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Unterwegs in Äthiopien: Königsstädte und Wasserfälle

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Regenzeit in Äthiopien Mystik und Matsch

Äthiopien wurde als einziges Land Afrikas nie kolonialisiert. Die alte Königsstadt Gondar kündet von glorioser Vergangenheit. Wer heute das Land per Bus bereist, bringt viele Geschichten mit nach Hause - alle aus der Vergangenheit, denn hier schreibt man gerade das Jahr 2006.

Addis Abeba - Vor dem Flughafen von Addis Abeba drücken sich am frühen Morgen einige gelangweilte Taxifahrer um ihre Autos und rauchen. Zum Busbahnhof, da könne er die beiden Touristen mit den großen Rucksäcken schon hinbringen, sagt einer von ihnen in holprigem Englisch. Allerdings fahre der Bus nach Bahir Dar, einer Stadt am malerischen Tanasee einige hundert Kilometer nördlich der äthiopischen Hauptstadt, erst in vier Stunden.

Die kurze Fahrt durch Addis - vorbei an spärlich beleuchteten Hütten und einigen wenigen sterilen Glasfronten - endet in einem dunklen Hinterhof. Der Fahrer empfiehlt, im Wagen zu bleiben: Für Fremde sei es hier ein heißes Pflaster. Ein schlecht gelaunter, weil gerade geweckter Wachmann erklärt den Bus für voll. "Aber den haben wir doch im Internet gebucht", insistiert die Rückbank naiv. Der Taxifahrer schüttelt den Kopf und erklärt: "Das ist nicht wie in eurem Land. This is Africa!"

In Äthiopien ticken die Uhren anders. Und das nicht in einer phrasenhaften Reisereportagen-Realität. Sie tun es wirklich. Wer hier um sechs Uhr morgens Ortszeit aufsteht, reibt sich nicht nur vor Müdigkeit die Augen: Die Zeitanzeigen stehen dann - mit Sonnenaufgang - auf Null. Zum Sonnenuntergang, der wegen der Nähe zum Äquator im Jahr nur wenig variiert, ist es 12 Uhr äthiopischer Zeit, eigentlich aber schon 18 Uhr. Bis zum nächsten Sonnenaufgang zählen die Einheimischen dann wieder bis zwölf.

Auch beim Kalender gibt es eine Besonderheit: Der basiert nicht auf der "gewohnten" gregorianischen Zählung, sondern benutzt die julianische Variante. Äthiopien ist der Zeit sieben Jahre und etwa neun Monate hinterher - und befindet sich momentan im Jahr 2006! Als ob das nicht genug wäre, fällt Neujahr auch noch auf den 11. September. Weihnachten ("Genna") dagegen ist am 7. Januar.

Google weit voraus

Man mag über das Für und Wider personalisierter Werbung im Internet streiten. Einmal nach dem Rührstab "Küchenfee" gesucht, ist die digitale Endlosschleifen-Reklame für Küchenmixer nicht mehr aufzuhalten. Google und Konsorten scheinen dieses Prinzip auf den Klosterinseln des Tanasees bei Bahir Dar kopiert zu haben.

Nach der Landung mit einem kleinen blauen Boot führt der gewundene Pfad durch dicht bewachsene Wälder zu den hölzernen Klöstern aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Den Weg dorthin säumen Verkaufsstände mit Schmuck, Holzgefäßen oder Maria-Porträts auf Kuhhaut. Konkurrenz unter den Händlern scheint es keine zu geben. Im Gegenteil: Die Händler leisten gemeinsame Überzeugungsarbeit.

Einmal eine Kette begutachtet, wieder zurückgelegt und selbst wahnwitzige Rabattangebote ausgeschlagen, verbreitet sich der Mitbringsel-Wunsch entlang des Pfades. Wo man auch hingeht: Das Wissen um das eine, potenzielle Andenken ist schon da. "Hey, Ferenji", rufen sie schon von weitem. "Hallo Fremder, schau dir meine schönen Ketten an".

Stand für Stand wird wortreich gestikuliert. Und aufs Neue die Ketten angepriesen. Personalisierte Werbung eben. Weich geklopft vom Spießrutenlauf reichen die Besucher schließlich Scheine über einen der Tische. Ob die Beute - gewissermaßen als Belohnung für eine geschlossene Teamleistung - geteilt wird, ist unbekannt.

An den Fällen des Blauen Nils

Es zahlt sich aus, in der Regenzeit nach Äthiopien gekommen zu sein: Ein unendlicher Strom brodelnder, brauner Brühe stürzt sich die Blue Nile Falls hinunter. Die Gischt durchnässt noch in Hunderten Metern Entfernung die Kleidung. Wenige Kilometer östlich von Bahir Dar fallen die Wassermassen des Blauen Nils mehr als 40 Meter in die Tiefe.

Direkt neben der Szenerie wird ein Besucher zur Wechselstube. Auf einer moosbewachsenen Brücke streckt ihm ein Mann eine Euro-Münze hin: "Können Sie das tauschen?" 25 äthiopische Birr wechseln den Besitzer. Weitere Einheimische kommen und haben Euros in der Hand. "Die nächste Bank ist kilometerweit entfernt und keiner hier hat ein Auto", erklärt ein Junge.

