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Glacier Nationalpark: Im Oldtimer-Bus ins Hochgebirge

Foto: Montana Office of Tourism/dpa-tmn

Unterwegs im US-Nationalpark Glacier Im roten Oldtimer-Bus durchs Hochgebirge

Glacier Nationalpark

Edward Daniel ist sehr erfahren darin, große rote Autos zu steuern, 29 Jahre lang war er Feuerwehrmann in Atlanta. Georgias stickige Südstaaten-Sommerschwüle hat Ed gegen die frische Bergluft von Montana getauscht. In dem Staat weit im Westen der USA trägt er keine feuerfeste Uniform mehr, sondern Bermudashorts und Sonnenbrille, einen ausladenden Hut und eine rosa Krawatte über einem kurzärmeligen, weißen Hemd. Wie ein Geschäftsmann, der sich für einen Strandbesuch nicht vollständig umgezogen hat. Und statt eines schweren Löschfahrzeugs mit blinkenden Lichtern und Sirenengeheul lenkt Ed einen alten roten Reisebus auf die nächste enge Kurve zu: einen White 706, Baujahr 1936.

Insgesamt 33 rote Busse aus den späten 1930er Jahren sind bis heute im Glacier-Nationalpark unterwegs. Sie sind die heimlichen Stars einer Hochgebirgsregion, die als bedeutender Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen gilt, deren kaum berührte Natur aber auch immer mehr Touristen anzieht. In Glacier wurde 2017 erstmals die Schwelle von drei Millionen Besuchern überschritten: Mit gut 3,3 Millionen Gästen kamen zwölf Prozent mehr als 2016 in das Schutzgebiet, das an Kanada grenzt und an den dortigen Waterton-Lakes-Nationalpark anschließt. Gemeinsam bilden die beiden Parks bereits seit dem Jahr 1932 den Waterton-Glacier International Peace Park.

Mit 17 Urlaubern auf den Holzbänken seines White 706 ist Ed am Morgen aufgebrochen, der rote Bus ist ausgebucht. Das erleben die Jammer, wie die Fahrer der Oldtimer genannt werden, fast täglich, wenn sie während der kurzen Sommersaison mit offenem Verdeck bis in gut 2000 Meter Höhe vorstoßen, vorbei an steilen Gipfeln und schimmernden Bergseen. "Die Busse sind vor dem Zweiten Weltkrieg speziell für den Einsatz in Nationalparks im Westen der USA gebaut worden", erzählt Ed. "Heute sind sie aber nur noch hier in Glacier und in Yellowstone in Betrieb." Die Ausstattung besteht überwiegend aus Originalteilen, auch wenn die Busse 2001 und 2002 vom Autohersteller Ford überarbeitet und auf neue Lkw-Fahrgestelle gesetzt wurden.

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Man kann an mehreren Orten im Südwesten und Osten des Parks zusteigen. Es gibt Halbtagesausflüge, aber auch rund neunstündige Fahrten auf beide Seiten des Hauptkamms der Rockies. Frühes Buchen ist ratsam. Rund 100 US-Dollar für Erwachsene kostet das Tagesprogramm "Crown of the Continent". Es bietet nicht nur einen Ausflug in die automobile Vergangenheit, sondern auch eine Fahrt auf der Going-to-the-Sun-Road, einer 1933 eingeweihten kurvigen Route über den 2025 Meter hohen Logan Pass. Möglich ist das aber nur, wenn der Schnee komplett geräumt und noch nicht viel neuer gefallen ist. In der Regel wird die Strecke zwischen Mitte Juni und Anfang Juli freigegeben, 2018 zum Beispiel am 23. Juni. Zwischen Mitte September und Mitte Oktober ist die Straße wieder geschlossen.

Mit Ed Daniel geht es an diesem Tag allerdings nicht über den Logan Pass, sondern über den südlich davon gelegenen Marias Pass - mit 1591 Metern über dem Meer die tiefstgelegene Ort in den USA, an dem sich der Rocky-Mountains-Hauptkamm überqueren lässt. Rasch wird sichtbar, dass die "Continental Divide" zwei sehr verschiedene Regionen trennt. Denn das Wetter kommt hier meist von Westen und regnet sich an den zum Teil mehr als 3000 Meter hohen Bergen ab. Deshalb wachsen dort Bäume, die sonst vor allem am Pazifik vorkommen, etwa Western Hemlock und Riesen-Thuja. Östlich der Pässe ist das Land viel trockener, sind die Bäume niedriger, und bald beginnen die Great Plains: offene Prärie über mehr als 1000 Meilen bis nach Minnesota.

Seit mehr als 100 Jahren erleben Urlauber diese Unterschiede, der Glacier-Nationalpark wurde bereits 1910 gegründet. Zuvor hatte das Eisenbahnunternehmen Great Northern Railway an der heutigen Südgrenze des Parks eine Trasse für seine Verbindung zwischen Seattle und Minneapolis bauen lassen, und zwar über den Marias Pass. Rasch kam die Idee auf, Menschen von der US-Ostküste eine Reise in die "Amerikanischen Alpen" als Alternative zum Europa-Urlaub anzubieten. Lodges, Chalets und Zeltlager entstanden, meist nur einen Tagesritt voneinander entfernt. Einige der Unterkünfte wie die "Lake McDonald Lodge" auf der Westseite des Parks und die "Glacier Park Lodge" in East Glacier, in der zwölf Meter hohe Douglasfichtenstämme das Dach der weitläufigen Lobby tragen, sind bis heute in Betrieb.

