Donnerstag, 12. Dezember 2019

Air Berlin, Germania, Adria Airways, Thomas Cook Pleitewelle in der Flugbranche - wer gewinnt, wer verliert

Pleiteflieger: Thomas-Cook-Flugzeuge Ende September in Manchester, Nordengland.

Der europäische Luftfahrtmarkt wächst weiterhin robust: Nach einem Wachstum von 6,6 Prozent im vergangenen Jahr verzeichnete laut dem Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft die Branche auch im ersten Halbjahr 2019 eine europaweite Wachstumsrate von 6,4 Prozent. Trotzdem setzte sich die Pleitewelle unter europäischen Fluggesellschaften, die 2017 mit der spektakulären Pleite von Air Berlin ihren Anfang nahm, auch dieses Jahr fort.

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    Alexander Koenig ist Gründer von First Class & More (www.first-class-and-more.de), dem größten deutschsprachigen Beratungsportal für günstige Business und First Class Flüge sowie die optimale Nutzung von Vielflieger- und Hotelprogrammen. Zuvor war er viele Jahre als Unternehmensberater bei McKinsey und BCG tätig. In seiner Kolumne "Koenigs Klasse" greift er regelmäßig Themen auf, die für Vielflieger und -reisende interessant sind.

Mit Wow Air, Germania, BMI Regional, VLM, XL Airways und zuletzt auch Adria Airways und Thomas Cook haben ungewöhnlich viele etablierte Fluggesellschaften dieses Jahr ihren Flugbetrieb einstellen müssen. Andere Airlines wie Condor schrammten nur dank eines staatlichen Übergangkredites knapp an der Pleite vorbei und auch Eurowings, die Günstig-Marke der Lufthansagruppe verzeichnete mit einem Verlust von 231 Millionen Euro keine besonders positiven Zahlen.

Bei den Pleiteairlines handelt es sich mit Ausnahme von Thomas Cook, der die finanziellen Schwierigkeiten des Mutterkonzerns zum Verhängnis wurden, um verhältnismäßig kleine Fluggesellschaften mit einer Flotte von weniger als 30 Flugzeugen. Die weggefallenen Kapazitäten wurden auf vielen Strecken umgehend von anderen Airlines ersetzt.

Merkmale der Gewinner

Hauptprofiteure sind hier Low Cost Airlines wie Ryanair Börsen-Chart zeigen, Easyjet Börsen-Chart zeigen und Wizzair sowie im Charterbereich schnell expandierende ausländische Charterairlines wie etwa Corendon, welche auch die Haupttreiber des Wachstums im europäischen Luftfahrtmarkt darstellen.

Durch ihre schlanke Kostenstruktur basierend auf günstigen Arbeitsverträgen sowie Skalenvorteile durch große und einheitliche Flotten können diese Airlines Flüge zu deutlich günstigeren Kosten als kleinere Fluggesellschaften durchführen, was gerade im niedrig-margigen Luftverkehr entscheidend ist. Gleichzeitig haben diese Airlines auch deutlich mehr Möglichkeiten, bestimmte Strecken zu Beginn quer zu subventionieren, um schnell Marktanteile auf Kosten der Mitbewerber zu gewinnen.

Da absolut gesehen kaum Kapazitäten verschwunden sind, handelt es sich somit eher um eine Konsolidierung im Luftfahrtmarkt auf Kosten der weniger effizient operierenden Airlines als um eine echte Krise.

Die eigentlichen Verlierer sind die regionalen Flughäfen

Verlierer sind allerdings regionale Flughäfen wie etwa Rostock, Münster oder Erfurt, die durch die Germania und VLM Pleite hart getroffen wurden. Durch das auf Effizienz getrimmte Geschäftsmodell sind diese Flughäfen meist für die größeren Airlines unattraktiv. Zusätzlich erhöht sich auch der Anteil an ausländischen Fluggesellschaften an deutschen Flughäfen immer weiter: Kamen deutsche Fluggesellschaften im ersten Halbjahr 2012 noch auf einen Marktanteil von 67 Prozent, sank dieser bis zum ersten Halbjahr 2019 auf nur 56 Prozent (BDL).

Weiterhin große Airline-Vielfalt in Europa

Insgesamt weist der europäische Luftfahrtmarkt aber mit über 107 aktiven Fluggesellschaften weiterhin eine große Vielfalt auf. Zum Vergleich: In den USA ist der Markt seit der großen Konsolidierungswelle im vergangenen Jahrzehnt hauptsächlich unter sieben großen Fluggesellschaften aufgeteilt. Auch wenn die Pleiten der letzten Jahre für die betroffenen Passagiere ärgerlich waren, so haben diese nicht zu einem nennenswerten branchenweiten Anstieg der Flugpreise geführt.


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So sind auch trotz des Marktaustrittes von WOW Air Flüge nach Nordamerika günstig wie selten zuvor. Mit Germania, XL und Thomas Cook waren zudem auch primär Charterairlines betroffen, welche nur einen geringen Teil Ihrer Kapazität im Einzelplatzverkauf vermarktet haben. Das Schicksal dieser Airlines war stark mit dem Markt für Pauschalreisen verwoben, der seiner eigenen Dynamik unterliegt.

Ausblick

Prinzipiell ist zu erwarten, dass sich die Marktbereinigung auf Kosten kleinerer Anbieter auch im nächsten Jahr fortsetzen wird. Eine abkühlende Wirtschaft, ein durch Spannungen in Nahost potenziell steigender Ölpreis sowie zusätzliche Steuern dürften bei weiterhin hohem Konkurrenzdruck das Wettbewerbsklima noch weiter verschärfen. Während Pauschalreisende prinzipiell über ihren Veranstalter vor einer Airline-Insolvenz geschützt sind, ist dies für alle anderen Tickets nicht der Fall. Hier empfiehlt sich die Zahlung über Kreditkarte sowie gegebenenfalls der Abschluss einer separaten Airline-Insolvenzversicherung. Kunden sollten hier vor allem auf die Deckungssumme achten.

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