Im Bus umnachtet

Glimmende Räucherstäbchen parfümieren den Raum. Auf dem Boden des ramponierten Busses liegt büschelweise Gras. Auf den Halmen im Mittelgang: ein Ersatzrad und eine Brechstange. Etwa 25 Einheimische und zwei westliche Touristen schaukeln dicht gedrängt über beeindruckende Gipfelpässe von Bahir Dar in die ehemalige Hauptstadt Gondar.

Viele kauen die berauschenden Khat-Blätter und spucken die Reste auf den Fahrzeugboden. Hinter der abblätternden Plastikverschalung von Sitz 23 hat jemand die Anleitung zur Benutzung eines Kondoms geklemmt. Daneben klebt ein Bild von Jesus am Kreuz.

Die Serpentinen hinunter bekommen die Bremsen Arbeit. Sie qualmen bald bedrohlich. Außerdem haben die Reifen so viel Profil wie ein frisch gebohnerter Marmorboden. Die Äthiopier in der kleinen Höllenmaschine kratzt das wenig. Auch, als es um den Bus dunkel wird, bleiben sie gelassen. "Die Scheinwerfer funktionieren nicht", sagt der junge Lehrer vom Platz nebenan. Ob das nicht gefährlich sei? Die Einheimischen lachen herzhaft.

Das Camelot Afrikas

Das Leben in Äthiopien spielt sich zu einem großen Teil auf der Straße ab. Wenn ein apokalyptischer Wolkenbruch sie nicht - wie in der Regenzeit zwischen April und September - gerade in einen Sturzbach verwandelt. In der legendären alten Königsstadt Gondar glüht trotz Regenzeit die Sonne. Die Burgen des "Camelot Afrikas" gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Das benachbarte Freiluft-Bad des ehemaligen Eroberers Fasiladas ist Mittelpunkt des jährlichen Tauffestes Timkat für äthiopisch-orthodoxe Christen.

Es muss ein immenser Gottglaube gewesen sein, der die Bewohner von Lalibela im 12. und 13. Jahrhundert antrieb. Ein neues Jerusalem wollten sie bauen, so wie es ihr Herrscher, König Lalibela, zuvor leibhaftig im Nahen Osten erlebt hatte. Die Arbeiter schlugen elf Kirchen in den Fels der Region und trugen ihn ab, bis frei stehende Gotteshäuser übrig blieben. Die Monolithen sind durch ober- und unterirdische, enge, dunkle und feuchte Wege verbunden.

Die Stadt ist ein mystischer Fleck auf 2600 Meter Höhe. Früh am Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen in die heiligen Hallen aus Stein fallen, kommen die Einheimischen zum Gebet. Durch die Räume hallen die gemurmelten Gebete der Priester.

Die verrückte Ferenji

"Die Leute hier nennen mich nur die verrückte schottische Lehrerin", sagt sie. Zum Schutz vor der nächtlichen Kühle hält die Dame ihre Strickjacke fest zusammen. In der weißen Dauerwelle funkelt eine Lesebrille. Susan Aitchison war 57 Jahre alt, als sie sich zu einem Neuanfang entschloss. Ein Nachbar aus ihrer Heimat bei Glasgow erzählte ihr von einer Organisation, die eine Schule im äthiopischen Hochland aufbauen wolle - und einen erfahrenen Pädagogen suchte.

Nach dem Ende der Mission kaufte die heute 63-Jährige zusammen mit dem jungen Einheimischen Habtamu Baye Land und eröffnete ein Restaurant. "Ben Abeba" nannten sie es. Das englische "Ben" für Berg, das amharische "Abeba" für Blume. Der Berg der Blumen - durch zwei junge äthiopische Architekten als riesige Blüte inszeniert - wurde zu einem der außergewöhnlichsten Gasthäuser des Landes. In der Dunkelheit hinter dem Gasthaus erstrecken sich die weiten Täler der Hochebene. Einiges von diesem Land gehört Susan und ihrem Geschäftspartner. Sie hätten noch viele Pläne, aber alles zu seiner Zeit.

Auf ein letztes Bier

Eine Menge Injera - das omnipräsente, saure Fladenbrot - und das lokale Bier tun auf dem Nachhauseweg vom Lokal ihr Übriges. Der nasse und dunkle Matschweg ist mit schweren Beinen und Augenlidern eine Herausforderung. Dennoch: Ein letzter Drink soll die harte Matratze im Hotel weicher machen. Am Straßenrand erregt eine kleine Steinhütte mit bunten Lichterketten Aufmerksamkeit. Trommelbeats dröhnen nach draußen.

Im Inneren sitzen fünf Einheimische stoisch vor ihren Bieren und lauschen. Ein Einäugiger in einer grünen Tracht quietscht auf einer Art einsaitiger, äthiopischer Violine, die Masinko genannt wird. Zu seiner Rechten donnert ein junges Mädchen auf hölzernen Trommeln. Plötzlich springen drei junge Tänzerinnen auf. Hüfte und Becken bewegungslos zucken sie mit den Schultern - vor und zurück in einer atemberaubenden Geschwindigkeit.

Als zwei Männer an der Bar zum Mitmachen aufgefordert werden und bereitwillig folgen, nehmen die Besucher aus Deutschland einen nervösen, tiefen Schluck aus der Flasche. Der Blick geht zu Boden - jetzt bloß nicht auffallen. Vergebens: Eine Tänzerin streckt lächelnd ihre Hand aus. Zögernd folgen sie auf die Tanzfläche. Und bereuen auch danach nicht, in dieses Land gekommen zu sein.

Valentin Frimmer und Benno Schwinghammer, dpa

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