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Johannesburg: Inside Maboneng

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Downtown in Johannesburg Wie Maboneng zum Hipsterviertel wurde

Johannesburg - Dario Manjate begrüßt die Gäste an diesem Abend mit einem breiten Grinsen. In der Galerie Imba Ya Sarai eröffnet eine Ausstellung, die seine Bilder zeigt. Es sind Kollagen aus Magazinschnipseln, mit ein wenig Abstand erkennt der Betrachter darin ein Frauengesicht. "Meine Nichte", sagt der Künstler stolz und lächelt. Noch vor ein paar Jahren hatte Manjate im Stadtzentrum von Johannesburg wenig Grund zum Lachen. Bei Reisenden galt Downtown als absolutes No-Go-Gebiet. "Ich wurde insgesamt dreimal ausgeraubt, mitten am Tag." Aber das ist ihm schon lange nicht mehr passiert. "Hier können sich keine Kriminellen mehr verstecken. Wenn es diesen Ort nicht gäbe, müsste man hier große Angst haben."

Der Ort, von dem Manjate schwärmt, heißt Maboneng. Genau genommen handelt es sich nur um einen sehr kleinen Teil von Downtown, kaum mehr als ein paar Straßenzüge breit. Aber an der Zahl der Häuserblocks lässt sich die Strahlkraft nicht bemessen. Maboneng ist kein ursprünglicher Name, die Immobiliengesellschaft Propertuity hat ihn sich ausgedacht. Er bedeutet "Ort des Lichts". Es ist mehr ein Versprechen als eine geografische Bezeichnung.

Hinter Propertuity steht Jonathan Liebmann, ein junger Unternehmer, der in Brooklyn gelebt hat und sah, wie man Stadtteile entwickelt. Johannesburg war damals vor allem für seine schockierend hohe Mordrate bekannt. Doch Liebmanns Blick fiel auf das Gebiet um die Fox Street, hier sollte Maboneng entstehen. 2009 begann Propertuity, verlassene Industriegebäude aufzukaufen. Das "Arts on Main" entstand, ein Food Market in einer alten Lagerhalle. Bald öffneten Galerien, Restaurants, Cafés, Buchläden, Designershops, ein Theater und ein Kino - das Standardrepertoire eines aufstrebenden Kreativzentrums. Das zieht Touristen an. Maboneng ist einer der wenigen Orte in Downtown, in denen sie ohne Sorge flanieren können.

"Das ist schön hier"

James Rood, Mitte 30, sitzt vor einem Café in der Sonne und staunt. Vor ihm steht ein Saft, frisch gepresst aus Ingwer und Karotte. Im "Eat Your Heart Out" sind die Schiefertafeln mit den Preisen in Holzrahmen eingefasst, an der Decke drehen sich Ventilatoren, der Kellner trägt eine weiße Haube. Eine junge Frau mit Irokesenfrisur, Sonnenbrille und bunten Sneakern stolziert über das Trottoir. "Verdammt, das ist schön hier", sagt Rood. Er war lange weg, an das Viertel kann er sich nicht erinnern.

Der Südafrikaner mit der Statur eines Football-Spielers sieht aus, als müsste er keine Angst haben in Hillbrow, einem der kriminellsten Viertel der Stadt. Rood wuchs dort auf. Irgendwann ging er nach England und begann, für eine norwegische Ölfirma zu arbeiten. Bis vor kurzem. Jetzt ist Rood wieder in Johannesburg, um Verwandte zu besuchen, ein Tourist und Einheimischer zugleich. Maboneng entwickelt sich, das gefällt ihm. Die Immobilienpreise sind noch niedrig, er hat Geld auf der Bank. Rood sagt, er spinnt nur ein bisschen herum.

Keine zwei Minuten die Fox Street runter füllt sich der Innenhof des "Arts on Main". Köche an den Ständen drapieren Burger und Sandwiches, Kuchen und Gebäck. Auch die Backpacker greifen dafür etwas tiefer in den Geldbeutel. Überall bekommen sie eine Kostprobe, ein Lächeln und nette Worte. Bürgerliche Harmonie. An jeder Straßenecke stehen die Wachleute einer privaten Sicherheitsfirma.

