Freitag, 19. Juli 2019

Neue Expeditions-Kreuzfahrtrouten Bären-Dienste in der Arktis

Neue Route im Eis: Wer sich auf der Nordostpassage tummelt
Stefan Dall / Hurtigruten

2. Teil: "Beim Zusammentreffen zahlt am Ende fast immer einer: Der Bär"

Dennoch: nicht alle Eisbären schaffen es. Ihr Lebensraum schmilzt ihnen förmlich unter den Tatzen weg, so Klenzendorf: "Weil sie immer mehr Zeit an Land verbringen, statt sechs Wochen heute fast drei Monate, nehmen Konflikte mit Menschen zu." Für so genannte Problembären gibt es einen Eisbär-Verwahrungsort, dort bleiben sie, bis sie wieder zur Robbenjagd auf das Eis können. GPS-Bänder werden mitunter auch benutzt, aber bei neuen Bären ist das schwierig. "Wir sind kein Freund von Walking Safaris", sagt die WWF-Biologin. Am besten gar nicht erst in eine Situation kommen, einem Bären zu begegnen. "Die sind sehr, sehr schnell, bis zu 60 km/h", sagt Klenzendorf. Weglaufen, der erste Reflex, ist das Falsche, schlechter als Lärm, Warnschüsse. "Am Ende hilft, so traurig es ist, nur eine scharfe Waffe", sagt Klenzendorf. "Beim Zusammentreffen zahlt am Ende fast immer einer: Der Bär."

Der Verlust des Packeises, 14 Prozent pro Dekade, bringt weniger Robben, und mehr Schiffsverkehr mit sich, Lärmbelastung, über die man noch wenig weiß, neue Routen, den Abbau von Rohstoffen. Öl, Gas. Ein Bohrleck würde reichen, dem Ökosystem noch mehr zusetzen. Für die Könige der Arktis wird eng, so oder so. 2017 ging ein Social Media Post der Stiftung Sea Legacy des kanadischen Fotografen Paul Nicklen um die Welt, ein Bär, magert bis auf die Knochen, der sich über das Land schleppt. Nicklen sagte, er habe nur die Realität gezeigt. Die sei brutal.

"Natürlich brauchen wir Bilder", sagt Sybille Klenzendorf. "Aber sie müssen akkurat sein. Der Bär kann auch Müll gefressen haben, alt sein, wir wissen es nicht." Die Inuit sagen: "Wir haben nicht tausende verhungernde Bären", so die WWF-Expertin. "Viel eher ist das Problem: die weiblichen Bären sind zu dünn, um Nachwuchs zu bekommen. Es kommen immer weniger nach." Eisbären können oft 100 Kilometer weit schwimmen. In Island werden die, die aus Ostgrönland kommen, getötet. Einen Bären zu retten, auszufliegen, kostet rund 75.000 Euro.

Erledigen die Touristen den Rest? Oder schützen wir nur, was wir sehen?

Jeder auf einer Arktis-Kreuzfahrt möchte Eisbären sehen. Vom Schiff aus. In besiedelten Westgrönland ist es wesentlich schwieriger als im Osten, Norden, Inneren des Landes. In Kanada gibt es auch Orte, an denen die Zahl der Bären wächst, warum auch immer. Und in Russland weiß man gar nicht, wie viele es sind. Im Norden, Osten oder Inneren Grönlands, wer will da zählen?

Erledigen die Touristen den Rest, wie es viele im Juli nach einem Zwischenfall, den ein Eisbär mit dem Leben bezahlte, wütend schrieben? "Die großen Kreuzfahrt-Schiffe haben wir bisher nicht gehabt, außer auf Spitzbergen", sagt Sybille Klenzendorf. "Auch da ist das ja ziemlich reguliert." 18 Kreuzfahrtschiffe umrundeten die Insel im Sommer. Schon werden Rufe nach weniger laut.

Der WWF befürwortet eigentlich sanften Tourismus. Denn: Man schützt nur, was man kennt, und liebt. Richtig ist, gerade auf der nördlichsten Insel Norwegens, auf Svalbard (Spitzbergen), nimmt der Eisbär-Tourismus zu. 2000 Menschen leben hier, Bewaffnung ist Pflicht, bei 3000 Eisbären, die hier leben. Außer dem Tiger sieht nur der Eisbär, das größte Raubtier an Land, 400 Kilo schwer, wenn er sich aufrichtet, bis zu sechs Meter groß, den Menschen als Beute. Ein Lauer-Jäger, der beste, sagen die Inuit.

Der Permafrost erhält alles schön

Kamen 2006 noch 35.000 Touristen nach Spitzbergen, waren es 2016 schon 48.000, auf den größeren Kreuzfahrtschiffe 4000, die meisten sind Teil der AECO, Association of Arctic Cruise Operators, von der Reederei Hurtigruten gegründet. Viel mehr Sorgen macht man sich um kleinere, unerfahrenere Anbieter. Geschieht dann etwas, ist der Schaden ebenso groß. Ein toter Eisbär ist einer zu viel.

Auf der Nordostpassage sieht man auch Eisbären, lange war keiner da, bis Anfang der Neunziger. Heute ein Highlight, früher war das Franz-Josef-Land, 900 Kilometer vom Nordpol entfernt, nicht zugänglich. Militärisches Sperrgebiet. Weit im Norden, in der Karasee, liegt Ostrov Ujedinenija, die Einsamkeitsinsel, kalt, karg, im Sommer selten über null Grad, dazu unbewohnt, schreibt Alfred Diebold in seinem Buch "Kreuzfahrten - Nordmeer und Arktis".

Das hat Vorteile: Seit 1993 gehört die 11,5 mal 5,4 Kilometer große Insel zum größten Naturreservat Russlands. Da der Permafrost alles schön erhält, gibt es neben Walrossen, Robben und Eisbären noch eine Attraktion: eine verlassene Forschungsstation, die die Russen nach 1942, als die erste von einem deutschen U-Boot zerstört wurde, wieder aufboten. Wirkt, als seien alle gerade kurz weg - mit ihren vereisten alten Geräten, gefrorenem Essen und einem verblichenen Lenin-Bild an der Tapetenwand.

Am besten sieht man die Könige der Arktis ohnehin in der einzigartigen BBC-Dokumentation mit Sir David Attenborough, "Frozen Planet". So nah, da muss man ehrlich sein, kommt man den Tieren auf keiner Expeditions-Kreuzfahrt. Eis-Safari virtuell, aber günstig wie nie - wem beim Zusehen kalt wird: Eine Decke nehmen, ein warmes Getränk, Kamin an, abends. Läuft auf Netflix.

Seite 2 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung