepte und deren Liebhaber

In der Bordküche hat Chefkoch Steffen Bisch auch bei unruhiger See alle Utensilien im Griff, vor allem seine eigenen, extrem scharfen Messer. Seegang bewegt ihn wenig, wohin soll er auch fallen!? Vor sich die Arbeitsplatte mit Herd und Spüle, hinter sich die Wand. "Auch bei Seegang könnte ich kochen", sagt er, "aber dann will oder kann sowieso niemand etwas essen".

Für heute hat er sich für kalte Gemüsesuppe, einen Risotto und Lachs in Wasabi-Kruste entschieden. "Leichte mediterrane Salate, mit Parmesan, Fleisch oder Fisch sind ebenfalls sehr beliebt und bekömmlich", sagt der bekennende Johann-Lafer-Fan.

"Die Gäste sind meist froh, wenn die Mahlzeiten an Bord nicht so schwer sind". Dabei kommt ihm die Zutatenvielfalt des Mittelmeerraumes entgegen. Frische Ware, nicht zuviel und nicht zuwenig, Platz und Vorratshaltung erfordert eine ausgeklügelte Logistik.

Wenn die frisch geangelten kleinen Fische sich nicht so recht einer Art zuordnen lassen, sind sie auch ohne Namen kurzerhand erledigt, ausgenommen und zu zarten Filets verarbeitet. Veganer, Vegetarier, Frutarier - alle denkbaren Schattierungen von Speisevorlieben an Bord empfindet Steffen Bisch als Bereicherung seiner Arbeit.

Schwimmende Millionen

Das süße Nichtstun der Gäste zeigt unterschiedliche Erscheinungsformen. Vom Tiefschlaf in der Kabine mit Meerblick über exzessives Lesen im Deckliegestuhl, flach auf den sonnenwarmen Teakholzplanken liegend die Schiffsbewegungen genießen bis hin zum Horizont absuchen mit dem Fernglas. Mit anpacken ist gern gesehen, meist sind es die Herren unter den Gästen, die mit Freude der Crew zur Hand zu gehen.

Das Segelrevier Costa Smeralda ist das Refugium der Oligarchen und Tycoone. Ihre Privatyachten, Hochglanzexemplare der Superlative liegen auf Reede oder dümpeln für rund 3000 Euro Liegegebühr pro Tag im Hafen Porto Cervo vor sich hin.

Die Luxusvillen an der Küste hingegen sind kaum sichtbar, weil sie in Bauweise und Farbton der sardischen Natur angepasst sind. "Lady Moura", eine der weltweit größten Yachten im Wert von 200 Millionen US-Dollar und im Besitz des Saudi-Arabischen Geschäftsmannes Nasser Al Rashid zieht lautlos vorbei. Auch gewöhnliche Passagierfähren passieren den Törn, schnittige Segler und diverse Cruise Liner.

Anker setzen am Nachmittag, Anker lichten am nächsten Vormittag, das täglich ratternde Ritual in wechselnden, türkisgrünen, kristallklaren Badebuchten. Einstieg ins Wasser oder in das Dinghy-Schlauchboot bequem über die seitliche Admiralitätsleiter - oder per Sprung von Bord. Schnorcheln, Wasserski, Wakeboarding, Tuberiding - nichts ist unmöglich. "It depends on ... the wishes of the guests!"

Wenn sich die Alltags-"Knoten" lösen

Jederzeit ist noch Land in Sicht, die bizarren Granitfelsen der 'Gallura', kleine unbewohnte Inseln, Küstenorte. Mit jeder Seemeile Entfernung vom Land wird es anstrengender, sich überhaupt noch um irgendetwas den Kopf zu zerbrechen.

Alltags-"Knoten" lösen sich einfach auf, im Kopf entsteht Platz für neue Gedanken - oder auch für gar keine. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Segeln um des Segelns Willen. Eine "Denkinsel" nennen die einen die "Kairós", ein "El Dorado der Inspiration" die anderen.

Als der Nationalpark des La-Maddalena-Archipels in Sicht kommt, duftet es aus dem Reich vom Chefkoch nach Kuchen. Jeden Nachmittag kommt ein anderes seiner Rezepte zum Zuge. Kuchen und Desserts seien seine Spezialität, erklärt Steffen. Die Mokkatorte wird später allen auf der Zunge zergehen und seine Worte bestätigen.

Landgänge können, müssen aber nicht sein. Der Koch muss, denn er will einkaufen. "Ich habe kürzlich einen versteckten Supermarkt auf La Maddalena entdeckt", freut sich der Küchenchef, "nach und nach erobere ich mir die Lieferanten in dieser Segelregion und finde ich genau die Ware und die Qualität, die ich möchte", sagt er.

Alles OK mit Mast und Gast?

Steuerrad, Segel, Kompass, Tiefenmesser und mehr - Kapitän Frans Veldstra hat rund um die Uhr alles im Blick. Gleichzeitig. Sein Arbeitstag endet selten vor ein Uhr nachts. Von Zeit zu Zeit begibt er sich auf Schiffsrundgang. Keine Nuance der Befindlichkeiten bei Gästen oder seiner Crew entgeht ihm. "The guests are my cargo", bekennt er, "sie bekommen meine vollständige Zuwendung".

Er hat sichtlich Freude an einem guten Gedankenaustausch, gelegentlich sogar mit Tiefgang, serviert auch gern spontan das Wunschgetränk. Auftauchenden Problemen nimmt er den Wind aus den Segeln. Der studierte Psychologe kann dabei auf seine Erfahrungen als Teamtrainer für gruppendynamische Prozesse zugreifen - den richtigen Ton zu treffen, die richtige Frage zu stellen, das richtige Angebot zu machen oder die richtige Maßnahme zu entscheiden.

"Ich bin erst zufrieden, wenn sich alle an Bord rundum wohlfühlen", betont Frans Veldstra wieder und wieder. "Für mich und die Crew bedeutet das durchgehend allerhöchste Aufmerksamkeit und Konzentration.

Den Kapitän nachts zu wecken, weil der Champagner zur Neige geht - lieber nicht. Wohl aber zwingend, sollten jemandem an Bord sonderbare Geräusche oder Gerüche auffallen. Das gleichmäßig takkernde Geräusch am frühen Abend ist unbedenklich, es kommt aus der Küche.

Koch springt von Bord

Steffen Bisch hackt Dill für die Gurkensuppe zum ersten Dinnergang. Der Pastateig vorbereitet, der Grauburgunder Pinot Bianco kalt gestellt, das Sorbet zum Dessert im Tiefkühlfach angesetzt. Bevor es in der Bordküche erneut auf die Zielgeraden geht, springt der Chefkoch elegant von Bord und krault einige Runden um das Schiff.

Niemand will auch nach dem letzten, dem Kapitänsdinner unter dichten Sternenzelt und bei warmer Nachtluft wirklich schlafen gehen. Dieser Sachverhalt wird nicht im Logbuch erwähnt, nur die exakten Schiffspositionen.

Nach etwa 350 Seemeilen am Ende einer "Kairós"-Woche sind mehr Segelexperten an Bord als zu Beginn, keine Frage. Bis zuletzt lässt Kapitän Veldstra passioniert und mit Esprit die Gäste an seinem Wissen zu Navigation, Schiffs- und Wetterkunde teilhaben. Wie viel davon im Gedächtnis bleiben wird? "It depends on ...!"

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