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Geek Cruise: Der beste Platz ist unter Deck

Foto: Gregor Streiber

Kreuzfahrten für Geeks Urlaub unter Deck

Themenkreuzfahrten sind en vogue, es gibt sie für Heavy-Metal-Fans und für Fkk-Freunde. Ein kalifornischer Veranstalter bietet etwas wirklich Besonderes: Cruises für Nerds und Geeks. Der beliebteste Platz auf dem Schiff ist unter Deck, dort, wo die Internetverbindung am stabilsten ist.
Von Marika Bent

Atlantik - Auf einem Kreuzfahrtschiff kann man heutzutage so ziemlich alles sein: Spock-ohriger Trekkie, Elvis im Samtanzug oder splitterfasernackt. Themenkreuzfahrten sind beliebter denn je, bieten sie doch selbst der kleinsten Nische noch genug Raum für Entfaltung. Schokoladenliebhaber reisen zu den Ursprüngen der Kakaobohne, Motorradfans lassen sich und ihre Maschinen nach Patagonien schippern.

Nischen-Kreuzfahrer frönen ihrer Leidenschaft auf dem Sonnendeck des Lebens. Doch nicht alle wollen dabei stundenlang im Liegestuhl fläzen und die Nase in den Wind halten. Die Kreuzfahrer, die mit dem kalifornischen Veranstalter Insight Cruises auf eine "Geek-Tour" gehen, sucht man an Bord am besten dort, wo die mobile Internetverbindung des Schiffs am stabilsten ist.

Auf der MS Veendam ist dieser Ort die Bibliothek. Das Schiff der Holland-America-Line ist auf dem Weg zu den Bermuda-Inseln. An Bord des mittelgroßen Schiffs sind mehr als 1200 Passagiere, die meisten von ihnen amerikanische Rentner, die für den siebentägigen Ausflug von New York zu den Koralleninseln im Atlantik rund 800 Euro bezahlt haben.

Die 200 mitreisenden "Geeks" haben noch einmal 1000 Euro draufgelegt, um eine Woche lang Urlaub unter Deck zu machen. Sie besuchen Computer-Seminare. 30 IT-Kurse werden angeboten. Zur Auswahl stehen Themen wie "Auf und davon mit Cloud-Computing" oder "In die hintersten Winkel von MAC OS".

Zu jeder Tages- und Nachtzeit sitzen die iFans am Rechner

Unter den übrigen Schiffsgästen sind die Computerbegeisterten leicht zu auszumachen: Wo immer sie auftauchen, tragen sie einen Laptop unter dem Arm, vorzugsweise mit angebissenem Apfel drauf. Schließlich heißt die Themenfahrt "MacMania". Lieblingsort der iFans ist die Bibliothek. Dort klappen sie zu jeder Tages- und Nachtzeit die Rechner auf und surfen durch digitale Welten, wohlig gewiegt vom realen Seegang. Die starre Horizontlinie der Bildschirme und das ewige Schaukeln scheint ihnen nichts auszumachen. Kein seekranker Geek in Sicht.

Das Wort von der "Geek"-Kreuzfahrt hört Insight Cruises Chef Neil Bauman eigentlich gar nicht so gern. Der agile Endfünfziger besteht darauf, dass "seine Leute" keine "Geeks" seien - auf gut Deutsch Computerfreaks, aber auch Streber oder Fachidioten. Googelt man allerdings den Begriff Geek Cruise landet man sofort auf Baumans Seite.

Klar seien sie alle irgendwie "nerdig", gibt Bauman zu, hätten Spaß an Hard- und Software und seien immer auf der Suche nach den neuesten digitalen Erfindungen. Der große Unterschied sei aber, dass es diesen Geeks nicht um das "Habenwollen" und um das "Gadget" ginge, sondern um die intellektuelle Herausforderung. "Hier geht es ums Lernen. Das sind alles unglaublich helle Köpfe", schwärmt Neil Bauman von den Teilnehmern seiner Reise.

Ein emeritierter Stanford-Professor hilft beim App-Bau

Mit dabei ist Cinde Lou aus San Francisco. Eigentlich ist sie Malerin. Ihre Gemälde stellt sie im Internet aus. Abends an der Bar erzählt sie, dass ein berühmter amerikanischer Astronaut eines ihrer Bilder gekauft habe. Begeistert kann sie von ihrem Lieblingsthema Malerei binnen kurzem zu ihrem anderen Steckenpferd springen: Computer und das Internet.

Schon in den siebziger Jahren kaufte sie sich ihren ersten Rechner. In den Neunzigern bastelte sie sich ihre eigene Internetseite. "Ich war eine der ersten 12.000 weltweit", sagt sie stolz. An Bord der MS Veendam fühlt sich Cinde Lou unter ihresgleichen ausgesprochen wohl. "Es ist schön, mal ausnahmsweise nicht diejenige zu sein, die immer allen anderen Ratschläge bei Computerproblemen geben muss. Hier kann ich endlich mal Fragen stellen."

