Montag, 30. März 2020

Nach der Krise Wie Covid-19 das Reisen in der Zukunft verändert

Künftig Standard? Nach dem Flug eine Desinfizierung des Flugzeugs
Bac Pham/dpa
Künftig Standard? Nach dem Flug eine Desinfizierung des Flugzeugs

Das Leben scheint stillzustehen. Das Thema Reisen in weite Ferne gerückt. "Social Distancing" ist das Wort der Stunde. Doch jede Krise geht vorbei und es wird auf jeden Fall auch eine Zeit nach der Krise geben. Doch diese Krise wird Spuren hinterlassen. Nicht nur generell in der Gesellschaft und im sozialen Umgang, sondern vermutlich auch im Reisebereich.

Im Folgenden sollen mögliche Konsequenzen skizziert werden. Natürlich sind diese Stand heute reine Spekulation und vieles wird davon abhängen, inwieweit es der Menschheit gelingt, das Virus unter Kontrolle zu bringen.

Alexander Koenig
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    Alexander Koenig ist Gründer von First Class & More (www.first-class-and-more.de), dem größten deutsch-sprachigen Beratungsportal für günstige Business und First Class Flüge sowie die optimale Nutzung von Vielflieger- und Hotelprogrammen. Zuvor war er viele Jahre als Unternehmensberater bei McKinsey und BCG tätig. In seiner Kolumne "Koenigs Klasse" greift er regelmäßig Themen auf, die für Vielflieger und -reisende interessant sind.

Konsolidierung der Luftfahrtbranche

Die Airlines werden durch das Virus besonders stark getroffen. Eben hat Emirates verkündet, alle Flüge weltweit auszusetzen. Airlines sind eine systemrelevante Branche, so gesehen werden Staaten sie nicht fallen lassen. Aber das gilt nur für die großen "National Carriers". Bei den kleineren Airlines hingegen könnte es zu einer starken Konsolidierung kommen.

Ein besonderes Problem für die Airlines stellen aktuell Ansprüche auf Gelderstattungen dar. Denn das Luftfahrtgeschäft lebt davon, dass für elf Monate im Voraus Flüge verkauft und vorab bezahlt werden. Wenn das Geld jetzt teils zurückgezahlt werden soll und Neueinnahmen fehlen, steht der Kollaps bevor, den dann nur noch Staaten abfedern können.

Billigflieger mit Problemen

Enge Sitzabstände, aufgrund eines eng getakteten Flugplans wenig Zeit, Flugzeuge im Detail zu reinigen - das sind nicht die besten Voraussetzungen, um in der Virus-Krise Kunden in den Flieger zu bewegen - selbst wenn man fliegen könnte. Nach der Krise wird das Thema Hygiene sicherlich ein großes Thema bleiben und eine gründliche Reinigung der Flugzeuge nach jedem Flug bedeutet längere Zeit am Boden. Zudem wollen Fluggäste in der Zukunft mehr Abstand zu anderen. Das alles könnte das Billigfliegermodell in Frage stellen. Klar, sobald es einen Impfstoff gibt, könnten Bedenken wieder über Bord geworfen werden, aber aktuell ist das Billigflieger Modell in großer Gefahr.


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Business Class statt Economy Class

Der Wunsch, mehr Abstand zu anderen zu haben, wird Business und First Class Flüge zum Gewinner der Krise machen, sofern Sie im Falle einer längeren wirtschaftlichen Krise überhaupt finanzierbar sind. Natürlich hat man auch mit mehr Abstand keineswegs einen hundertprozentigen Schutz, aber es geht um die Wahrnehmung.

Allerdings bietet nicht jedes Business-Class-Produkt den nötigen Abstand. 2-2-2 Konfigurationen (zwei Sitze links, zwei in der Mitte, zwei rechts) wie Lufthansa sie auf der Langstrecke verbaut hat, bringen sehr wenig. Doch Produkte wie die Qsuite bei Qatar Airways mit einer eigenen verschließbaren Suite könnten das Reiseprodukt der Stunde werden, ebenso wie die First Class Suiten vieler Airlines wie zum Beispiel Etihad, Emirates, Singapore Airlines und andere.

Geschäftsflüge werden deutlich reduziert

Airlines leben nicht von den Privatreisenden, sondern den Geschäftsreisenden. Doch Unternehmen werden in der Krise realisieren, dass nicht jede Dienstreise wirklich nötig ist. Meetings lassen sich oft auch per Video Konferenz oder am Telefon durchziehen. Generell ist davon auszugehen, dass die Geschäftsreisen auch dauerhaft abnehmen werden. Das ist generell nichts Schlechtes, denn es kann in vielen Fällen auch die Effizienz von Unternehmen erhöhen. Nur für die Airlines sind das schlechte Nachrichten.

