Dienstag, 16. Juli 2019

Internetzugang im ICE Voll verfahren

Smartphone: Die Fahrplan-App gibt es - nur im Zug funktioniert sie mangels Internetverbindung oft nicht

Fernbusse und Flugzeuge bieten sie: eine problemlose W-Lan-Verbindung. Nur die Deutsche Bahn scheitert daran seit Jahren. Nun will sie in ihren Zügen sogar Video-Downloads per Intranet möglich machen. Und kommt damit zu spät.

Hamburg - Von Frankfurt am Main nach Hamburg, drei Stunden, 36 Minuten im ICE - eine ideale Zeitspanne, um E-Mails zu beantworten, Telefonate zu führen und schnell etwas zu recherchieren. Das Problem: Immer wieder verliert das Smartphone den Anschluss ans Handynetz - Telefonieren und Surfen ist mühselig. Und eine stabile W-Lan-Verbindung über den bezahlpflichtigen Hotspot? Ist Glückssache.

Fernbusanbieter dagegen stellen fast durchweg W-Lan in ihren Fahrzeugen zur Verfügung. Für jüngere Reisende sind die Busse nicht nur wegen der günstigen Preise attraktiv - sie können hier auch kostenlos und ungehindert surfen. Das setzt die Deutsche Bahn unter Druck, die 2013 bereits 20 Millionen Euro an Fahrkartenerlösen an die neue Konkurrenz auf der Straße abgeben musste und nun angestrengt versucht, mit besserem Service zu punkten.

Besseren Zugang zum Internet bis Ende 2014 hat Bahn-Chef Rüdiger Grube im Mai im gesamten ICE-Hauptnetz versprochen - mit seinen 5200 Streckenkilometern und 255 Zügen. Alle ICE sollen bis dahin mit Funkempfängern als Telekom-Hotspots ausgerüstet und diese für den Betrieb freigegeben sein. Kostenpunkt für den surfenden Passagier, der nicht schon einen entsprechenden Telekom-Vertrag hat: 4,95 Euro pro Tag. Ab 2015 sollen ICE-Passagiere zudem Filme, Spiele und Podcasts über ein Zug-Intranet herunterladen können. Kostenpunkt: noch unbekannt.

Zu spät für die Imagerettung

Für die Smartphone-Generation kommen diese Innovationen zu spät - die Deutsche Bahn hat ihr Image als Unternehmen, das die Bedürfnisse seiner Kunden verschläft, wieder einmal bestätigt. Zwar fuhr schon 2005 ein erster ICE mit einem kostenlosen Internetzugang als Pilotprojekt auf der Strecke Dortmund-Siegburg/Bonn. Seitdem aber schleppt sich die Aufrüstung der Highspeed-Züge dahin - ganz anders die Aufrüstung der Kunden mit Smartphones. Wer weltweit fast jederzeit in W-Lan- und Mobilfunknetzen seine E-Mails und Facebook-Nachrichten abrufen kann, wird ungeduldig, wenn es auf deutschen Bahnstrecken nicht klappt.

Ähnlich trostlos sieht es bei der deutschen Lufthansa aus - die in puncto Kommunikationstechnik ebenfalls hinterherhinkt: Dabei ging schon 2003 eine ihrer Boeing 747 mit der Möglichkeit zur Breitband-Internetverbindung in die Luft. Zu früh kam die neue Technik und war wirtschaftlich wenig erfolgreich, nur drei Jahre später stellte die Fluglinie ihren Service wieder ein. Und heute? Während das Surfen bei US-Airlines innerhalb ihres Landes und bei vielen asiatischen Fluglinien zum Alltag gehört, bietet die Lufthansa ihr Flynet-System nur auf Langstrecken an. Wer etwa zwischen Hamburg und München unterwegs ist, muss mit dem E-Mail-Check warten, bis er wieder am Boden ist.

Internetverbindung bei 300 km/h

Allerdings - ganz so einfach wie bei Fernbussen, die für ein W-Lan-Netz lediglich einen Funkempfänger aufs Dach setzen müssen, ist es bei ICE-Zügen nicht. Die technischen Anforderungen sind nicht trivial:

  • Durch die Geschwindigkeit von bis zu 300 km/h kommt es zwischen den einzelnen Mobilfunkzellen zu sehr schnellen Wechseln. Das erschwert die Aufrechterhaltung einer Internetverbindung (per W-Lan und per Mobilfunknetz) und reduziert den Datendurchsatz.
  • Die Funkzellendichte in Großstädten ist höher als bei Überlandfahrten - was die zeitweise Funkstille bedingt. Hinzu kommen Tunneldurchfahrten.
  • Die Smartphone-Dichte unter den Passagieren, die im Übrigen die in einem vollen Reisebus um ein Vielfaches übersteigen kann, nimmt massiv zu. Die bei den Mobilfunkzellen angeforderte Datenmenge entsprechend auch.
  • Was für den Smartphone-Surfer, der sein Mobilfunknetz und nicht W-Lan nutzt, hinzukommt: ICE-Züge verschlechtern mit ihrer Metalloberfläche und ihren mit Metall bedampften Fenstern den Empfang.

Auf der To-do-Liste für besseren und lückenloseren Internetzugang bei der Bahn stehen daher:

  • Bahn-Partner Telekom muss weiterhin die Dichte an Mobilfunkmasten entlang der Bahnstrecken ausbauen. Für die Hotspot-Funktion müssen aufgerüstete Strecken und Züge zusammenkommen - bei Umleitungen abseits der ICE-Pfade ist die Internetverbindung schnell dahin.
  • Für einen besseren Handyempfang müssen auch die letzten ICE-Waggons mit den sogenannten Intrain-Repeatern ausgerüstet werden, die das Funksignal verstärken.
  • Und am wichtigsten: Die Telekom muss die Probleme mit ihren W-Lan-Netzen in den Griff bekommen. Wie teltarif.de berichtet, hat der Netzbetreiber dafür noch keine nachhaltige Lösung gefunden. Laut der Mobilfunkfachseite schwankt die Verbindungsqualität stark: Mal ist nicht einmal das Abrufen von Twitter-Nachrichten möglich, mal können selbst Videos runtergeladen werden. "W-Lan-Internet-Zugang ist praktisch nicht nutzbar", lautete das Urteil der Autoren für manche Testfahrten.

Gelingt der Deutschen Bahn bis Ende des Jahres endlich die vollständige Aufrüstung, dann hätte das Unternehmen nach eigenen Angaben die größte mit W-Lan ausgestattete Flotte von Hochgeschwindigkeitszügen der Welt. Bis Ende 2015 sollen außerdem die 770 IC-Züge mit den Repeatern ausgerüstet werden. Nur für die Regionalzüge hat die Bahn keine Pläne. Und verschläft die Bedürfnisse ihrer Millionen pendelnden Kunden.

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