Donnerstag, 19. September 2019

Marathon-Radrennen 11.000 Kilometer über die Anden

Extrem-Radrennen: "The Andes Trail"
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Der "Andes Trail" ist eines der längsten Radrennen der Welt. Vom Äquator bis zum Ende der Welt geht es ab August über Berge, durch Täler, Städte und Dörfer. Sportjournalist und Hobbyradler Hardy Grüne ist mit von der Partie und berichtet für mmo von der Extremradexpedition.

11.000 Kilometer. Eine wahnwitzige Distanz. Vor allem wenn man sie auf 28 Millimeter schmalen Rennradreifen zurücklegen will, dabei wochenlang auf Höhen zwischen 3000 und 5000 Metern kurbeln muss und zumeist in staubigen Wüstencamps übernachtet.

"The Andes Trail" ist eines der längsten und verrücktesten Radrennen der Welt. Und mit 51 Jahren bin ich einer der lausigsten Hobbyradler der westlichen Hemisphäre. Wenn ich am 1. August 2014 am Äquator nahe Quito (Ecuador) auf den Sattel klettere, warten neben rund 11.000 Kilometern auch über 110.000 Höhenmeter auf mich - das ist die zwölfeinhalbfache Distanz zum Gipfel des Mount Everest. Am 14. Dezember will ich das Ziel in Ushuaia auf Feuerland erreichen.

Es ist nicht das Rennen, das mich reizt. Um das zu gewinnen fehlt mir die nötige Einstellung, bin ich zu gemütlich, zu wenig asketisch veranlagt. Ankommen genügt mir. Was mich lockt ist die Abkehr von der heimischen Komfortzone und der Kitzel unvorhersehbarer Herausforderungen. Eine tiefe Lust auf das Unbekannte, Unwägsame, vielleicht sogar Unmögliche. Mit dem Fahrrad über die längste Gebirgskette der Welt. Als Vegetarier, der ich seit Jahrzehnten bin, den wohl fleischbessensten Kontinent der Erde zu durchqueren und dabei auch noch Leistungssport zu betreiben.

Die Extremradexpedition "The Andes Trail" findet 2014 zum vierten Mal seit 2008 statt. Rund 40 Amateurfahrer aus aller Welt nehmen daran teil und werden viereinhalb Monate lang nahezu jeden Morgen auf den Sattel steigen. Täglich stehen durchschnittlich 100 Kilometer an. Von Quito geht es auf den Spuren Alexander von Humboldts zunächst auf der "Straße der Vulkane" südwärts nach Peru und Bolivien, wobei ein Blick auf die Streckenführung den Eindruck vermittelt, dass jeder nur ansteuerbare Andengipfel auch angesteuert wird. Vorbei an Touristendestinationen wie Machu Pichu, Titicacasee und der Salzwüste Salar de Uyuni geht es nach Patagonien, wo wütende Winde auf die Marathonradler warten, die zudem mit extremen Wetterbedingungen rechnen müssen. Erholungsurlaub sieht wohl anders aus.

Zeltcamps mitten in der Pampa

"The Andes Trail" ist eine Selbstversorgerexpedition, bei der die Veranstalter nur für die Rahmenbedingungen sorgen. Streckenführung, Verpflegung, Unterkunft. Das war's. Gefahren wird auf schnurrigen Asphaltstraßen ebenso wie auf rüden Schotter- oder Sandpisten. Keine einzige Straße wird abgesperrt sein, und unsere schmale Fahrspur müssen wir im täglichen Kampf mit rücksichtslosen LKW-und Bus-Fahrern selbst verteidigen. Übernachtet wird in windschiefen Pensionen oder Zeltcamps mitten in der Pampa. Zelt und Schlafsack muss jeder selber mitbringen und zu gewinnen gibt es nichts. Außer eine intensive Lebenserfahrung.

2011 entdeckte ich den Reiz des Extremradelns. Auf der Tour d'Afrique galt es 12.000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt zu überwinden. 573 Stunden und 23 Minuten habe ich damals bis zum Ziel gebraucht. Begleitet von diversen Momenten, in denen ich meine Abenteuerlust innigst verfluchte. Als ich im Sudan auf einer rumpeligen Sandpiste von zwei aggressiven Hunden eingeklemmt wurde und alles aus mir herausholen musste, um ihnen davonzufahren. Oder in Äthiopien, wo die distanzlose Nähe der Einheimischen meine Nervenenden förmlich entzündete und mich intolerant sowohl den Menschen als auch mir selbst gegenüber machte. In Kenia holperte ich stundenlang in gleißender Sonne durch eine schier unendliche Steinwüste. Im Schlepptau aggressive LKW, deren Fahrer mich von der Piste zu drängeln drohten.

Momente und Erinnerungen, die mich heute antreiben, erneut aufzubrechen und das Abenteuer zu suchen. Es beginnt sanft mit einem kurzen Ausflug von Quito zum nahegelegenen Äquator. Übersichtliche 54 Kilometer hin und zurück. Es wird der letzte erholsame Tag für lange Zeit sein. Bis auf knapp 5000 Meter klettern wir anschließend die Andenberge hinauf.

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