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Amsterdam: Ein Streifzug durch die Nacht

Die besten Bars in Amsterdam Nachtfieber im Grachtensumpf

Amsterdam wirkt am Wochenende wie ein trunkenes Schiff. In der Flut der Zügellosigkeit treibt die Stadt wie ein leck geschlagener Tanker den Klippen der Sinnlosigkeit entgegen. Aber es gibt wunderbare Rettungsinseln der Barkultur. "Mixology"-Chefredakteur Markus Orschiedt hat sie gefunden.
Von Markus Orschiedt

Amsterdam - Die Stadt hat die Nase voll. Allerdings anders, als es sich die zahlreichen Besucher vorstellen. Vor allem die Armeen von Crackheads, süßliche Haschischschwaden vor sich hinhustende Versagerdrogenkonsumierer und Heinecken-Torkler sind im Fokus.

Ein Kulturwandel muss her, ein Imagewandel wird herbeigesehnt. Zu den schiefen Amsterdamer Häusern sollen sich wieder mehr aufrechte Qualitätsbesucher gesellen. Alte Meister statt jungen Bespaßten mit Rausch-Aphasie und Aggressionseuphorie. Amsterdam will zurück zu seinen Wurzeln. Neue Schwarzwald- und Frankentugendpflöcke sollen eingeschlagen werden. Spitze statt Breite.

Das wird natürlich nicht ganz gelingen. Dafür hat das Unterschichtamüsement bereits zu sehr den Mainstream erschwommen. Party ist schon zu stark ein Synonym für hirnerweichtes Breitsein - und Amsterdam ist eine Hochburg der High-sein-Society in Europa. Und dennoch: Mit viel Aufwand wurden in den letzten Jahren die Museen renoviert. Das Van-Gogh-Museum und das Rijksmuseum verschlangen rund Hunderte Millionen. Hier will man wieder neue Akzente setzen.

Bereits im Hotel wird die Richtung angezeigt. Überall große Schilder mit dem Hinweis, dass es bei Geldstrafe, Anzeige und Rauswurf verboten ist, auf den Zimmern zu rauchen. Dies gilt aber nur für Zigaretten. Über alle vier Etagen schwebt, wie eine Tarnkappendrohne, der süßliche Duft afghanischer Bewusstseinsvernebelung.

Die Stadt der Untergeher

Vor dem Eingang drängeln sich canon- und nikonbewehrte Stauntouristen, augengerötete "Ich-bin-dann-mal-stoned"-Jungstumpfe und mies-finstere Daranverdiener. Der Hotelbesitzer - ein chinesischer Ur-Amsterdamer - erklärt auch gleich, worum es geht.

Hier in dieser Stadt kann man gar nicht untergehen. Es ist die Stadt der Untergeher. Jeder unterläuft die Normen, die Gebäude versinken, die Freiheiten werden unterminiert, die Moral ist nur noch eine ferne Kategorie, das Unterste ist das Oberste und wenn die Polkappen schmelzen, sei man wieder obenauf - nämlich als moderne Arche Noah, die all diese Moderne mit ihren schaurigen Charakteren in eine Welt hinüberrettet, wie sie sich Breughel nur im Fegefeuer seiner schlimmsten Fantasien ausgemalt hat.

Nämlich das Paradies des Drecks, umgeben von einer Gischt der gespenstischen, seelenlosen Libertinage. Einer Gonzowelt. Dagegen helfe kein Damm mehr, schon gar kein Amsterdam.

Dem Apokalyptiker zum Trotz wagen wir uns in die Nacht. Apokalypse bedeutet Enthüllung, Offenbarung. Amsterdam nackt, wild und ursprünglich. Mythenbefreit. Komm her, du Ding. Du Streichelwiese des Hedonismus. Leg mich flach, nimm mich mit der pornografischen Wucht einer Pusteblume. Mut gefasst. Rein in die von Grachten gefesselte Sünde. Bars und rauschende Trunkenheit, zeigt euch. Sazeracgestöber. Genussadventisten- und Vesperzeit.

Der König der Cocktails

Aufbruch Richtung Vesper Bar. Diese Trinkinstitution liegt etwas außerhalb der Trubelströme. Das heißt aber nicht, dass man auf dem Weg dorthin erlebnisarm bleiben muss. Die Kunst als Fußgänger besteht darin, sich durch die engen Straßen und Gassen zu winden, ohne einem der Straßenmonster zum Opfer zu fallen.

Allerdings sind hier nicht getunte Straßenkreuzer gemeint, die durch die Stadt jagen - es sind Fietsen und Brommfietsen. Auf deutsch: Rad- und Motorrollerfahrer. Die Rollerfahrer kennt man ja bereits, die langweilen in jeder mittleren Stadt mit ihrem Verkehrsanarchismus. Die wahren Henker sind die Amsterdamer Radfahrer, die mit Fug und Recht die Urheberschaft für das entsprechende Wortspiel für sich beanspruchen dürfen.

