Schön, lang, schnell: die Superjacht »Pink Gin«. Aber der Besitzer will ein kleineres, »grüneres« Schiff
Schön, lang, schnell: die Superjacht »Pink Gin«. Aber der Besitzer will ein kleineres, »grüneres« Schiff
Foto: Jeff Brown / Breed Media / Baltic Yachts

Ranking der Superjachten Es kommt nicht nur auf die Größe an

Die Millionäre unter den Jachtfans sind im Segelrausch: Die Nachfrage nach Superluxusschiffen ist riesig. Doch Größe allein scheint nicht mehr ausschlaggebend zu sein – wie das aktuelle Ranking zeigt.
Von Antje Blinda, DER SPIEGEL
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Sailing Yacht »A«: Alle zwei Jahre stellt die Fachzeitschrift »Boote Exclusiv« ein Ranking der größten Segeljachten auf. Die 142,81 Meter lange und von Philippe Starck designte »A« des russischen Milliardärs Andrej Melnichenko besetzt immer noch Platz eins – mit einigem Abstand vor Platz zwei.

Foto: Peter Seyferth / TheYachtPhoto.com
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Probefahrt der »A« 2016 vor Kiel: Der keilförmige Dreimaster wurde von German Naval Yards gebaut. Die Masten sind aus Karbon und etwa 90 Meter hoch, alle Segel werden vollautomatisch gesetzt. Anfang 2017 wurde die »A« in Betrieb genommen.

Foto: Carsten Rehder / picture alliance / dpa
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»Black Pearl« auf Platz zwei: Gebaut von der niederländischen Werft Oceanco, gehörte die 106-Meter-Jacht dem russischen Milliardär Oleg Bulakow, der vor Kurzem an Covid-19 starb. Er wollte eine Segeljacht, die kaum Treibstoff verbraucht.

Foto: Peter Seyferth / TheYachtPhoto.com
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»EOS«: Auf Platz drei liegt unverändert der auf der Bremer Lürssen-Werft gebaute Dreimaster, der seit 2006 über die Weltmeere segelt.

Foto: Franco Pace / Lürssen
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»Athena«: Imposante Besegelung auch bei der 2004 in Dienst gestellten 90-Meter-Luxusjacht – Platz vier auch in diesem Jahr. Die Bauwerft Perini Navi hat inzwischen Insolvenz angemeldet.

Foto: Franco Pace / Royal Huisman
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»Maltese Falcon«: Die 88 Meter lange Jacht, gebaut ebenfalls von Perini Navi, wurde erstmals mit einem Dyna-Rigg – einem Rigg mit fest an drehbaren Masten verankerten Segeln – ausgerüstet.

Foto: Giuliano Sargentini / Perini Navi
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»Sea Eagle II«: Einziger Neuzugang unter den Top Ten ist die mit 81 Metern größte Alu-Segeljacht weltweit – sie kam auf den siebten Platz des Rankings. Sie entstand in der Werft Royal Huisman in den Niederlanden.

Foto: Tom van Oossanen / Royal Huisman
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»Skorpios« von Nautor’s Swan: Insgesamt gab es unter den Top-200 elf Neulinge. Einer davon ist die 42,62 Meter lange Rennjacht aus Karbon auf Platz 171, die für Hochseeregatten eingesetzt werden soll. 24 Crewmitglieder sind dafür notwendig.

Foto: Eva-Stina Kjellman / Sara Torrini / Nautor
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Gewollte Schieflage der »Skorpios«: Immer weniger Segeljacht-Eigner wollten Regatten segeln, sagt »Boote Exclusiv«-Chefredakteur Martin Haber, sie seien lieber auf Weltreise über die Meere unterwegs.

Foto: Eva-Stina Kjellman / Sara Torrini / Nautor
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»Path« (Platz 138) von Baltic Yachts: Mehr Komfort als Regatta-Boot bietet der 44,60 Meter lange Einmaster aus Finnland – mittschiffs ist eine Suite platziert, die fast die gesamte Breite von 9,45 Meter füllt.

Foto: Gun-Marie Wiis / Baltic Yachts
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»Pink Gin« (Platz 54): Eigner Hans Georg Näder will seine 46,30 Meter-Jacht von 2017 verkaufen und hat sie bereits durch eine etwa halb so lange Version ersetzt – die »Pink Gin Verde«, deren Karbonrumpf zur Hälfte aus Flachsfasern besteht. Damit wird er es nicht mehr in das Ranking schaffen.

Foto: Jeff Brown / Breed Media / Baltic Yachts
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Farbklecks im blauen Meer: Die »Pink Gin« macht ihrem Namen mit einem pinken Spinnaker alle Ehre. Für 38 Millionen ist sie zurzeit zu haben.

Foto: Otto Bock Holding GmbH & Co. KG / AP Images
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Monaco Yacht Show: Wer einige der Extremjachten live sehen will, kann die Ausstellungen am Mittelmeer besuchen. Im September findet die Show in Monaco statt.