Und Fragen hat sie viele. Cinde Lou will eine eigene App entwerfen, mit der sie ihre Bilder als Grußkarten im Internet verschicken kann. Dabei helfen soll ihr der Netz-Guru Bebo White. Der emeritierte Stanford-Professor ist einer von acht Rednern auf der Kreuzfahrt.

Einst gehörte White zum Forscherteam, das die erste amerikanische Web-Site entwickelte. Er nimmt regelmäßig an Neil Baumans Geek-Kreuzfahrten als Gastdozent teil. Im nächsten Frühjahr, bei der mittlerweile 17. "Mac Mania" zu den britischen Inseln, wird der rundliche, weißbärtige Wissenschaftler auch wieder dabei sein und wieder über sein Lieblingsthema referieren: Big Data und Big Business in sozialen Netzwerken.

Erhellende Antworten auf verworrene Fragen

Neil Bauman ist zu Recht stolz auf die kleine Schar an exquisiten Dozenten, die er regelmäßig für die Fahrten verpflichten kann. Darunter sind IT-Koryphäen wie Sal Soghoian, der maßgeblich an der Entwicklung der Apple-Skriptsprache beteiligt war und nebenbei auch ein begabter Jazz-Musiker ist, oder Fachjournalisten wie Bob LeVitus, auf dessen Konto rund 60 Buchpublikationen von A wie App bis Z wie Zip-Software gehen.

Mit leuchtenden Augen hängen die Kreuzfahrtteilnehmer an ihren Lippen und auf vielen Gesichtern sieht man sprichwörtlich die Lichter aufgehen. "Ich mag es, wenn ich sehe, wie es bei den Leuten 'klick' macht", sagt Sal Soghoian. Im Gespräch legt der Script-Guru selbst eine gespannte Aufmerksamkeit an den Tag. Unbeweglich wie eine Sphinx hört er zu und gibt dann mit plötzlich belebter Miene noch auf verworrenste Fragen erhellende Antworten.

Steigt man nach einer maritimen Vorlesung bei solchen Computercracks dann an das Schiffsdeck, legt sich auf einen der gepflegten hölzernen Liegestühle und blickt auf die Weite des Ozeans, kann einen doch ein leichter Schwindel erfassen. Geistige Überfütterung und Seegang tun ihr Werk. Das Ergebnis ist anregend, denn man erreicht einen Zustand voller Muße und Konzentration. Im Alltag gehen beide ja eher selten Hand in Hand.

"Einen Moment schaffen, in dem die linke und die rechte Gehirnhälfte gemeinsam Urlaub machen", verspricht Neil Bauman auf seiner Internetseite. All jene, die in den Ferien Kopf eben nicht leer, sondern viel lieber voll mit neuem Wissen bekommen, sind bei ihm an der richtigen Adresse. Und man muss kein Computerfreak sein, um von Baumans Schiffsreisen zu profitieren.

Kreuzfahrten für Schachspieler, Physiker und Politikwissenschaftler

Er bietet auch Kreuzfahrten für Schachspieler, Shakespeare-Freunde, Hobby-Astronomen und Physiker oder Politikwissenschaftler an. All die geistig Unersättlichen reisen zu den Ursprüngen der Welt, beobachten Himmelsphänomene in Australien, fahren zu den heiligen Stätten der Hochkultur nach Griechenland oder ins Herz der modernen Forschung zu einem Landgang nach Genf an das Kernforschungslabor CERN.

Motor dieser unablässigen Suche nach neuen Erkenntnissen ist Neil Baumans eigener Wissensdrang. Mit vier Jahren entdeckte der in der Bronx geborene Bauman bei seinen Großeltern einen alten Abakus, mit dem er sich selbst das Rechnen beibrachte. Als nächstes lernte er Schach und spielte es bald meisterhaft.

Die nächste Herausforderung waren dann in den frühen Siebzigern für ihn Computer. Die Geschichte, wie er schließlich zum Kreuzfahrtgeschäft kam, ist abenteuerlich: Einst war er selbst Gast auf einer Star Trek-Themenkreuzfahrt. Von den mitreisenden Trekkies entspannte Bauman, indem er sich mit einem Handbuch über Perl-Programmierung in eine ruhige Schiffsnische verzog. Dies, so Bauman, sei ein großes Aha-Erlebnis gewesen: Wenn Vulkanier gemeinsam verreisen können, schaffen Programmierer das auch.

1999 gründete Bauman schließlich Insight Cruises. Die Firma, die er gemeinsam mit seiner Frau führt, ist erfolgreich, nicht zuletzt weil die gesamte Kreuzfahrtbranche ein Wachstumsmarkt ist. Thematisch ausgefallene Schiffsreisen sind gefragt. Die Zeiten, da man an Bord nur die Wahl zwischen Captain's Dinner, Bingo oder Pool hatte, sind schon lange vorbei.

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