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Mittelmeerinsel: Gozo, die Beschauliche

Foto: TMN

Mittelmeerinsel Gozo Riesentempel und Felsenbuchten

Gozo ist Maltas kleine schöne Schwester und die deutlich ruhigere Alternative. Es gibt felsige Buchten und eine Blaue Lagune, riesige Tempel, Weinberge und Olivenplantagen. Für einen Tagesausflug lohnt sich das allemal.

Victoria - Die Touristen erkennt man sofort. Sie stehen am Bug der Fähre und gucken in Richtung Horizont. Die Einheimischen sitzen drinnen in der Cafeteria und gucken auf ihren Kaffee. So spektakulär ist die Überfahrt über den Fliegu Ta' Comino, den Kanal, der Malta von seiner Nachbarinsel Gozo trennt, am frühen Vormittag auch gar nicht. Von der Sonne ist noch nicht viel zu sehen. Es gibt kaum Seegang. Aber weil das weiße Fährschiff mit blauem Kiel der Gozo Channel Line in der Dünung rollt, fühlt sich die Überfahrt wenigstens für die Touristen doch an wie ein kleines Abenteuer.

Die Fähre braucht für die Strecke von Cirkewwa im Nordwesten Maltas nach Mgarr in Gozos Südosten nur eine halbe Stunde. Das erste Fotomotiv unterwegs ist Comino, die winzige, nur von einer Handvoll Menschen bewohnte Insel, die ebenfalls zu dem Archipel gehört, der den kleinen Staat Malta bildet. Im Sommer kommen täglich Hunderte von Tagesgästen - wegen der Blauen Lagune, die für ihr türkis schimmerndes Wasser bekannt ist, wegen der Strände und der guten Möglichkeiten zum Tauchen und Schnorcheln.

Vom Fährschiff aus ist von ihnen an diesem Vormittag nichts zu sehen. Dafür klicken die Kameras, als der Santa Marija Tower im Südwesten Cominos in den Blick kommt: ein ockerfarbener Klotz, der im Auftrag des Malteserordens zur Verteidigung gegen Piraten auf der felsigen Mini-Insel errichtet wurde.

Kaum hat das Fährschiff Comino hinter sich gelassen, ist Gozo erreicht. Beim Einlaufen in den Hafen ist die Silhouette der Kirche Our Lady of Lourdes gut zu erkennen, die den kleinen Hafenort überragt. Im Hafenbecken liegt eine ganze Reihe kleiner Fischerboote, viele in kräftigen Farben bemalt.

Beschauliche Inselmitte

Wer Mgarr erreicht, hat Malta hinter sich gelassen. Gozo und Malta sind noch einmal ganz verschieden. Aus globaler Perspektive ist schon Malta klein - für die Gozitaner, von denen so mancher Wert darauf legt, nicht Malteser genannt zu werden, erscheint der Nachbar riesig. Etliche Gozitaner setzen jeden Morgen nach Malta über, um dort zu arbeiten. Es fühlt sich vielleicht nicht an wie feindliches Ausland - aber für sie ist der Fliegu Ta' Comino doch breiter, als die Fährpassage vermuten lässt.

Gozo hat einen eigenen Dialekt, einen eigenen Bischof und eine eigene Geschichte, die zugegebenermaßen nicht ganz von der Maltas zu trennen ist. Eine eigene Hauptstadt hat die kleine Insel auch. Sie hieß lange Zeit Rabat, trägt aber seit 1887 den Namen Victoria - zu Ehren der englischen Königin, die damals regierte, als Gozo und Malta noch britisch waren. Schon Maltas Hauptstadt Valletta ist nicht gerade eine pulsierende Metropole. Aber verglichen damit ist Victoria mit seinen knapp 6500 Einwohnern ein Dorf ziemlich genau in der Inselmitte, beschaulich, ruhig, das Gegenteil von Party-Hotspot.

Es gibt hier ein Krankenhaus, einen Ableger der Universität von Malta, eine Zitadelle, die einen guten Blick weit über die Insel bietet, und eine Kathedrale, vor der eine Statue von Papst Johannes Paul II. steht. Malta hat einen Ruf als superkatholisches Land zu verteidigen. Die erste Messe in der Kathedrale gibt es bei Sonnenaufgang, manche Bauern gehen noch heute erst in die Kirche und dann aufs Feld. Einige von ihnen sind später am It-Tokk zu sehen, dem Marktplatz, an dem sie ihre Waren anbieten.

Vom It-Tokk zweigen enge Gassen ab, für die sich Touristen ruhig etwas Zeit nehmen sollten. Nicht weit ist es bis zur Basilika San Gorg, eine von mehreren Kirchen im Zentrum von Victoria. Noch zahlreicher als die Kirchen sind die Devotionaliengeschäfte: In einem der Schaufenster finden sich neben allerlei Heiligenfiguren gleich mehrere Dutzend Varianten von Jesus als Baby.

Mystische Kraftpunkte auf Gozo

Ein Stück nordöstlich von Victoria liegt Xaghra und am Rand des Ortes der Tempel von Ggantija. Ein bisschen rätselhaft ist die Megalithkultur immer noch, die auch auf Gozo ihre Spuren hinterlassen hat. Dazu zählen vor allem die riesigen Anlagen aus Stein, die wahrscheinlich kultischen Zwecken dienten. Sie sind ab 3600 vor Christus entstanden - und damit älter als die Pyramiden in Ägypten.

