Samstag, 25. Januar 2020

Schlemmerroute rund um Rom Gestatten, Ciociaria!

Italien: Ciociaria für Genießer
Stefano Scatà

Die kleine Region Ciociaria nahe Rom kennt kaum ein Tourist. Sie ist Italiens bestgehütetes Geheimnis. Dabei stecken die sanften Hügel voller Köstlichkeiten und die Dörfer voller Geschichten. Perfekt für eine Kombi aus gemütlicher Rundtour und Städtetour in die italienische Hauptstadt.

Kann das wahr sein? Ein wunderschönes Stück Italien mit fantastischen lokalen Spezialitäten und preisgekrönten Weinen, das nicht weit von Rom entfernt liegt und trotzdem kaum jemand kennt? Die Antwort lautet: Ja. Aber Sie werden es auf keiner Karte finden. Ciociaria (gesprochen: Tschotscharia) ist ein gut gehütetes Geheimnis, das scheinbar nur Italienern geläufig ist. Das Gebiet hat keine offiziellen Grenzen, im Groben umfasst es ein Stück Lazio und einen Zipfel der Abruzzen. Wenn man von Rom entlang der berühmten Gebirgskette eine Linie bis Neapel zieht und von dort an der Küste des Thyrrenischen Meeres wieder nach oben fährt - genau dazwischen liegt Pi mal Daumen die Region Ciociaria.

So schwammig die Grenzen des Landstrichs auch sind, so klar und fassbar kommen seine Spezialitäten daher: Allein die weißen Cannellini-Bohnen erscheinen so zart, samtig und duftend, dass sie ein eigenes DOC-Siegel verdienen. Ebenso die Cornetti, die grünen, hörnchenförmigen Paprikaschoten, aber auch die süßen Kirschen und wilden Bergkräuter. Doch trotz aller Köstlichkeiten leerte sich im 19. und 20. Jahrhundert die Region, bedroht von Arbeitslosigkeit, Banditen und Kriegen. Die Schlacht von Monte Cassino zwischen Alliierten und Deutschen fand 1944 in der Provinz von Frosinone statt und ging mit "La Ciociaria" (deutscher Titel: "Und dennoch leben sie") sowie Sophia Loren in die Filmgeschichte ein.

Jetzt kehren die Nachkommen der Geflohenen, die hauptsächlich in England, Schottland und Südamerika landeten, wieder zurück. Cesidio di Ciacca ist einer von ihnen. Der gebürtige Schotte hat die alten Steinhäuser, in denen seine verarmten Vorfahren keine Hoffnung mehr fanden, renoviert und vermietet sie heute als Stadthäuser.

"Meine Leute waren Hirten, sie lebten in den Hütten bei Picinisco", sagt Cesidio, dessen Schwester Mary Contini mit "Liebe Francesca. Italienisch kochen in der Fremde" einen Bestseller über das harte, aber bunte Leben ihrer Großeltern und deren traditionsreiche Küchenkunst geschrieben hat.

Nonna Francesca hat Picinisco nie verlassen, die Brotöfen in ihrem Haus sind ihr bleibendes Erbe: Seit zwei Jahrhunderten sind sie kontinuierlich in Gebrauch. Anna und Rosa, die ihre Tante bis zu deren Tod vor 40 Jahren gepflegt haben, kriechen jede Woche in das halb verfallene Haus, um in Francescas alten Öfen zu backen. Wer einmal reingebissen hat, will nie wieder ein anderes Brot essen.

Das Geheimnis der Küche Ciociarias ist ihre Echtheit und Einfachheit. Die Gerichte und Zutaten mögen schlicht und bäuerlich sein, sind aber immer von hervorragender Qualität.

Es gibt keine raffinierten Saucen, die Zutaten sprechen für sich selbst und werden selten gemixt. "Es liegt am Boden", erklärt Salvatore Tassa, ein vom Guide Michelin gekrönter Sternekoch. Seine Eltern kehrten als einige der ersten Auswanderer vor 58 Jahren mit ihm als Baby aus England zurück in die Heimat. Sein Restaurant "Le Colline di Ciociaria" liegt in dem Dörfchen Acuto. Rom und Acuto trennen keine 90 Auto-Minuten, aber gefühlt eine ganze Welt.

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