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Büro an Bord: Arbeiten auf dem Segelboot

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Wie man vom Segelboot aus eine Firma leitet Büro an Bord

Telearbeit wird immer populärer, nun soll sie sogar im Gesetz verankert werden - kein Wunder, dass immer mehr Segler ihren Arbeitsplatz auf die Yacht verholen. Aber für wen eignet sich dieses Modell überhaupt? Wo liegen seine Chancen, wo die Risiken?
Von Jan Zier

Christoph Meyer ist 31, als er 2002 auf der Ostsee das erste Mal segeln geht. Seitdem lässt es ihn nicht los, und mehr noch: Heute lebt und arbeitet er auf dem Wasser, seit vier Jahren schon. Rund 14.000 Seemeilen liegen mittlerweile in seinem Kielwasser, in den letzten Jahren besegelte er mit seiner Vindö 40 den Nordatlantik bis hinunter zu den Kanaren, dann ging es durch den Ärmelkanal in die Nordsee zurück und weiter bis hinauf zu den Shetland-Inseln und nach Norwegen. Dann zog es ihn wieder in den Süden.

Während in Norddeutschland eine winterliche Sturmflut tobt und Süddeutschland im Schnee versinkt, liegt er in Viveiro an der spanischen Nordküste. Er ist auf dem Weg nach Portugal, wo er "ein paar Wochen an der Algarve leben" will, wie er erzählt, und vielleicht noch mal Surfen lernen. Nachts ist es auch hier in Galizien kalt, aber in den Nachmittagsstunden kommen bereits hin und wieder Sommergefühle auf. "Die Kulisse kann einem schon den Atem rauben", sagt er. Ein Mann lebt seinen Traum.

Aber das verlangt auch Disziplin. Die Arbeit rücke manchmal leicht in den Hintergrund, räumt Meyer ein: "Das ist die größte Gefahr." 2015 löst er seinen Haushalt auf und auch sein Büro in Braunschweig. "Es hat gut getan, mich auf das zu konzentrieren, was mir wirklich wichtig im Leben ist", erzählt er: "Ich war damals ungemein befreit." Nur eben mal am Wochenende schnell zum Segeln an die Ostsee zu fahren, das war ihm zu wenig. Und für seinen Job braucht er kaum mehr als einen Laptop. Christoph Meyer arbeitet seit 15 Jahren selbstständig, meist allein - er konzeptioniert Homepages, entwickelt webbasierte Anwendungen, gestaltet Broschüren, Kataloge und Markenauftritte.

Sein Sitzmöbel ist heute eine Salonbank von 1972, mit einem dünnen Kissen belegt. "Nein, bequem ist das nicht", sagt Meyer und lacht, mit Ergonomie am Arbeitsplatz habe das natürlich nur wenig zu tun. "Aber wer auf einer Kartoffelkiste sitzt, ist schneller mit der Arbeit fertig." Effizienter sei er in der Tat geworden - 30 Stunden sei er im Schnitt pro Woche tätig, früher waren es 60. Und billiger ist das Leben an Bord auch: Seine monatlichen Gesamtkosten beziffert er heute auf 944 Euro. Zum Vergleich: In Braunschweig kosteten Wohnung und Büro ihn knapp 3000 Euro im Monat; Geld, das konstant verdient werden muss: "Das sorgt auch für Stress." Heute lebt er bescheidener - und hat doch weniger existenzielle Sorgen.

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Wie viele Menschen ihr Büro an Bord eines Segelschiffs haben? Bislang gibt es dazu keinerlei Zahlen. Aber es gibt einen eindeutigen Trend. Als "Yacht"-Autor Marc Bielefeld 2012 auf sein Boot umsiedelte - seine Erlebnisse und Erfahrungen hat er in dem Buch "Wer Meer hat, braucht weniger" festgehalten -, war er noch ein Exot. Heute ist die sogenannte Telearbeit gang und gäbe.

Zwar arbeiten in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt bislang nur zwölf Prozent der Beschäftigten zumindest gelegentlich von zu Hause aus, doch 40 Prozent von ihnen wünschen sich gemäß einer Studie des Bundesarbeitsministeriums, wenigstens ab und zu von daheim ihrem Job nachgehen zu können. Einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge ist dieser Wunsch in vielen Fällen durchaus realistisch: Ein Homeoffice - oder eben das Büro an Bord - sei bei vier von zehn Jobs grundsätzlich möglich. In den meisten Fällen scheitere diese Konstellation aber an den Vorgesetzten, so das DIW.

In der Regel sind es Selbständige, die den Schritt wagen

Auch der Gesetzgeber erwägt eine Anpassung der Regularien an die moderne Arbeitswelt. Das Bundesarbeitsministerium will ein Recht auf Heimarbeit schaffen: Unternehmen sollen sie entweder erlauben - oder aber ihre Ablehnung begründen müssen. In den Niederlanden gibt es ein derartiges Gesetz schon. In Deutschland sind es in der Regel bisher Selbstständige, die den Schritt hin zum Büro auf der Yacht wagen. Für diesen Schritt muss man nicht immer radikal mit dem gewohnten Leben an Land brechen, manchmal bewährt sich eine Kombination.