Mit riesengroßen Steinen haben Menschen damals auch auf Rügen, in der Bretagne oder in Stonehenge im Süden Englands gebaut - offenbar hatten die Architekten ähnliche Vorstellungen. Aber weil es keine schriftlichen Quellen gibt, kann man nur spekulieren, welche genau. Die Megalithkultur auf Malta und Gozo endete um 2500 vor Christus. Warum und wieso? Auch das weiß man nicht. Aber es gab eine Reihe erstaunlicher Leistungen: Die Steinplatten, die für die Tempel im XXL-Format benutzt wurden, wiegen bis zu 60 Tonnen - allein schon, sie zu transportieren, war ein Wunderwerk.

Heute zählen die Tempel zum Weltkulturerbe. Der von Ggantija hat ein modernes Besucherzentrum bekommen, das über die Geschichte der Steinzeitkultur informiert. Einer der Steinblöcke in Ggantija wurde möglicherweise als Altar genutzt. Und die Mulde davor im Boden? Diente sie einem Trankopfer für Mutter Erde, oder floss hier sogar Blut? Für viele Besucher ist es ganz attraktiv, dass sich solche Fragen nicht beantworten lassen. Inzwischen gibt es sogar manche, die kommen, um in der Tempelanlage nach mystischen Kraftpunkten zu suchen. Und die anderen können sich zumindest allerlei schaurige Kulthandlungen ausmalen, bei denen jungsteinzeitliche Priesterinnen ihren Opfern mit Obsidianklingen an den Hals gehen.

Wer auf Gozo über Land fährt, sieht schnell, was der Insel heute droht: Als Windschutz werden Feigenkakteen angepflanzt. Und auf vielen Feldern stehen Trockenmauern - sie sollen verhindern, dass der Humus abgetragen wird. Größere Wälder gibt es auf den maltesischen Inseln praktisch nicht mehr. Dabei gilt Gozo im Vergleich zu Malta als geradezu grün.

Die große Schwesterinsel ist im Lauf der Jahrhunderte abgeholzt worden, Raubbau für den Schiffbau unter anderem. Nun wird sie wieder aufgeforstet - aber das dauert lange und kostet viel Geld. Auf Gozo stehen bereits etliche Eukalyptusbäume aus Tasmanien, einer Insel südlich von Australien. Sie sind hier am Mittelmeer zwar nicht heimisch, werden aber besonders schnell groß.

Wer wissen will, wie Gozo schmeckt, fährt am besten nach Ta' Mena an der Strecke von Victoria nach Marsalforn an der Nordküste. Auf dem Gut wachsen Weinreben und Olivenbäume, Obst und Gemüse. All das lässt sich in einem kleinen Hofladen kaufen, aber man kann vieles auch gleich probieren: Auf einem langen Tisch im Freien stehen grüne und schwarze Oliven, mit einem glänzenden Ölfilm überzogen.

Joseph Spiteri legt Wert auf traditionelle Anbaumethoden. Vor acht Jahren hat er begonnen, auf nachhaltigen Landbau umzustellen, der auf natürlichen statt auf chemischen Dünger setzt und möglichst ohne Pestizide auskommt. Spiteri, Dreitagebart und leicht ergrautes Haar, trägt eine ausgewaschene Jeans, ein blau-gelb-kariertes Hemd und die blaue Jacke offen. Es gibt wenige Themen, über die er so gerne spricht wie über Oliven und Wein.

Natürlich Oliven

Seine Hand hält ein Wasserglas umschlossen. "Man muss das Olivenöl etwas anwärmen", sagt er. Dann schmeckt es am besten. Die Qualität lässt sich an der Farbe abschätzen: "Wenn es zu grün ist, dann ist es wahrscheinlich nicht extra virgine", erklärt Spiteri, der den Hof von seinen Eltern übernommen hat. Für ihn ist Olivenöl nicht einfach nur flüssiges Fett für den Salat: "Es hat Anti-Oxidantien, es schützt vor Herzinfarkt und vor Krebs. Es ist sogar gut für die Augen." Spiteri nimmt genießerisch einen großen Schluck. "Und man wird davon nicht betrunken."

Sein Motto lautet: ein Glas davon jeden Morgen. Natürlich von Oliven, die auf seinem Grund und Boden geerntet wurden. "Ohne Hilfe von Maschinen." Und die er möglichst schnell nach der Ernte pressen lässt - sonst taugt das Öl nichts. "Aus 100 Kilogramm Oliven bekommen wir maximal zwölf Liter." Wie um zu beweisen, dass er tatsächlich alles ernst meint, was er den staunenden Besuchern da erzählt, lässt er gleich darauf ein paar Tropfen auf seine Hand fallen und verreibt das Öl mit demonstrativer Geste: "Es ist auch richtig gut für die Haut."

So wie mit den Oliven geht es Spiteri auch mit dem Wein - er ist da voll und ganz Genießer: "Wein hat 300 verschiedene Aromen", sagt er. Und manche sind ganz typisch für Gozo: "Hier weht oft der Wind, und wenn die Trauben reifen, bringt er sie mit dem Seesalz in Kontakt." Egal ob rot oder rosé, sein Wein bekommt so etwas ganz Eigenes, betont Spiteri und zeigt den Gästen, wie sie erst einmal ausgiebig schnuppern und dann etwas Wein auf der Zungenspitze kosten sollen, bevor sie ihn trinken. Seesalz hin oder her - es schmeckt jedenfalls.

Am späten Nachmittag drängen sich viele der Passagiere von der Hinfahrt wieder im Hafen von Mgarr auf dem Weg zur Fähre zurück. Über der Insel versammelt sich eine Armada von weißen Wattewölkchen, ein Schiff der Gozo Channel Line hat gerade abgelegt, die Spur, die es durchs Wasser zieht, ist noch lange zu sehen. Nach Malta ist es nicht weit, und die nächste Fähre kommt bestimmt.

Andreas Heimann, dpa
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