Samstag, 18. Januar 2020

48 Stunden in Bremerhaven Zwei Tage hoch an See

Bremerhaven: Die neue Blütezeit
René Supper; Sehnsucht Deutschland

Eine ganze Zeit lang sah es so aus, als würde Bremerhaven nicht wieder auf die Beine kommen. Doch dann entdeckte man eine ganz neue Kur für den angeschlagenen Stolz der Nordseeküste: Gäste. Ihretwegen könnte die Stadt vor einer neuen Blüte stehen.

Bremerhaven - Stolze, wichtige Hafenstadt an der Nordsee. Rosige Prognosen stellten schlaue Experten schon vor Jahrzehnten in Aussicht. Vollgas, ohne Rücksicht auf Verluste, Fortschritt und Wachstum, höher, schneller, weiter. Die Stadt, die zum Bundesland Bremen gehört, will groß rauskommen.

Risiken werden keine gesehen, Weitsicht Fehlanzeige, Vorsorge ist nur was für Hypochonder. Das war kurzsichtig, vor allem war es falsch. Heute schickt sich die Stadt nach dem Motto "Du hast keine Chance, also nutze sie" an, ihrem vorgezeichneten Schicksal ein Schnippchen zu schlagen.

Was war passiert? Es kam knüppeldick: Die wichtige Hochseefischerei wurde eingestellt, Werften gingen pleite und als Anfang der 1990er-Jahre die letzten 4000 Soldaten der US-Armee ihr B'heaven, das fast 50 Jahre lang ihr wichtigster europäischer Hafen gewesen war, verließen, stieg die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhen. Die Katerstimmung war auf dem Höhepunkt und guter Rat extrem teuer. Bremerhaven hing am Tropf.

Und jetzt? Bremerhaven, eigentlich chronisch pleite, hat das Wunder vollbracht, in den Taschen nackter Männer mehrere Hundert Millionen Euro für eine beispiellose Frischzellenkur, fast eine Operation am offenen Herzen, zu finden und diese in das neue Gesicht der Stadt zu stecken: Die Havenwelten sollen den Niedergang stoppen - mit riesigem Hotel, bemerkenswerter Museumslandschaft und hoffentlich großer Zukunft .

Tourismus ist dafür die vielversprechende Medizin. Deshalb sind wir hier zur Visite, eher zum Patientenbesuch. Blumen haben wir nicht dabei, aber ein volles Programm für zwei Tage an der Wesermündung. Viel neues, wenig altes Bremerhaven.

Gefunden in
Sehnsucht Deutschland
Sehnsucht Deutschland
Heft 01/2015

Heft bestellen

Zur Website
11.45 Uhr, Little Dubai

Eineinhalb Stunden fährt man mit dem Auto von Hamburg, lässt Bremen links liegen und verlässt die Bundesautobahn 27 in Bremerhaven-Mitte. Wo früher Hafenbrachen lagen, steht jetzt das Hotel Sail City, mit 147 Metern höchstes Gebäude an der Nordseeküste. Ein aufgeblasenes Segel solle es darstellen, meinte der Architekt bei der Einweihung.

Ewige Spötter nörgelten, es handele sich um eine Miniaturausgabe des Burj al Arab in Dubai. So what? Das mag 200 Meter höher sein, aber dafür hat es garantiert keine Bienenvölker auf dem Dach, die freiberuflich Seestadt-Honig produzieren. Und den Weserblick natürlich auch nicht.

12.15 Uhr, Hotel Sail City

Die großen Stars der Havenwelten sind allesamt nur einen kleinen Katzensprung voneinander entfernt. Hotel und Klimahaus trennt kaum eine Fischgräte, Auswandererhaus und Zoo sind gleich in Sichtweite. Wir fahren vor, checken ein. Unser Auto steht ja trocken im Parkhaus unter der Lobby. Zimmer im 9. Stock, Bremerhaven liegt uns jetzt zu Füßen. Der Blick über die Weser ist weit, der Zoll scheint winzig und die Containeranlagen im Hintergrund dieses Panoramas gigantisch.

12.45 Uhr, Alter Hafen

"Moin", sagen wir. "Moin", sagt Jan Rohrbach von der Tourist-Info gegenüber dem Hotel. "Wir möchten Container sehen", sage ich. "Geht klar, nehmen Sie den Hafenbus. Sie sind noch etwas früh, vorm Zoo können Sie dann einsteigen, das ist nur 100 Meter von hier. Vorher empfehle ich ein Fischbrötchen auf dem Deich. Perso nicht vergessen, viel Spaß und tschüss!", schickt er uns norddeutsch kurz angebunden, aber herzlich auf den Weg. Wir haben - wie üblich auf Städtereisen - Fahrräder geliehen, kostenlos im Hotel. Nun kurven wir entspannt am Alten Hafen hin und her, bis sich die Schlange vor der Fischbrötchenbude in Wohlgefallen aufgelöst hat. Das hat auch einen Grund: Fisch ist alle. Brötchen ohne alles oder mit Remoulade und Zwiebeln sind noch da. Gucken wir halt so auf die Weser.

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung