Mittwoch, 27. Mai 2020

Coronavirus Zahlreiche Kreuzfahrtschiffe liegen vor Australien und dürfen nicht anlegen

Die Passagiere aus Deutschland durften die "Artania" verlassen - die Besatzung wartet noch
TONY ASHBY / AFP
Die Passagiere aus Deutschland durften die "Artania" verlassen - die Besatzung wartet noch

Australien weigert sich strikt, vom Coronavirus betroffene Kreuzfahrtschiffe in seinen Häfen anlegen zu lassen und schiebt dabei jegliche moralischen oder juristischen Bedenken beiseite. Schätzungen zufolge liegen mehr als ein Dutzend Schiffe mit insgesamt rund 15.000 Besatzungsmitgliedern vor Australiens Küsten, auf einigen von ihnen ist das Coronavirus ausgebrochen.

"Wir haben alle diese Schiffe angewiesen, australische Gewässer zu verlassen", sagte Grenzschutzchef Michael Outram am Freitag. "Wenn es jemals einen Zeitpunkt für Schiffe gab, dahin zu gehen, wo sie registriert sind, dann bei einer globalen Pandemie wie dieser."

Viele Schiffe fahren allerdings unter Flagge fremder Staaten wie Panama, den Bahamas oder Liberia, die auf eine Testung oder gar Behandlung von Infizierten nur unzureichend vorbereitet wären. Das Schicksal von Kreuzfahrtschiff-Besatzungen in der Corona-Krise hat sich weltweit zum Problem entwickelt - von Florida über Yokohama bis Perth suchen Ozeanriesen einen Hafen.

Die australischen Behörden argumentieren, sie wollten nicht riskieren, große Zahlen potenziell infizierter Menschen ins Land zu lassen, da das Gesundheitssystem ohnehin bereits durch das Coronavirus belastet sei. Schätzungen zufolge stehen fast zehn Prozent der mehr als 5000 Corona-Fälle in Australien im Zusammenhang mit Kreuzfahrten. Bisher meldete Australien knapp 5300 Infektionen und 28 Tote.

Im März hatte die Regierung die 2700 Passagiere des Kreuzfahrtschiffs "Ruby Princess" in Sydney von Bord gelassen. Mehr als 300 Passagiere wurden später positiv auf das Coronavirus getestet.

Australiens Polizei und Armee plant derweil einen Großeinsatz auf Kreuzfahrtschiffen, die wegen der Coronavirus-Pandemie nahe Sydney festsitzen. Der Polizeichef des Bundesstaates New South Wales, Mick Fuller, hatte am Donnerstag mitteilte, Polizisten und Soldaten sollten ab dem Wochenende Ärzte an Bord von acht Schiffen bringen. Die Mediziner sollen die fast 9000 Besatzungsmitglieder dort auf das neuartige Coronavirus testen. Dies sei eine "große Aufgabe".


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Die Menschen an Bord der Kreuzfahrtschiffe dürften ihre Isolation nicht einfach verlassen und in Australien an Land gehen, führte Fuller aus. Schließlich könnten sie infiziert sein und würden dann "unser Krankenhaussystem absolut überlasten", warnte der Polizeichef. Jedoch werde jeder an Bord der Schiffe, der dringend medizinische Hilfe benötige, in eine medizinische Einrichtung an Land gebracht, sicherte Fuller zu. Grundsätzlich sollten die Schiffe mitsamt ihren Besatzungen aber in ihre Heimathäfen zurückkehren. Dies sei ein "pragmatischer Ansatz" zur Beilegung der Krise.

Australien hatte wegen der Corona-Krise Mitte März allen Kreuzfahrtschiffen ein Anlegeverbot erteilt. Später erlaubten die Behörden es aber australischen Staatsbürgern auf vier Schiffen in Sydney, an Land zu gehen. In der Folge stieg die Zahl der Coronavirus-Infektionen im Land um mehr als 450 Fälle.

Auch das aus der ARD-Dokuserie "Verrückt nach Meer" bekannte Kreuzfahrtschiff "Artania" liegt seit der vergangenen Woche an der Küste vor der Stadt Fremantle südlich von Perth. Grund ist, dass auf dem Schiff Coronavirus-Fälle aufgetreten waren. Die meisten der mehr als 800 Passagiere wurden mittlerweile zurück nach Deutschland geflogen. Tausende Besatzungsmitglieder mussten hingegen an Bord bleiben. Australischen Medien zufolge liegen derzeit insgesamt 18 im Ausland registrierte Schiffe mit insgesamt bis zu 15.000 Besatzungsmitgliedern in australischen Gewässern.

Es liege noch kein Zeitplan für eine Abreise aus den westaustralischen Gewässern vor, sagte eine Sprecherin des Bonner Unternehmens Phoenix Reisen am Donnerstag. "Die nächsten Tage sehen so aus, dass weiter zwischen Reederei und Behörden gesprochen wird." Das bedeute: Man müsse warten.

Einige Schiffe kündigten inzwischen an, die australischen Gewässer zu verlassen, sobald sie aufgetankt haben. Andere warnen vor einer humanitären Krise an Bord und weigern sich abzufahren.

Der Internationale Verband der Kreuzfahrtindustrie fordert, dass die Besatzungen der Schiffe über australische Flughäfen in ihre Heimatländer ausgeflogen werden dürfen. Die Kreuzfahrtgesellschaften seien bereit, Charterflüge dafür zu buchen, doch seien sie auf die Zusammenarbeit mit der Regierung angewiesen, um dies zu organisieren.

afp/akn

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