Nebenan parken Coupés, Limousinen und SUVs. Die für südafrikanische Verhältnisse luxuriösen Autos gehören den wohlhabenden Ausflüglern aus den nördlichen Stadtteilen, aus Sandton oder Rosebank, die jeden Sonntag nach Maboneng kommen, weil der Besuch von Downtown hier ein hippes und zugleich sicheres Event ist. Ein Catwalk im Ghetto.

Treffpunkt der Johannesburger Gesellschaft

Bheki Dube kann der Hype um das Viertel nur Recht sein. Viele Touristen kommen in sein Hostel, das "Curiocity Backpackers", ebenfalls an der Fox Street: günstige Zimmer in Industriedesign. In den 50er-Jahren soll sich Nelson Mandela einige Male in dem Haus versteckt haben, als er für die Zeitschrift "Fighting Talk" des African National Congress (ANC) politische Texte schrieb. Deshalb heißt die Bar heute Hideout Bar - eine gute Geschichte. Jeder Neuankömmling hört sie auf einer kleinen Stadttour.

Dube ist Selfmade-Unternehmer. Er reiste durch ganz Südafrika und fotografierte Hostels, sammelte Ideen. Dann kam Liebmann und eins zum anderen: 2013 eröffnete das Hostel in Maboneng, heute ist es fast immer gut besucht, viele Deutsche übernachten hier. Abends sitzen sie an der Bar, spielen Billard mit den Mitarbeiter - ein Miteinander auf Augenhöhe. "In fünf Jahren wird das ""Curiocity"" das beliebteste Hostel in Südafrika sein", sagt Dube. Er ist 23 Jahre alt.

Touristen halten es in Maboneng bestens aus. Sie können guten Kaffee trinken, Burger mit Blauschimmelkäse essen oder senegalesische Spezialitäten. Der Sundowner schmeckt in der Rooftop-Bar besonders gut. Kultur gibt es auch: Im Theater zeigt eine junge Künstlergruppe eine Neuinterpretation von Shakespeares "Sommernachtstraum". Über allem liegt der Optimismus stilbewusster und erfolgreicher Menschen.

Am Wochenende trifft sich die junge Johannesburger Gesellschaft im Restaurant "Pata Pata". Sakkos mit Einstecktüchern, guter Wein. Eine Straße weiter im "Fox Den Pub" an der Main Street kostet das Bier nur einen Bruchteil. Es läuft südafrikanische Housemusik, die Luft ist warm und schwül, der Tresen vergittert. Das "Pata Pata" liegt für die Kundschaft nur einen Steinwurf entfernt und bleibt doch unerreichbar. Der Reisende wechselt zwischen den Welten und bleibt verstört zurück.

Die Ordnung ist dennoch fragil

Für die Männer im "Fox" ist das hier immer noch Jeppestown. So heißt das Viertel eigentlich. Vor einigen Wochen kam es hier zu gewaltsamen Protesten gegen Maboneng. Auf den Straßen gleich südlich der Fox Street wurden brennende Barrikaden errichtet und Steine von den Dächern geworfen, berichten Augenzeugen. Die Polizei trieb den Mob mit Gummigeschossen auseinander. Die Unruhestifter kamen zum Großteil aus den alten Wohnblöcken für die Mitarbeiter der staatlichen Minenfirmen. Heute wohnen darin Hunderte Menschen, die zum Teil in Gangs organisiert sind und Waffen tragen. Die Häuser wurden wie überall in Downtown einfach irgendwann besetzt.

Auslöser der spontanen Unruhen war eine geplante Zwangsräumung. Nach allem, was man weiß, kam der Bescheid nicht von Propertuity, sondern einer anderen Immobilienfirma, die in der Gegend aktiv ist. Doch Maboneng passte als Projektionsfläche für die Unzufriedenheit der Menschen in diesem immer noch bitterarmen Teil der Stadt einfach zu gut. Nach dem Krawall kehrte schnell wieder Ruhe ein. Der Vorfall zeigt, wie fragil die Ordnung in diesem Teil der Stadt noch ist.

"Du kannst keine Straße erschaffen, in der alles blitzblank sauber ist, und drum herum kommt alles herunter", sagt eine Schmuckdesignerin auf dem Markt von Maboneng, die erst ihren Namen sagt, ihn aber dann nicht in der Zeitung lesen will. "Sonst laden die mich nie wieder ein." Kaum ein Anwohner profitiere von Maboneng. "Sie nennen es Nachbarschaftsentwicklung, aber das ist es nicht." Im Gegenteil, man schlage aus dem authentischen Image der Gegend Profit, ohne dass die Menschen zu etwas befähigt würden. "Maboneng ist eine Insel, eine Peep-Show", sagt die Frau.