Lautlos rasen sie heran, um dann im letzten Moment den Flaneur mit wilder Gestik und unter Einsatz aller Urschreilaute - in den aufgerissenen Augen nur noch das Weiße sichtbar - an die nächste Hauswand zu drücken. Hat man das System erst mal verstanden, entwickelt sich ein großer Spaß. Wer gibt zuerst den Weg frei, wer weicht zuerst aus, wem gehört die Straße?

Schließlich ist es vollbracht. Eine ruhige Straße, aber ein unruhiger Ort. Aus den Boxen rappt Peter Fox mit "Haus am See", im Inneren tobt die Schlacht um Drinks und Plätze. Das Vesper ist geflutet von wohlgekleideten, lässigen und ausgelassenen Menschen. Angenehmer erster Eindruck. Gedeckte Farben, gemasertes Holz - moderne Klassik.

Feine Aromen mit geschmacklichen Böen

Da hier sofort klar ist, dass man sich auf sein Handwerk versteht, fließt zunächst ein thymianinfusionierter Pisco Sour mit frischem Eiweiß ins Glas. In ihm paaren sich feine Aromen mit einer geschmacklichen Böe, die auf der Nordsee etwa Windstärke 8 entspräche.

Dieser Spezerei gesellt sich ein Martinez mit Genever statt Gin hinzu. Ein geschmeidiges Konditionswunder, das noch lange den Gaumen umspielt. Textur und Harmonie auf höchstem Niveau. Derartig auf die Reise geschickt, betreten wir noch andere Kontinente. Wir gehen mit einem Martini Dry, der Tanqueray Rangpur und Koriandersamen an Bord vor Anker. Ausbalancierte Zitrusaromen umwehen das Glas. Der König der Cocktails im indischen Gewand eines Maharadschas.

Der Bartender rät allerdings eindringlich zum Königsmord und rührt einen The Other Word mit Strega statt Chartreuse an. Hier fehlen die Worte. Dramatischer und schöner hätte auch Shakespeare den Tyrannen nicht umbringen können. Selten hat man das Glück, die Sinne auf so schaurig schöne Art umwölkt zu bekommen. Diese Bar ist eine große Bühne für jeden Besucher in Amsterdam ein Muss, der die Kunst der Mixologie liebt.

Gruselbar und Verführung

Rund 800.000 Menschen bewohnen diese Stadt. Die chaotische Energie lässt mehr vermuten. Die Stadt ist aus Pfählen gebaut, die aus dem Schwarzwald und aus Franken stammen. Da früher die Häuser nach ihrer Breite besteuert wurden, findet man viele schmale und in die Höhe gewachsene Bauten, die wie ein schiefes und schlechtes Gebiss in die Grachten beißen.

Amsterdam ist liberal, fast schon libertär. Diese Auswüchse sind auch im Rotlichtviertel De Walen zu betrachten. Zu allen Tages- und Nachtzeiten zeigen sich Damen jeden Alters und Transsexuelle in den Schaufenstern wie Fische in einem Aquarium. Nähert man sich ihnen, beginnen sie sich zu bewegen und versuchen etwas Glanz auf das Elend fallen zu lassen. Es gibt ja auch genug Elende, die auf so etwas stehen und das für erotisch halten. Es ist eine wollüstige Wüste der einsamen Sehnsucht.

Wir umschiffen wieder im Zentrum rund um den Bahnhof die grölenden Nachtirren und folgen einem Tipp. Seit Kurzem versteckt sich eine Verrücktheit mit Bar in einer stillen Seitenstraße. Hiding in Plain Sight - HPS. Und es sei gleich vorausgeschickt: Bei einer solchen Entdeckung überlegt man, ob man sie wirklich preisgeben soll. Aber da es nach dem wunderbaren Vesper noch eine Steigerung gibt, herrscht Mitteilungsdrang.

Es beginnt mit der Karte. Sie ist unterteilt in die großen Fantasiekategorien. Künstler, Professor, Kapitän und Abenteurer lauten die Rubriken unter denen sich die Kreationen finden lassen. Der Bartender sieht aus wie ein Assessor der gebildeten und schweigsamen Mitglieder eines Ringvereins. Dunkles Holz. Aus den Lautsprechern wälzt sich leise fetter geblasener Jazz. In Windeseile steht dekadentes Barfood mit Erdbeeren, scharfen Nüssen und mutierten Oliven auf dem Tresen.

Fassgelagerter Gin gegen die nächtliche Malaria

Dann beginnen die Geheimverhandlungen. Dies könnte einer der heißkältesten Orte der Nacht werden. Wir schwitzen, sind fiebrig. Dagegen kämpft ein White Negroni an. Kina L'Avion, Dolin Dry Wermut und fassgelagerter Gin halten die nächtliche Malaria unter Kontrolle. Verscheuchen das Miasma schlechter Bars dieser Welt in die dunkle Materie entfernter Galaxien.

