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Neue Route im Eis: Wer sich auf der Nordostpassage tummelt

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Neue Expeditions-Kreuzfahrtrouten Bären-Dienste in der Arktis

Von Viola Keeve

86 Eisbären zählte das Kreuzfahrt-Expeditionsschiff Hanseatic 2016 auf der legendären Nordostpassage. Wer da kein passables Foto vom König der Arktis (Arktos ist Altgriechisch und bedeutet Bär) mitbrachte, musste wirklich viel falsch gemacht haben. Landschaftlich sind die 5500 Seemeilen nicht immer aufregend; dass die russische Arktis lange - auch aus politischen Gründen - unbefahrbar war, macht sie zum Reise-Highlight. Weiße Flecken gibt es kaum noch im Kreuzfahrtgeschäft. Die Nordostpassage war eine der letzten Unbekannten. Nur wenige bieten sie an.

Zehn Jahre hatte es gedauert, bis es der Hanseatic, die bis Ende September 2018 im Dienst der deutschen Reederei Hapag Lloyd Cruises unterwegs war, als erstem nichtrussischen Schiff 2014 gelang. Die Plätze waren weg, als nur das Gerücht aufkam, man werde die Tour anbieten, noch bevor die Preise feststanden. 2020 wird Silver Sea Cruises sie anbieten, mit der Nordwestpassage, erstmals, 25 Tage für 37170 Dollar. Auch die Tour ist fast ausgebucht. Eine Garantie der Route gibt es nicht, aber damit die Silver Explorer nicht im Packeis einfriert, wird sie ein Eisbrecher begleiten. Hapag Lloyd bietet im Sommer 2019 die erste Arktisumrundung an, 72 Tage, samt der Nordwestpassage, auch eine Premiere.

Schon immer hatten Seefahrer, Kaufleute von der Verbindung geträumt, die den Weg von Europa nach China entscheidend verkürzt. Lange hielt man sie schlicht für zu gefährlich: wenig Häfen, Infrastruktur, dazu Packeis auch im Sommer, nur etwas für russische Atomeisbrecher, eigentlich. Bis das Eis schmolz, die Route möglich machte. Auch andere Reedereien sind interessiert, auch Hurtigruten, weltweit Nummer eins unter den Polarkreuzfahrt-Anbietern: 14 Expeditions-Schiffe haben die Norweger in der Antarktis, in Kanada, Grönland, Island und Norwegen (Spitzbergen) allein, aber kein einziges hier - noch nicht.

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Denn der Osten holt auf, touristisch. Wie viele Eisbären es hier gibt, lässt sich nicht genau sagen, Studien sind teuer. Und die Zusammenarbeit mit norwegischen Forschern suboptimal. 2015 etwa bekamen sie keine Aufenthaltserlaubnis in Russland, konnten nur in Norwegen zählen, per Hubschrauber riesige Gebiete überfliegen, mühsam. Die russische Eisbärzahl ist die am schlechtesten erforschte. Die größten Verluste gab es in der Baffin Sea, weniger in der Chukchi Sea.

"An der Küste gibt es viele Walrösser, da unterstützen wir die nahen Siedlungen wir mit Eispatroullien", sagt Sybille Klenzendorf vom WWF. Elektrische Zäune um Essens-Speicher (für Schlittenhunde), Müllanlagen. Schreckschusspistolen. Tierkadaver werden außerhalb der Ortschaften verarbeitet. Das Übliche, was man in Alaska und Kanada erfolgreich praktiziert. Hat sich in Churchill, Kanadas Eisbär-Hauptstadt, bewährt. 60 Prozent aller erfassten Tiere leben hier.

Rund 1000 Tiere warten im Herbst darauf, dass die Hudson Bay zufriert, so viele Einwohner hat Churchill. Mit Tundra Buggys, Bussen mit Ballonreifen und Observationsdeck werden Touristen hier herumgefahren. "Ende Oktober, Anfang November hat man fast hundertprozentige Chancen, dort Bären zu sehen", sagt die deutsche Expertin. Vorher an Land: Im Juli und August bringen rund 3000 Belugawale in der Hudson Bay ihre Jungen zur Welt.

"Beim Zusammentreffen zahlt am Ende fast immer einer: Der Bär"

Dennoch: nicht alle Eisbären schaffen es. Ihr Lebensraum schmilzt ihnen förmlich unter den Tatzen weg, so Klenzendorf: "Weil sie immer mehr Zeit an Land verbringen, statt sechs Wochen heute fast drei Monate, nehmen Konflikte mit Menschen zu." Für so genannte Problembären gibt es einen Eisbär-Verwahrungsort, dort bleiben sie, bis sie wieder zur Robbenjagd auf das Eis können. GPS-Bänder werden mitunter auch benutzt, aber bei neuen Bären ist das schwierig. "Wir sind kein Freund von Walking Safaris", sagt die WWF-Biologin. Am besten gar nicht erst in eine Situation kommen, einem Bären zu begegnen. "Die sind sehr, sehr schnell, bis zu 60 km/h", sagt Klenzendorf. Weglaufen, der erste Reflex, ist das Falsche, schlechter als Lärm, Warnschüsse. "Am Ende hilft, so traurig es ist, nur eine scharfe Waffe", sagt Klenzendorf. "Beim Zusammentreffen zahlt am Ende fast immer einer: Der Bär."