Foto: Monaco Yacht Show
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Yachting Festival Cannes: Ebenfalls im September treffen sich die Bauwerften – und ihre potenziellen Auftraggeber – in dem französischen Hafenort. Die »Path« von Baltic Yachts lässt sich gleich auf beiden Ausstellungen sehen.

Foto: Yachting Festival Cannes / Abracadabra Studios

»Yacht for Sale: Pink Gin VI«, so bewirbt der Jachten-Broker Fraser  eine der größten Segeljachten der Welt. Der dazugehörige Werbefilm zeigt einen schlanken Einmaster, der elegant durchs Wasser pflügt, auf dem Außendeck baumeln schwarze Kronleuchter, auf Deckstühlen räkeln sich drei blonde Frauen. Für 38 Millionen Euro bietet der Eigner Hans Georg Näder, Chef des Duderstädter Medizintechnikriesen Otto Bock, das 53,9 Meter lange Luxusschiff an, im vergangenen September rief er noch 45 Millionen auf.

Dass Näder, kurz HGN, die 2017 übernommene »Pink Gin VI« offenbar nicht aus den Händen gerissen wird, liegt nicht an der mangelnden Nachfrage nach Luxusjachten überhaupt. Nach kurzer Corona-Schockpause boomt der Markt der Motor- und Segeljachten, sagt Martin Hager, Chefredakteur von »Boote Exclusiv« . In der Pandemie hat der Wunsch nach Privatsphäre und Abstand nicht nur die Nachfrage nach Wohnmobilen, sondern auch nach Luxusjachten angeheizt. Die Kaufbereitschaft sei vor allem im deutschsprachigen Raum groß. Und Geld ist vorhanden: Weltweit ist die Zahl der Milliardäre sprunghaft gestiegen.

Dass die »Pink Gin VI« noch nicht den Besitzer gewechselt hat, liege vielmehr an den Ansprüchen der betuchten Klientel: Wer sich diese Geldsumme leisten kann, will auch eine Jacht, die von Mast- bis Bugspitze ganz seinen Vorstellungen entspricht. Die meist technisch versierten Segler gingen daher eher zu einer Werft ihres Vertrauens, sagt Hager, statt sich mit Secondhand-Schiffen zufriedenzugeben – ganz anders als Motorjachtfans. Im Allgemeinen aber sei auch der Secondhand-Markt bei Motor- und Segeljachten zurzeit leer gefegt.

Die »A« bleibt an der Spitze

Die »Pink Gin VI« aus Karbon und mit pinkfarbenem Spinnaker liegt auf Platz 54 im Ranking der 200 größten Segelschiffe der Welt, das die Bootszeitschrift alle zwei Jahre erstellt. Unter den Top Ten hat sich fast nichts getan:

  • Mit viel Abstand dominiert immer noch die 142,81 Meter lange und von Philippe Starck designte »A« des russischen Milliardärs Andrej Melnichenko, deren Bau und Fertigstellung 2017 große Aufmerksamkeit auf sich zog. 300 bis 400 Millionen Euro soll die »A« gekostet haben, heißt es, verifizieren lässt sich diese Summe jedoch nicht. »Über Preise wird in der Superjachtindustrie grundsätzlich nicht gesprochen«, sagt Hager.

  • Auf Platz zwei folgt die 106 Meter lange »Black Pearl«, die mit nur 20 Liter Treibstoff den Atlantik überqueren kann. Das Ökoschiff hatte der Russe Oleg Bulakow in Auftrag gegeben und mitentwickelt, der im Juni an Covid-19 gestorben ist.

  • Im Ranking folgen die »EOS« aus der Bremer Lürssen-Werft,

  • die »Athena«, gebaut von Royal Huisman in den Niederlanden;

  • und die 88 Meter lange »Maltese Falcon«. Die Jacht wurde im Auftrag des ebenfalls inzwischen gestorbenen US-Unternehmers Tom Perkins entwickelt und erstmals mit einem Dyna-Rigg – einem Rigg mit fest an drehbaren Masten verankerten Segeln – ausgerüstet.

Einziger Neuzugang unter den ersten zehn ist die »Sea Eagle II« auf Platz sieben; sie ist ebenfalls bei Royal Huisman in Vollenhove entstanden. 81 Meter lang und mit einer Amwind-Segelfläche von 3050 Quadratmetern, ist sie die größte Alu-Segeljacht weltweit. Masten, Rollbäume, Aufbauten und Ruderblatt sind aus Karbon gefertigt, Eigner ist der Milliardär Samuel Yin aus Taiwan.

Grund für die wenigen Änderungen unter den Top 50 des Rankings sei auch die Insolvenz von zwei Werften, Alloy Yachts in Neuseeland und zuletzt Perini Navi in Italien, die lange Zeit jedes Jahr zwei, drei 50-Meter-plus-Jachten auf den Markt brachten, sagt Hager – »große Stahl-Alu-Schiffe, sehr voluminös, schwer und träge – ganz anderer Stil als heute«. Zurzeit würden eher 30- bis 45-Meter-Jachten in Auftrag gegeben, etwa bei den drei großen Playern des Markts, den Werften Baltic Yachts und Nautor's Swan in Finnland sowie Southern Wind Shipyard in Kapstadt.