Man möchte einen Fieberbaum umarmen, wenn gute Barmänner statt Apothekern am Werk sind. Überall an der Wand weisen Formeln auf die Dekonstruktion und die Entwicklung von Essenzen und Tinkturen hin. Im hinteren Bereich - einer gemütlichen Lounge - werden die Patienten in pummeligen Sofas betreut.

Wir ziehen den Helm tiefer und werfen uns ins weitere Gefecht. Gut oder böse, Gott oder Teufel, langweiliges Paradies oder Freiheit. So schlendern die Gedanken, begleitet von einem Boulevardier. Diese Negroni-Variante mit Rye Whiskey ist ein Wanderer der Sinne. Ein vager psychedelischer Trip entlang von Zunge und Gaumen hinunter in die Tiefen der Unergründlichkeit. Ein sensorisch-glückliches Unentschieden zwischen Süße, Rauch und Gewürzen.

In dieser Bar ist nichts langweilig, routiniert oder aufgesetzt. Hinter dem stilsicheren Auftreten lauern Abenteuer, Wüstlinge und Unholde. Eben alles, was die Nacht, die Kulinarik und die Faszination des Nichthellen ausmachen.

Amsterdams drei große Plagen

Überall im Zentrum ist das Stadtwappen präsent. Es besteht aus drei Andreaskreuzen und symbolisiert die drei Plagen, die Amsterdam immer wieder heimgesucht haben: Flut, Feuer, Pest. Heute heißen sie: Sud, Teuer, Fest.

Das wird evident beim Besuch einer Gruselbar, dem Bo Cinq. Ein Getöse, das diejenigen gut finden, die auch den Ballermann für Feierkultur halten. Gegröle, plumpe Anmacherei, ein in den Trog geworfenes Überall, in die Mitte drängender White-Trash. In diesem sich lang hinziehenden Raum purzeln alle Regeln der Entspanntheit. Hysterisches Getue und Absturzunästhetik bestimmen die Szenerie. Zu mehr als einem schalen Bier lässt es sich an diesem Unort nicht aushalten.

Kontrastprogramm. Entlang der friedlich vor sich hinwippenden Grachten lassen wir uns treiben. Zurück ins pulsierende Epizentrum Amsterdams. Die Altstadt steht seit 2010 auf der Liste des Unesco-Kulturerbes. Auf der Liste des Barkulturerbes steht schon lange das Door 74.

Wer hier Atzung finden will,muss sich vorher anmelden. Angesichts der wogenden Massen in dieser Gegend ist das ein sinnvoller Wellenbrecher. Doch wer den Deich erklommen und die strenge Tür hinter sich gelassen hat, wird belohnt. Der Gast findet herzliche Aufnahme. Das Interieur ist klassisch gestaltet und so dominieren auch hier dunkle Farben, zu einem beruhigenden Holzfußboden und Sitznischen.

Die Absinthnote kriecht auf allen Vieren, aber sinnstiftend

Man wird platziert und in angenehme Gespräche mit seinen Nachbarn verwickelt. Der Service ist hingebungsvoll und äußerst kompetent. Der Gast wird gekonnt zu seinen Wünschen verführt. Der Corps Reviver No.2 ist körperbetont und lässt einen an Liebe denken. Die Absinthnote kriecht auf allen Vieren, aber sinnstiftend durch die Erwachsenenwelt dieser Komposition. Eine Wiederbelebung in reiner Kultur.

An der Tür immer wieder Menschen, die Einlass begehren. Aber der Zerberus kennt keine Gnade. Vor ihm sind alle gleich. Ob High Heels, Anzug, Öko-Kutte, nüchtern oder aufgekratzt; es hilft kein Betteln und kein Augenklimpern. Wer nicht auf der Liste steht, geht.

Wenn man wieder auf die Straße tritt, blendet die nächtliche Dunkelheit. Es sind die Blitze des Deliriums. Nicht mehr hinsehen. Flucht ins Dvars. Ein Entrée wie beim Film. Roter Teppich und Posamenten. Aber auch hier eine freundliche und unprätentiöse Aufnahme ohne Dünkel. Das Publikum ist gestylt, jung und urban. Das Dvars ist eine Mischung aus Clublounge und Bar. Weitläufig, Aquarium, zwei große Bars. Modernes Design, an den Wänden Bilder mit gewollter Erotik. Manchmal erkennt man Einrichtungsgegenstände von bekannten hochwertigen Einrichtungshäusern.

Die Bar ist ausgezeichnet sortiert und der Gast wird sehr freundlich mit Twists von Klassikern empfangen. Obwohl der Ort ein wenig zu gut gemacht, zu glatt wirkt, fühlt man sich wohl und aufgehoben. Passend zum Nachttrubel und dem Geisteszustand wird ein Karussell geordert.

Die Mischung aus Wermut, Bénédictine, Rye Whiskey, Peychaud und Angostura ist heldenhaft, entschlossen und barmherzig. Genauso, wie die Bewohner dieser Stadt, die mit bewundernswerter Gelassenheit die bedröhnten Feiermongolen und Prekariatsspaßhaber ertragen. Auch, wenn sie die Nase schon längst voll haben.

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