"Superbloom" im Bärengras

Die Going-to-the-Sun-Road und die Straße über den Marias Pass sorgen für die Ost-West-Verbindungen in der Region. Sie tragen aber auch dazu bei, dass sich der Tourismus auf wenige Orte konzentriert. "Es gibt zwar insgesamt fast 750 Meilen an Pfaden und Wegen, um die sich der Nationalparkservice kümmert. Allerdings sind nur etwa 37.000 Besucher pro Jahr mit einer Backcountry Permit unterwegs und wandern zum Beispiel mit Zelten weit weg von allen Straßen", erzählt Melissa Scott. Sie betreut für das lokale Unternehmen Glacier Guides Touristen im Park. "Etwa 85 bis 90 Prozent aller Parkbesucher entfernen sich höchstens mal für etwa 100 Meter von ihren Autos oder Bussen", sagt Scott.

Ein Grund dafür sind die Bären. Es gibt etwa 250 bis 300 Grizzlys und etwa doppelt so viele Schwarzbären im Park. Im späten Juli und im August, wenn in Glacier die Beeren reif werden, passiert es oft, dass sie auf Wanderwegen stehen, die mitten durch die Beerenbüsche führen. "Die Bären sind dort nicht unbedingt aggressiv, aber sie gehen auch nicht weg, wenn Menschen kommen", sagt Scott. Deshalb werden zu dieser Jahreszeit verhältnismäßig oft Wanderwege gesperrt. Auch den Elchen kommt man besser nicht zu nahe. Die Tiere können so kräftig zutreten, dass getroffene Menschen innerlich verbluten.

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Melissa Scott ist an diesem Tag zu den Redrock Falls unterwegs, einem beliebten Ziel für eine Halbtagestour im Osten des Nationalparks. Am "Swiftcurrent Motor Inn" steht der Parkplatz voller Autos, doch schon nach wenigen Hundert Metern auf einem Pfad durch dichten Mischwald herrscht Ruhe. Hochwachsendes Bärengras säumt den Weg, eine Pflanze mit weißen Blütenständen, die nur alle fünf bis sieben Jahre blüht. Wenn sich wie 2017 mehrere Vegetationszyklen überschneiden, spricht man vom "Superbloom" - ganze Hänge stehen dann voll mit Bärengras.

Ob es heute nicht nur Bärengras, sondern aus sicherer Distanz auch Bären zu sehen gibt? Eine Garantie gibt es nicht, aber es kann dazu kommen - und dann unangenehm werden. "Viele Leute denken, sie machen genug Krach. Doch kleine Glöckchen am Rucksack klingen zwar in den Ohren laut, aber ihr Schall reicht nicht weit. Ich habe Leute gesehen, bevor ich ihre Glocken gehört habe", sagt Scott. Ebenso gehe es den Bären, die sich dann bedrängt fühlen und angreifen könnten. Wichtig sei daher, mindestens zu viert unterwegs zu sein und regelmäßig durch lautes Rufen auf sich aufmerksam zu machen.

Der Wanderweg zu den Redrock Falls liegt im Parkgebiet Many Glacier. Dieser Name führt ein wenig in die Irre, denn so viele Gletscher sind hier gar nicht zu sehen. "Man hätte den Park nicht Glacier, sondern eher Glaciated Nationalpark nennen können", findet Scott. Denn die Täler wurden bis vor etwa 12 000 Jahren zwar von Gletschern geformt, die so mächtig waren, dass nur die Bergspitzen herausschauten. Doch nach dem Ende der letzten Eiszeit zogen sich die Gletscher immer weiter zurück. Im späten 19. Jahrhundert gab es noch etwa 150 von ihnen, hoch auf den Bergen. "Als ich 1987 hierher kam, waren es noch 50", erinnert sich Scott. Heute seien nur noch 25 übrig. Und sie schmelzen weiter: "Es wird angenommen, dass es spätestens um das Jahr 2030 herum keine aktiven Gletscher mehr im Nationalpark geben wird."

Es ist Spätnachmittag geworden, Ed Daniel steuert den roten Bus nach West Glacier zurück. Durch das offene Verdeck wehen weiße Blüten in den Bus. Die Gipfel leuchten in der Sonne. Parallel zur Straße verläuft zeitweise die alte Bahnlinie. Auf dem Middle Fork Flathead River sind noch Raftingboote unterwegs. Manche Touristen aus Eds Bus haben noch einen weiten Weg vor sich an diesem Tag. Vorbei am Flathead Lake, dem größten natürlichen See im Westen der USA, geht es für sie 220 Kilometer weiter nach Süden, in die Universitätsstadt Missoula. Andere lassen den Tag mit einem Bootsausflug auf dem Lake McDonald im Westen des Parks ausklingen.

Das alte Holzboot "DeSmet" legt um 19 Uhr an der "Lake McDonald Lodge" ab. Die Sonne wird sich bald hinter den Bergen verstecken, doch noch leuchtet sie kleine Häuser am Ufer gut aus, die schon vor 1910 dort gebaut worden sind. Kapitän Alec Shobe stammt aus Virginia, noch ein Südstaatler also, den es nach Montana verschlagen hat. Der Nationalparkservice habe ein Vorkaufsrecht für die Häuser am Ufer, erzählt Shobe, doch sie dürften auch innerhalb von Familien vererbt werden. "In eine dieser Familien würde ich gerne einheiraten. Bisher läuft's zwar noch nicht so großartig, aber der Sommer ist ja noch lang. Wünscht mir Glück!"

Christian Röwekamp, dpa