L'tur-Chef Orth "Der WM-Effekt wird überschätzt"

Fußball gucken Deutsche am liebsten zuhause. Sein Geschäft verhagle das aber nicht, sagt Markus Orth, Chef des Last-Minute-Spezialisten L'tur. Im Interview spricht er über die aktuelle Flaute am Pauschalreisemarkt, Schnäppchen für Spontanbucher und die Liebe der Deutschen zum Reisebüro.
Sommer, Sonne, Strand: L'tur erwartet die "wahrscheinlich beste Last-Minute-Saison der letzten fünf Jahre".

Sommer, Sonne, Strand: L'tur erwartet die "wahrscheinlich beste Last-Minute-Saison der letzten fünf Jahre".

Foto: Corbis

mm: Herr Orth, die Reiseveranstalter reden schon lange davon, dass sie ihr Angebot knapp halten und keine Rabattschlachten mehr führen wollen. Demnach dürfte es für Last-Minute-Anbieter wie Sie kaum noch Geschäft geben, oder?

Orth: Eigentlich müsste das so sein. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das Unkalkulierbare der Reisebranche liegt darin, dass nicht nur ein paar Große den Markt bestimmen. Es stoßen immer wieder Newcomer dazu und gerade kleinere Anbieter setzen auf Wachstum. In der Summe führt das regelmäßig zu Überkapazitäten - und das ist dann unsere Chance.

mm: Gilt das auch für diese Saison?

Orth: Ich hatte ehrlich gesagt Sorgen, dass es wegen der komprimierten Ferientermine eng werden könnte. Tatsächlich sind die freien Kapazitäten bei Hotels und Flügen so groß wie selten. Das wird wahrscheinlich die beste Last-Minute-Saison der letzten fünf Jahre.

mm: Wo ist denn noch am meisten frei?

Orth: In der Türkei gibt reichlich Kapazität. Da spielen viele neue Hotels eine Rolle, aber auch ausbleibende russische Touristen. Die politische Großwetterlage scheint ihre Reiselust gebremst zu haben. Gut ist das Angebot auch in Griechenland, vor allem auf Kreta und Rhodos. Was mich erstaunt, sind die relativ günstigen Flugpreise nach Mallorca und dass auf den Kanaren noch so viel zu haben ist. Gerade die Kanarischen Inseln waren früher das klassische Frühbucherrevier und schnell belegt.

mm: In der Branche ist zu hören, die Fußball-Weltmeisterschaft habe die Planungen durchkreuzt. Die Buchungen von Flugreisen liegen angeblich fast 10 Prozent unter dem Vorjahr. Hat die WM den Reisemarkt gekillt?

Orth: Dass die WM einen gewissen Einfluss haben würde, war klar. Jedenfalls besagt die Erfahrung der letzten vier Weltmeisterschaften, dass die Leute lieber vor dem eigenen Fernseher sitzen, als im Hotel die Spiele zu sehen. Aber der WM-Effekt wird überschätzt. Viel stärker macht sich derzeit aber bemerkbar, dass die großen Bundesländer in diesem Jahr sehr spät Ferien haben. Der Spontan-Markt kommt jetzt erst in Schwung.

"Bei einer Pauschalreise kann die Familie bis zu 1000 Euro sparen"

mm: Um die Spätbucher buhlen nicht nur die bekannten Spezialisten wie L'tur oder Bucher, sondern inzwischen diverse Reiseportale im Internet. Wächst der Last-Minute-Markt dadurch? Und wie blicken die Kunden da noch durch, was wirklich ein preiswerter Restposten ist?

Orth: Der Markt ist in der Tat unübersichtlich geworden. Es gibt eine Unmenge von Portalen, auch die Veranstalter selbst msichen online mit. Das Segment wächst dadurch allerdings nicht, es liegt stabil bei rund einem Viertel der Buchungen. Den Begriff "Last Minute" legt jeder anders aus. Ich kann den Kunden deshalb nur raten, genau zu vergleichen. Und zwar nicht nur den Preis, sondern auch die Leistung. Mit Umsteigeflügen mitten in der Nacht ist ja niemandem gedient.

mm: Wieviel lässt sich realistisch sparen?

Orth: Bei einer üblichen Paruschalreise kann ein Paar 400 bis 500 Euro sparen, bei einer Familie sind es bis zu 1000 Euro. Das setzt allerdings ein bißchen Flexibilität bei den Abflugdaten und bei der Reisedauer voraus. Es geht aber nicht nur ums Sparen. Viele können ihren Urlaub nur kurzfristig planen. Dann zählt Verfügbarkeit und nicht der Preis.

mm: Wenn Last Minute so gut funktioniert, warum soll dann überhaupt noch jemand früh buchen?

Orth: Die Planungssicherheit ist bei einer Frühbuchung natürlich größer, gerade wenn es um die Schulferien geht. Rund zwei Drittel der Pauschalreisenden legen sich darum früh fest, und das wird wohl auch so bleiben.

mm: Die Reisebüros sind totgesagt. Trotzdem bestehen sie weiter und auch L'tur unterhält neben dem Onlineauftritt eigene Shops. Lohnt sich das noch?

Orth: Aus unserer Sicht ja. Die Reisenden sind traditioneller, als oft vermutet wird. Viele Kunden denken gar nicht daran, ins Internet zu wechseln, wenn sie erst mal gute Erfahrungen im Reisebüro gemacht haben. Ich würde sogar sagen, dass die Reisebüros gerade eine kleine Renaissance erleben. Dazu haben sicherlich die zahlreichen negativen Berichte in den Medien über unseriöse Praktiken einiger Online-Anbieter beigetragen. Vor allem das Vorgaukeln günstiger Preise, die im Laufe der Buchung immer höher werden, hat viele verprellt.

mm: Und wo geht Ihre eigene Reise hin?

Orth: Im Sommer ganz klassisch nach Mallorca, da gefällt es der ganzen Familie am besten. Im Herbst geht es dann in die Arabischen Emirate, und zwar immer woanders hin, weil es da so viel Neues gibt.

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