Sonntag, 26. Januar 2020

Katar abseits der Fußball-Stadien Urlaub in einem umstrittenen Land

Fußball-WM: Katar abseits der Fußballstadien
Supreme Committee for Delivery & Legacy/dpa-tmn

Der Wüstenstaat Katar am Persischen Golf ist winzig, dafür sagenhaft reich und trägt 2022 die Fußball-WM und bereits in dieser Woche die Fifa-Club-Weltmeisterschaft aus. Das Land hofft, mit den Prestige bringenden Events nicht nur Fußballfans, sondern auch "normale" Touristen anzulocken. Doch wie ist Urlaub in diesem Land, das den Zuschlag für die Fußball-WM in einem umstrittenen Verfahren erhalten hat und in dieser Woche die Fifa Fußball-Club-WM ausrichtet?

Die pastellfarbenen Fassaden im Rennaissance-Stil mit ihren kleinen Balkonen strahlen makellos. Über den Kanal spannt sich ein Übergang, der aussieht wie Venedigs Rialto-Brücke in Miniatur. Das Restaurant "Nova Venezia" wirbt mit authentischer italienischer Küche. An der auf alt gemachten Straßenlaterne hängen eine Überwachungskamera und ein Bose-Lautsprecher, aus dem die Melodie von "Right Here Waiting" erklingt.

Das allzu saubere Klein-Venedig liegt auf The Pearl, einer künstlichen Insel in Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar. Das Viertel ist nur ein kleiner Teil dieser Perlenwelt mit Luxushotels, Edel-Boutiquen, Jachthäfen, Strandvillen, Apartmentkomplexen und Gourmet-Restaurants. Bis zu 45.000 Menschen sollen einmal hier an der "arabischen Riviera" leben. Wie in einer Filmkulisse.

Zwischen Geltungsdrang und Terrorismusvorwurf

Das Wüstenland Katar ragt wie ein Daumen in den Persischen Golf, doch die scheinbar unbedeutende Landmasse birgt einen Schatz. Hier wurde 1939 Öl gefunden und später das größte Erdgasfeld der Welt - ein geostrategischer Lottogewinn. Kaufkraftbereinigt hat die Monarchie das weltweit höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Emir Tamim bin Hamad Al Thani hat es nicht nötig, Einkommenssteuer zu verlangen. Die Gasquellen werden noch auf Jahrzehnte nicht versiegen.

Dieses märchenhaft reiche Land also, das nur halb so groß wie Hessen ist, wird 2022 die Fußball-WM ausrichten. Das Großprojekt passt zu einem Staat mit Geltungsdrang, der international überall mitmischt und mit Al Jazeera ein eigenes Medienimperium besitzt.

Die arabischen Nachbarn, federführend Saudi-Arabien, verhängten 2017 eine umfassende Blockade. Katar fördere den Terrorismus, lautet der Vorwurf. Geschäfte wurden eingefroren, Flüge eingestellt, Diplomaten ausgewiesen. Zwei Jahre später schickt Saudi-Arabien die Nationalmannschaft zum Golf-Cup und auch eine Mannschaft zur Fifa Club-WM nach Katar. Das allein gleicht schon einer kleiner Sensation und eine Wieder-Annäherung der Golfstaaten scheint in der Luft zu liegen, zumal just in dieser Woche Spitzenvertreter der Regierung zum Treffen des Golf-Kooperationsrates nach Riad gereist sind.

Die Gastarbeiter als Image-Problem

Das Emirat ist dank seiner Top-Fluggesellschaft Qatar Airways schon länger ein Stopover-Ziel auf dem Weg nach Asien. Kreuzfahrtschiffe bringen regelmäßig deutsche Urlauber nach Doha. Doch erst durch die WM steht Katar als eigenständiges Reiseziel im Fokus. Urlauber sollen allein für einen Besuch des Landes an den Golf fliegen.

Das Sportevent ist für das Image quasi Segen und Fluch zugleich. Seit der fragwürdigen WM-Vergabe 2010 stehen die Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter, die vor allem aus Indien, Bangladesch und Nepal stammen, in der Kritik. Die Vorwürfe: Ohnehin mickrige Löhne werden teils Monate nicht ausgezahlt, Beschwerden sind schwierig und folgenlos, und auf den Baustellen kommt es immer wieder zu Todesfällen.


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Sollte man in ein Land reisen, das eine Art "moderne Sklaverei" betreibt, wie es immer wieder heißt? Darüber hätte man gerne mit dem Chef der Tourismusbehörde gesprochen, doch der lässt den vereinbarten Gesprächstermin in Doha kurzfristig platzen.

Der schöne Schein

Das Sightseeing-Programm übernimmt indes die deutsche Tania Flecht, eine der vielen Expats, die das Land am Laufen halten. Ihr Mann arbeitet bei Qatar Airways, sie als Touristenführerin. Von den rund 2,7 Millionen Einwohnern sind nur rund 300.000 Katarer.

Flecht ist sichtlich bemüht, ein positives Bild Katars zu zeichnen und angreifbare Formulierungen zu vermeiden. Das Staatsoberhaupt nennt sie "unseren Emir". Für den Aufbau des Landes hätten die Katarer "Hilfe vom Subkontinent" bekommen. Zu den Gastarbeitern bemerkt sie einmal beiläufig: "Die haben alle ein Dach über dem Kopf." Zur "züchtigen Kleidung" der einheimischen Frauen: "Die machen das freiwillig." Von den Eltern arrangierte Ehen? "Das ist einfach eine andere Kultur, das verstehen wir nicht."

Letztendlich muss es darum bei einer Katar-Reise nicht vorrangig gehen. Katar selbst wirbt mit spektakulären Museen und Architektur-Juwelen, den Malls, dem Souk, der Wüste.

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