Insgesamt befinden sich unter den 200 Riesenjachten des Rankings immerhin noch elf Neulinge. Darunter zum Beispiel das extrem schnelle und spartanisch eingerichtete Hochseeregatta-Boot »Skorpios« (Platz 171) von Nautor's Swan, das bei Windgeschwindigkeit bis zu 14 Knoten von einer 24-köpfigen Crew gesegelt werden kann. Oder – um einiges komfortabler – die »Path« (Platz 138) von Baltic Yachts mit Kohlefaser-Badewanne, 2,70-Meter-Videowand, Titananker und Solarpaneelen, die das Deckshaus komplett bedecken.

Kleiner und grüner ist der Trend

Die knapp 36 Meter lange »Path« lässt sich im September auf dem Cannes Yachting Festival  in Port Canto und der Monaco Yacht Show  sehen, wie auch etwa hundert andere Segeljachten. Wer einen Kaufwunsch und mehrere Millionen Euro übrig hat, kann hier bei den ausstellenden Werften shoppen gehen – alle anderen nutzen die Gelegenheit zum Jacht-Spotting. Die Côte d'Azur sowie Korsika oder Sardinien seien gute Orte, um im Sommer einige der Top-200-Schiffe in Fahrt zu erspähen, sagt »Boote Exclusiv«-Fachmann Hager, und vor allem in mallorquinischen Häfen hätten viele deutsche Eigner ihre Jachten liegen.

Hans Georg Näder, der auch Haupteigentümer der finnischen Werft Baltic Yachts ist, hat sich schon Ersatz für seine »Pink Gin VI« beschafft: Er ließ sich die »Pink Gin Verde« bauen, »nur« 22,66 Meter lang, mit elektrischem Antrieb und einem Karbonrumpf, der zur Hälfte aus Flachsfasern besteht. Der 59-Jährige liegt damit im Trend: »Kleiner und grüner« sei jetzt gefragt, sagt Chefredakteur Hager. Umweltfreundlichkeit sei vor allem den zunehmend jüngeren Eignern wichtig, die mit ihren Schiffen eher um die Welt als Regatten segeln wollten. Bestellt würden E-Antrieb und E-Winschen, Solarpaneele und Batterien.

Dennoch kündigt sich schon eine neue Nummer zwei und damit ein Umsturz auf dem Siegertreppchen der Giganten an. Amazon-Gründer Jeff Bezos lasse zurzeit einen 127-Meter-Dreimaster bei Oceanco in den Niederlanden bauen, Projektname »Y721«, berichtete Bloomberg  im Mai und schätzt die Kosten auf etwa 500 Millionen Dollar (425 Millionen Euro). Begleitet werden soll die neue Rekordjacht von einer ebenso luxuriösen Motorjacht samt Helikopterlandeplatz. Trend Umweltfreundlichkeit? An Bezos scheint er vorbeizugehen.

Top Ten der längsten Segeljachten der Welt

Platz

Name

Länge [m]

Ablieferung

Bauwerft

Konstrukteure sowie Exterior- und Interiordesigner

Amwind-Segelfläche [qm]

1

»A«

142,81

2017

Nobiskrug (DEU)

Philippe Starck, Dykstra

Naval Architects, Dölker + Voges

4500

2

»Black Pearl«

106,00

2017

Oceanco (NLD)

Nuvolari Lenard, Ken

Freivokh, Gerard Villatte,

Dykstra

2900

3

»EOS«

92,92

2006

Lürssen-Werft

(DEU)

Lürssen, Bill Langan,

François Catroux

2500

4

»Athena«

90,00

2004

Royal Huisman

(NLD)

Gerard Dijkstra, Pieter

Beeldsnijder

2474

5

»Maltese Falcon«

88,00

2006

Perini Navi (TUR)

Perini Navi, Gerard Dijkstra,

Ken Freivokh

2400

6

»Aquijo«

85,00

2016

– Oceanco, Vitters

(NLD)

Bill Tripp, Dölker + Voges

3343

7

»Sea Eagle II«

81,00

2020

Royal Huisman

(NLD)

Dykstra, Mark Whiteley

3050

8

»M5«

78,00

2004

Vosper Thornycroft

(GBR)

Ron Holland, T.-J.

Canavaggio, Refit: RWD

3380

9

»Badis 1«

70,00

2016

Perini Navi (ITA)

Perini Navi, Philippe Briand,

PH Design

3045

10

»Atlantic«

69,24

2010

Van der Graaf,

Graafship (NLD)

William Gardner (1903),

Doug Peterson

1721

Quelle: »Boote Exclusiv« 5/21