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Foto: Ponant

Der Verlust des Packeises, 14 Prozent pro Dekade, bringt weniger Robben, und mehr Schiffsverkehr mit sich, Lärmbelastung, über die man noch wenig weiß, neue Routen, den Abbau von Rohstoffen. Öl, Gas. Ein Bohrleck würde reichen, dem Ökosystem noch mehr zusetzen. Für die Könige der Arktis wird eng, so oder so. 2017 ging ein Social Media Post der Stiftung Sea Legacy des kanadischen Fotografen Paul Nicklen um die Welt, ein Bär, magert bis auf die Knochen, der sich über das Land schleppt. Nicklen sagte, er habe nur die Realität gezeigt. Die sei brutal.

"Natürlich brauchen wir Bilder", sagt Sybille Klenzendorf. "Aber sie müssen akkurat sein. Der Bär kann auch Müll gefressen haben, alt sein, wir wissen es nicht." Die Inuit sagen: "Wir haben nicht tausende verhungernde Bären", so die WWF-Expertin. "Viel eher ist das Problem: die weiblichen Bären sind zu dünn, um Nachwuchs zu bekommen. Es kommen immer weniger nach." Eisbären können oft 100 Kilometer weit schwimmen. In Island werden die, die aus Ostgrönland kommen, getötet. Einen Bären zu retten, auszufliegen, kostet rund 75.000 Euro.

Erledigen die Touristen den Rest? Oder schützen wir nur, was wir sehen?

Jeder auf einer Arktis-Kreuzfahrt möchte Eisbären sehen. Vom Schiff aus. In besiedelten Westgrönland ist es wesentlich schwieriger als im Osten, Norden, Inneren des Landes. In Kanada gibt es auch Orte, an denen die Zahl der Bären wächst, warum auch immer. Und in Russland weiß man gar nicht, wie viele es sind. Im Norden, Osten oder Inneren Grönlands, wer will da zählen?

Erledigen die Touristen den Rest, wie es viele im Juli nach einem Zwischenfall, den ein Eisbär mit dem Leben bezahlte,  wütend schrieben? "Die großen Kreuzfahrt-Schiffe haben wir bisher nicht gehabt, außer auf Spitzbergen", sagt Sybille Klenzendorf. "Auch da ist das ja ziemlich reguliert." 18 Kreuzfahrtschiffe umrundeten die Insel im Sommer. Schon werden Rufe nach weniger laut.

Der WWF befürwortet eigentlich sanften Tourismus. Denn: Man schützt nur, was man kennt, und liebt. Richtig ist, gerade auf der nördlichsten Insel Norwegens, auf Svalbard (Spitzbergen), nimmt der Eisbär-Tourismus zu. 2000 Menschen leben hier, Bewaffnung ist Pflicht, bei 3000 Eisbären, die hier leben. Außer dem Tiger sieht nur der Eisbär, das größte Raubtier an Land, 400 Kilo schwer, wenn er sich aufrichtet, bis zu sechs Meter groß, den Menschen als Beute. Ein Lauer-Jäger, der beste, sagen die Inuit.

Der Permafrost erhält alles schön

Kamen 2006 noch 35.000 Touristen nach Spitzbergen, waren es 2016 schon 48.000, auf den größeren Kreuzfahrtschiffe 4000, die meisten sind Teil der AECO, Association of Arctic Cruise Operators, von der Reederei Hurtigruten gegründet. Viel mehr Sorgen macht man sich um kleinere, unerfahrenere Anbieter. Geschieht dann etwas, ist der Schaden ebenso groß. Ein toter Eisbär ist einer zu viel.

Auf der Nordostpassage sieht man auch Eisbären, lange war keiner da, bis Anfang der Neunziger. Heute ein Highlight, früher war das Franz-Josef-Land, 900 Kilometer vom Nordpol entfernt, nicht zugänglich. Militärisches Sperrgebiet. Weit im Norden, in der Karasee, liegt Ostrov Ujedinenija, die Einsamkeitsinsel, kalt, karg, im Sommer selten über null Grad, dazu unbewohnt, schreibt Alfred Diebold in seinem Buch "Kreuzfahrten - Nordmeer und Arktis".

Das hat Vorteile: Seit 1993 gehört die 11,5 mal 5,4 Kilometer große Insel zum größten Naturreservat Russlands. Da der Permafrost alles schön erhält, gibt es neben Walrossen, Robben und Eisbären noch eine Attraktion: eine verlassene Forschungsstation, die die Russen nach 1942, als die erste von einem deutschen U-Boot zerstört wurde, wieder aufboten. Wirkt, als seien alle gerade kurz weg - mit ihren vereisten alten Geräten, gefrorenem Essen und einem verblichenen Lenin-Bild an der Tapetenwand.

Am besten sieht man die Könige der Arktis ohnehin in der einzigartigen BBC-Dokumentation mit Sir David Attenborough, "Frozen Planet". So nah, da muss man ehrlich sein, kommt man den Tieren auf keiner Expeditions-Kreuzfahrt. Eis-Safari virtuell, aber günstig wie nie - wem beim Zusehen kalt wird: Eine Decke nehmen, ein warmes Getränk, Kamin an, abends. Läuft auf Netflix.

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