Schnelltests am Flughafen

Es ist viele Jahre her, da durfte man noch mit einem Getränk durch die Sicherheitskontrolle an den Flughäfen gehen. Doch ein versuchter Sprengstoffanschlag hat dann alles geändert. Sollten Corona Schnelltests irgendwann einmal kommen - also Tests, die innerhalb von ein bis zwei Minuten ein Ergebnis zeigen, ist es nicht abwegig, anzunehmen, dass es in der Zukunft eine zusätzliche Sicherheitskontrolle am Flughafen geben könnte: Ein Health Screening.

Das fängt mit Temperaturmessungen an und könnte auch genannte Schnelltests einschließen, sofern es noch keinen Impfstoff gibt. Wer hier auffällt, darf nicht reisen und muss gegebenenfalls in Quarantäne. Das Vertrauen in die Sicherheit der Airlines könnte damit wiederhergestellt werden. Doch davon sind wir Stand heute jedoch leider sehr weit entfernt.

Individual- statt Gruppenreisen

Social Distancing könnte sich auch in den Reisemustern niederschlagen. Größere Reisegruppen könnten in Zukunft weniger gefragt sein als Individualreisen. Natürlich ist das auch immer eine Frage des verfügbaren Budgets. Aber wer es sich leisten kann, wird in der Zukunft Individualität noch mehr schätzen als bisher. Das Thema exklusive Luxusreisen könnte innerhalb des Reisens ein Gewinner werden.

Im eigenen Auto statt Car Sharing, Zug oder Mietwagen

Öffentliche Verkehrsmittel und Züge gelten als besonders riskant für die Ausbreitung des Virus, weil hier viele Menschen auf engem Raum oft auch ohne größere Luftzirkulation zusammen sind. Viele werden sich in der Zukunft überlegen, ob es nicht sicherer ist, im eigenen Auto zu fahren. Auch Car-Sharing und Mietwagen dürften auf weniger Nachfrage stoßen, denn natürlich sind Lenkräder, Gangschaltungen, Armlehne, Türgriffe Orte, wo sich Viren festsetzen können, wenn nicht nach jeder Nutzung alles umfassend desinfiziert wird. Es könnte somit generell eine Renaissance des eigenen Autos geben.

Weniger Kreuzfahrten

Kreuzfahrten waren eine absolute Boomindustrie. Und das obgleich die meisten der Schiffe eine katastrophale Umweltbilanz haben. Doch das hat kaum jemanden gestört. Was jedoch in der Zukunft viele stören könnte, ist die Tatsache, dass man auf einem Kreuzfahrtschiff für viele Tage oder gar Wochen, mit teilweise tausenden von anderen Menschen auf engem Raum lebt. Also ideal für die Verbreitung von Viren. Wie meist im Leben wird auch hier die Zeit vermutlich alle Wunden heilen, aber eine größere Skepsis könnte die Verbreitung von Kreuzfahrten verlangsamen.

Mehr Reisen zu abgelegenen Destinationen

Die angesagtesten Reisedestinationen waren vor dem Virus teilweise total überlastet. Instagram hat sein Übriges getan, dass manche Ortschaften von Touristen einfach überrannt wurden. Nach dem Virus werden etwas abgelegenere Destinationen an Reiz gewinnen. Ob Neuseeland, die riesigen Nationalparks in Kanada, vielleicht sogar Teile von Sibirien? Es bleibt abzuwarten, was in der Zukunft angesagt sein wird.

Loyalty is King

Das Coronavirus hat das Potenzial, eine komplette Branche durcheinanderzuwirbeln. In der Zukunft könnten Reisende auf ganz andere Dinge achten als vorher. Doch es gibt ein Mittel, wie man trotzdem Reisende binden kann - die Vielflieger- und Hotelbonusprogramme. Diese werden in der Zukunft eine zentrale Rolle einnehmen, um Kunden an Airlines und Hotels zu binden.

Nach dem Virus sind viele Aktionen zunächst einmal im Hinblick auf kostenlose Verlängerung von Statuslaufzeiten zu erwarten - viele Airlines und Hotels haben damit schon jetzt begonnen. Auch sind viele spannende Aktionen zu erwarten. Vielleicht kann durch das Virus ein jahrelanger Trend gebrochen oder zumindest verlangsamt werden - die kontinuierliche Abwertung von Bonusprogrammen. Denn Loyalität ist in dieser Krise so wichtig wie nie - gut für alle, die in diesem Bereich gut aufgestellt sind.

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