Tatsächlich bekommt das Vorzeigeimage des Bezirks schnell Risse, wenn sich der Besucher auch nur zwei Parallelstraßen von der Fox Street bewegt. Die Gehwege sind aufgerissen, Ratten durchwühlen den Müll. Ärmlich gekleidete Menschen drücken sich an Häuserwänden vorbei, Schmauchspuren zeugen von Feuern. Die Graffitis auf den Häusern, die schon verkauft sind, stammen von angeheuerten Künstlern. Sie sind mehr ein Zeichen der Verdrängung als eine Annäherung.

Der Geist der Pioniere

James Rood betrachtet den gewaltigen Bau an der Ecke Lower Ross/Beacon nördlich der Fox mit dem Konterfei Nelson Mandelas. Arbeiter hocken auf dem Dach, im Erdgeschoss ist ein Schild "Cupcake Bar" zu lesen. Ein schicker Wohnblock soll hier entstehen. "45 bis 65 Quadratmeter wären für mich zu wenig", sagt Rood, "100 sind besser." Vielleicht ließe sich eine kleine Wohnung vermieten. Im "Curiocity" lässt er sich später die Pläne des Architekturbüros geben.

Dort sitzt abends auch Bheki Dube vor dem Haus und nimmt Stellung zur Entwicklung des Viertels. Es werde etwas für die Leute getan. Der Maboneng Community Fund finanziere eine Schule und eine Skaterhalle für Jugendliche. Straßenkinder machen Fotokurse und bedrucken mit ihren Motiven T-Shirts, Postkarten und Taschen, die in einer Galerie des "Arts on Main" verkauft werden. Das Statement: "I was shot in Joburg :)". Viele Reisende nehmen sich die Accessoires mit nach Hause. Mit dem schlechten Ruf etwas verdienen - warum nicht?

"Du brauchst das Geld der Mittel- und Oberschicht", sagt Dube. "Die Regierung hätte fünfmal so lange gebraucht, um das Viertel zu entwickeln. Sie sollte mehr tun, aber sie tut gar nichts." Also ist der private Sektor gefragt. Maboneng sei ein Erfolgsmodell, die ganze Stadt rede über den Bezirk. Dass die Preise steigen, sei eine natürliche Entwicklung. "Ich halte den Begriff Gentrifizierung für unangebracht." Dann wird es dunkel, Dube geht ins Hostel. Am Tresen sitzen Reisende aus Europa und trinken Bier. Seit kurzem ist die Bar nur noch für Gäste des Hauses geöffnet. Es war zu einer Schlägerei zwischen Touristen und Einheimischen gekommen.

Ableger geplant

Eigentlich unterscheidet sich die Geschichte von Maboneng nicht so sehr von denen anderer Trendbezirke in anderen Metropolen: Ein paar mutige Pioniere gehen zurück ins verrufene Stadtzentrum. Es entsteht ein Hype, und alle anderen mit Geld und Geltungsdrang kommen nach. Das Viertel entwickelt sich auch zum Hotspot für Touristen. Nur haben die Armen, die vorher da waren, in Johannesburg wirklich nichts, und die Reichen sind im Verhältnis dazu unermesslich reich.

Es ist wieder Wochenende in Maboneng, doch die Straßen sind leer. In Jeppestown wurden Geschäfte geplündert und angezündet. Wieder rückte die Polizei an. Der Unmut der Leute richtete sich dieses Mal nicht gegen Maboneng, sondern gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern. Eine Mitarbeiterin im "Curiocity" hält ihren Kopf nach draußen. "Bleibt hier, es ist nicht sicher", sagt sie zu den Gästen.

Bheki Dube glaubt an das Potenzial von Maboneng. "Lass die Blase wachsen, explodieren und die ganze Stadt erfassen", sagt er. Er plant schon Ableger des "Curiocity" in Kapstadt und Durban. James Rood fährt im Mietwagen mit heruntergelassenen Scheiben durch Hillbrow und pustet den Rauch seiner Zigarette in die kühle Luft. Wieder einmal ist der Strom ausgefallen, stockfinster die Nacht. "Das ist vielleicht die dümmste Idee meines Lebens", sagt er. Er wird zwei Apartments kaufen.

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