Bei Heino Kuhlemann zum Beispiel: Mit seiner Frau bewohnt der 50-jährige Medizin-Informatiker für einen Teil des Jahres ein altes Bauernhaus im bayerischen Schliersee am Fuße der Alpen. Aber vom Frühjahr bis zum Herbst siedeln die beiden an die nördliche Adria um, ins slowenische Izola - aufs Schiff. Vor vier Jahren haben sie sich eine 33 Fuß große Bavaria Easy 9.7 gekauft, und da "war es nur logisch, darauf auch zu arbeiten", wie Kuhlemann sagt. Seine 2016 gegründete Firma hat mittlerweile eine Handvoll Angestellte, sie berät medizinische Einrichtungen sowie IT-Anbieter in der Gesundheitsbranche. "Aufgrund meiner Organisationsform kann ich an 365 Tagen im Jahr voller Elan und Freude arbeiten", sagt Heino Kuhlemann - egal ob an Bord, zu Haus oder ganz klassisch im Büro. "Meine Erfahrung ist: Ich erhole mich beim Job!"

Geregelte Arbeitszeiten gibt es in seinem Bordbüro nicht. Drei bis zwölf Stunden sei er am Tag tätig, sagt Kuhlemann, in der Summe kommt er auf etwa 40, in Ausnahmefällen aber auch auf bis zu 60 Stunden pro Woche. Die Kunden bestimmen das Tagesprogramm, und so geht es oft schon um sieben Uhr am Morgen los, es lockert sich meist aber zum Nachmittag hin auf. "Somit können wir auch mal an Tagen Segeln gehen, an denen das sonst nicht möglich wäre. Und sollte doch noch eine Web-Konferenz anstehen, dann gehen wir für die Zeit eben vor Anker."

Die Video-Kommunikation spielt mittlerweile eine zentrale Rolle in Kuhlemanns Firma: "Die Akzeptanz dieser Organisationsform ist in den letzten Jahren so stark gestiegen, dass Arbeiten unabhängig von Zeit und Ort heute Realität ist." Feste Bürozeiten wären ohnehin nicht mit seinem Job kompatibel, er hat manchmal an einem Tag für verschiedene internationale Auftraggeber zu tun. Und das geht vom Boot aus so effizient wie vom Schreibtisch. "Wir haben die Chancen der Digitalisierung zu 100 Prozent umgesetzt - und das ist die Aufgabe, die man nicht verschlafen darf", sagt Kuhlemann.

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Nur, mal ehrlich: Wie oft kommt er in dieser Konstellation überhaupt zum Segeln? "Wenn ich wirklich viel arbeite, reicht es manchmal nur zur Ankerbucht. Das hat dann was von Hafencamping", sagt der Unternehmer - das sei aber immer noch besser als in einem herkömmlichen Büro zu sitzen. An 60 bis 70 Tagen aber gehe er mit der "OpenToBe" auch wirklich segeln, "Tendenz steigend". Und einmal im Jahr gönnt er sich einen Törn von vier bis sechs Wochen. Dieses Jahr soll es ins Ionische Meer nach Griechenland gehen.

Wissenschaftlich sind die Vor- und Nachteile der Heimarbeit immer noch umstritten. Studien zeichnen ein widersprüchliches Bild, ob sie eher schadet oder nützt. Die Menschen arbeiten im Homeoffice durchschnittlich länger, haben häufiger Schwierigkeiten, nach Feierabend abzuschalten und werden seltener befördert. Andererseits sind sie offenbar tendenziell zufriedener und produktiver.

Doch während 76 Prozent aller Befragten in einer Erhebung von 2006 angaben, durch Telearbeit produktiver zu sein als im Büro, waren lediglich 61 Prozent der Arbeitgeber davon überzeugt, dass das tatsächlich stimmt. Mittlerweile geht laut Umfragen unter Geschäftsführern und Personalleitern aber fast jede dritte Firma davon aus, dass das Homeoffice zunehmend wichtiger wird. Der klassische Büroarbeitsplatz mit Anwesenheitspflicht verliert an Bedeutung.

Wie man ein ganzes Unternehmen vom Boot aus lenkt

Sogar ganze Unternehmen lassen sich ausschließlich von Bord eines Segelschiffs aus organisieren. Maren und Matthias Wagener beispielsweise führen eine Firma, die Projektmanagement- und Programmier-Dienste für Agenturen anbietet, acht festangestellte Mitarbeiter hat, dazu 40 freischaffende Programmierer und einen Umsatz im Millionenbereich. Ihr typischer Arbeitstag unterscheidet sich zunächst einmal kaum von dem in einem konventionellen Büro: Um neun Uhr klappen sie ihre Rechner auf und irgendwann zwischen 18 und 20 Uhr dann wieder zu.

