Sonntag, 21. April 2019

Matera in Italien Von der "Schande Italiens" zur Kulturhauptstadt

Kulturhauptstadt Matera: Wie eine große Weihnachtskrippe
Nico Colucci/Fondazione Matera Basilicata 2019/dpa-tmn

2. Teil: "Das Leben in den Höhlen war schlecht für die Knochen"

Francesco Ambrosecchia, 34, und Raffaele Giannella, 25, zum Beispiel. Die Cousins betreiben die Weinbar "Nocelleria" in den Sassi, und zwar in jenem Gemäuer, in dem noch Ambrosecchias Großvater wohnte, dessen Foto über dem Tresen hängt. Als sein Vater zwei Jahre alt war, wurde die Familie umgesiedelt. "Das Leben in den Höhlen war schlecht für die Knochen, dieses gebückte Laufen", sagt Ambrosecchia.

Die Cousins erzählen von der Geschichte der Stadt, wissen selbst Details aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Aus Matera wegzuziehen, wie viele Gleichaltrige im Rest des Landes es tun, können sie sich nicht vorstellen. Dass die Stadt nun Kulturhauptstadt wird, sehen sie auch als Chance, dass sie bald bekannter wird.

Angelo Lamacchias Großmutter hat ebenfalls in den Sassi gewohnt. Der 33 Jahre alte Maler betreibt in der Nähe der alten Wohnung ein Atelier und sagt: "Vor fünf Jahren war es hier wie in Neapel." Er meint damit: lebendig. Aus vielen restaurierten Höhlen wurden AirbnB-Unterkünfte oder gleich Luxushotels. Er hat sich bewusst für die Kunst entschieden. "Auch wenn ich damit weniger verdiene." Er hofft, dass weiter junge Leute in die Stadt kommen und Matera wächst. "Aber nicht zu sehr."

Wo Mel Gibson die Kreuzigung Jesu filmte

Tatsächlich ist das Bemerkenswerte an Matera nicht nur, wie schön es ist, sondern wie gut man diese Schönheit genießen kann. Touristennepp wie Selfie-Sticks oder Minions-Figuren gibt es zu kaufen, aber in überschaubarem Maß. Und auch wenn die Zahl der Besucher von jährlich 200 000 im Jahr 2010 auf 450.000 im Jahr 2017 gestiegen ist, schiebt man sich nicht in Massen durch die kleinen Straßen, in denen Kakteen stehen und Heiligenbilder hängen. Meistens hat man sie für sich, nur ab und an mustert einen eine skeptische Katze. Aber bleibt das so?

Paolo Verri, Chef der Stiftung, die das Programm für das Kulturhauptstadtjahr verantwortet, hat sich in Städten wie Amsterdam oder Barcelona umgehört, um zu vermeiden, was dort zum Problem wurde: Overtourism. Zu viele Besucher und die Verdrängung der Einheimischen. "Das wichtigste ist der Austausch", sagt Verri.

Bewohner dürften nicht separiert werden, Besucher sehe man als "temporäre Einwohner". Beide sollten voneinander lernen - die Einheimischen, was in der Welt los ist, die Touristen die Traditionen der Region. Die Stadt legt Wert darauf, dass die Unterkünfte nicht aussehen wie überall. Möbel stammen von einheimischen Designern, die Region war in der Sofa-Industrie einmal bedeutend.

Das Programm für das Kulturhauptstadtjahr ist vielseitig - und nimmt das Wort "europäisch" ernst. Für die Projekte gilt, dass 30 Prozent der Teilnehmer aus Europa stammen müssen, 30 aus der Region Basilicata und 30 aus Matera. Im Juli etwa sollen sich die Sassi für einen Monat in eine Freilichtoper verwandeln, bei der jeder mitspielen kann. Eine Bedingung für eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt ist auch, die Bewohner einzubeziehen.

Die scheinen sich auf 2019 zu freuen. Die Stadt brauche "un piccolo trampolino", ein kleines Trampolin, sagt Linda Perrone, die Touristen durch die steilen Sassi führt, für die man festes Schuhwerk braucht, was manche Italienerinnen aber nicht davon abhält, es in Stöckelschuhen zu versuchen. Perrone zeigt viele Kirchen, die Stelle, an der Mel Gibson die Kreuzigung Jesu gedreht hat und schließlich eine Höhle, die eingerichtet ist wie früher.

In der Casa Grotta, die bis 1958 bewohnt war, stehen Möbel aus dunklem Holz, wie sie Großstädter gern auf Flohmärkten kaufen. Eine Spiegelkommode zieren Leinendecken, Wecker und Heiligenfiguren, neben dem Bett hängt eine Babykrippe. Auf den ersten Blick hübsch - bis man weiter hinabsteigt und sich vorstellt, dass auf der zweiten Ebene die Tiere lebten, kaum Luft oder Licht. Ein altes Foto zeigt neun Menschen in dem Raum und einen Hund.

Museen wie der Palazzo Lanfranchi geben ebenfalls Einblick in das Leben damals. Überhaupt ist die Stadt nicht arm an Museen. Archäologie spielt eine große Rolle, ein Haus widmet sich Olivenöl. Natürlich dreht sich das Leben in Matera wie überall in Italien auch ums Essen. Man sieht sogar noch, woher es kommt. An einem Nachmittag trägt ein Mann Schweinehälften auf seinem Rücken über die Piazza. Dienstag ist wohl Schlachttag. Und am Ende begegnet man doch noch Jesus: Sein Bild hängt gerahmt beim Metzger über der Fleischtheke.

Alexandra Stahl, dpa

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