Ihre Wirkungsstätte ist ein neuer Katamaran, ein Outremer 51. Zuvor lebten und arbeiteten sie fast drei Jahre lang auf einem Aluminium-Mono, einer Boréal 47. In ihrem ersten gemeinsamen Jahr an Bord segelten sie die Atlantikküste hinunter bis Gibraltar, und als sie 2018 im französischen La Grande Motte ihr neues Schiff abholten, ging es von dort aus Richtung Italien bis nach Sizilien. Ihre erste Yacht war ein Waarschip 1076, das sie 2010 zusammen gekauft hatten.

Matthias Wagener segelte da schon seit 30 Jahren, Maren hingegen erst seit zwei. Trotzdem war sie es, die den Anstoß gab, die Mietwohnung in Hamburg aufzugeben. Anfangs waren sie gemeinsam auf der Alster, später dann auf der Ostsee unterwegs und verbrachten zumindest die Sommermonate auf dem Schiff. Die Idee, das ganze Leben umzukrempeln und aufs Boot zu ziehen, kam ihnen erst später - und wurde über mehr als zwei Jahre lang vorbereitet.

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"Wir beide hatten nie den Traum, um die Welt zu fahren oder so", sagt Matthias Wagener und dass seine Frau lieber dort segeln wollte, wo das Wasser wärmer ist und die Sonne häufiger scheint. "Wir haben früh bemerkt, wir funktionieren sehr gut als Paar, wenn wir zusammen leben und arbeiten. Wir glauben heute, dass es für uns die beste Entscheidung war, aufs Boot umzuziehen." Mit dem oft benutzten Schlagwort der "digitalen Nomaden" können sie übrigens so wenig anfangen wie Christoph Meyer oder Heino Kuhlemann.

Zum Segeln kommen die Wageners meistens am Wochenende, erzählen die beiden, "oft machen wir auch Strecke über Nacht". Oder der eine arbeitet, während die andere Wache geht. "Insgesamt schaffen wir so zwar nicht so viele Seemeilen in der Saison, auf 1000 bis 2000 kommen wir aber immer", sagt Maren Wagener.

Der Katamaran ist zwar deutlich teurer im Unterhalt als der Mono, "aber das war uns vorher bewusst". Dafür hat der Multihull einen anderen Vorteil. Denn so ein Schiff - also auch das Büro - ist ja immer in Bewegung, selbst dann ein wenig, wenn es in einem Hafen liegt. "Dort hatten wir auch auf dem Einrumpfer nie Schwierigkeiten mit den Bootsbewegungen", versichern die beiden. Vor Anker ist es aber nun deutlich ruhiger, "das war auch einer der Gründe für den Bootswechsel". Maren und Matthias Wagener arbeiten am liebsten vor Anker und sind mit ihrer Yacht dabei relativ autark. Das Trinkwasser produzieren sie selbst.

Mit der "O nass is" vom See aufs Meer

Aber man kann auch kleiner anfangen, so wie Jasmin Horvath, die in der Nähe von Wien zu Hause ist. Vor einem Jahr lernte sie ihren Lebensgefährten Gerhard Gödtel kennen, ihr erstes Date hatten sie auf seinem Segelboot, einer Neptun 27. Es war Winter, und das Schiff stand noch am Neusiedler See. "Ich habe mich vom ersten Moment an in beide verliebt!", sagt die 43-Jährige. Er erzählte ihr von seiner Idee, die "O nass is" ans Meer zu bringen und von dort aus zu arbeiten. Also hat sie es auch einfach mal probiert, und zwar im Januar. Zuvor hatte die Grafikerin noch ein großzügiges Büro, doch der Umzug auf den Kleinkreuzer war "super", beteuert sie: "Ich habe gemerkt, wie produktiv ich da bin - weil ich in die Natur und aufs Wasser hinaussehe."

"Das Boot hat alles, was man braucht", sagt Gödtel, Küche, Bad, eine große Solaranlage und zwei Kühlschränke. Der gelernte Gärtner, der seit 2012 segelt, gibt ein gutes Beispiel dafür ab, dass sich diese Lebensform nicht allein für Menschen mit computerbasierten Jobs eignet. In diesem Jahr will der 50-Jährige als Segellehrer in Kroatien arbeiten und sich außerdem in den Häfen als Handwerker verdingen. Auch sein eigenes Boot wartet er selbst.

Jasmin Horvath hat mit dem Wechsel an Bord ihre Arbeitszeit auf zwei Stunden in der Frühe und nochmal vier am Abend reduziert. Früher war sie in einer großen Werbeagentur angestellt und schuftete bis zu 16, 18 Stunden am Tag. Heute ist sie selbstständig, programmiert Websites, betreut Bilddatenbanken, vermittelt Druckereien und gestaltet Kataloge oder Flyer. "Wir stehen nicht mehr unter diesem enormen finanziellen Druck", betonen die beiden. Das Leben auf dem Schiff ist in aller Regel bei weitem nicht so kostspielig wie das Leben in der Stadt.

Für welchen Seglertyp und in welchen Jobs ein solches Modell funktioniert, lässt sich pauschal nicht sagen. Das herauszufinden geht nur auf eine Art, glauben Horvath und Gödtel: "Ausprobieren!"

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