Nobeldomizil Bachmair am See: Ulrich und Christian Hirmer zieht es als Hoteliers an den Tegernsee
Nobeldomizil Bachmair am See: Ulrich und Christian Hirmer zieht es als Hoteliers an den Tegernsee
Foto: Hirmer Gruppe

Mode-Tycoons im Hotel-Business "Waren verkaufen kann jeder, Gefühle nicht"

Mit Männermode ist die Hirmer Gruppe groß geworden. Jetzt bauen Christian Hirmer und sein Cousin Ulrich Hirmer auch ihr Hotel-Engagement aus: Im Interview erklären sie, warum es sie als Hoteliers an den Tegernsee zieht.
Von Gisela Maria Freisinger

manager magazin: Sie haben in Rottach-Egern das Bachmair am See übernommen, einst das Nobeldomizil der Wirtschaftswunderelite. Die Grandezza ist längst dahin, geblieben ist nur der abgeblätterte Putz. Sind Sie auf der Suche nach der verlorenen Zeit?

Christian Hirmer: Uns geht es um die Zukunft. Als uns das Bachmaier am See angeboten wurde, gab’s für alle Beteiligten nicht eine Sekunde des Zögerns. Wer so ein Juwel finden will, muss lange suchen. Allein die Lage, direkt am See, das Bergpanorama, mitten auf der Seestraße, in der Nachbarschaft Juweliere, Modegeschäfte, Cafés und Restaurants aller Couleur - eine Infrastruktur wie sie besser nicht sein könnte!

Hotel Bachmair am See (Archivbild von 2018): "Wer so ein Juwel finden will, muss lange suchen"

Hotel Bachmair am See (Archivbild von 2018): "Wer so ein Juwel finden will, muss lange suchen"

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Stüve / Hirmer Gruppe

Und mittendrin jetzt Ihre Baumaschinen. Vor Ort fragen viele, wieso reißen die Hirmers das alte Hotel nicht einfach ab. Sind Sie auf dem Retro-Trip?

Christian Hirmer: Abreißen wäre Ignoranz vor der Geschichte. Tatsächlich ist der Kern des Stammhauses fast 200 Jahre alt und unbedingt erhaltenswert. Vielleicht hat die Familie sich auch deshalb für uns entschieden - es gab ja namhafte Mitbewerber -, weil auch in unserer DNA die Kultur der Familienunternehmen verankert ist. Wir denken in Generationen, nicht in Quartalsberichten. Wir wollen mit dem Bestand arbeiten, die Wurzeln aufdecken. Abreißen und etwas Neues hochziehen, das kann jeder, aber damit geht auch die Seele eines Hauses dahin. Wir übernehmen nur Häuser, die für die Tradition eines Ortes stehen.

Vom Bachmair ist nur der Mythos geblieben. Und wo es viele Emotionen gibt, sind auch die Erwartungen hoch, genauso wie die Gefahr, zu enttäuschen. Haben Sie Angst davor?

Ulrich Hirmer: Für uns ist jedes Hotelprojekt immer eine kreative Reise. Wir gehen an alle unsere Projekte sehr überlegt, mit Respekt und verantwortungsvoll ran. Uns ist bewusst, wie viel Verantwortung das Projekt mit sich bringt, gegenüber der Eigentümerfamilie …

… Sie haben einen generationenübergreifenden Erbpachtvertrag …

… und auch gegenüber der Gemeinde, die uns wohlwollend empfangen hat und natürlich erwartet, dass wir das Haus, das den guten Ruf des Ortes mitgeprägt hat, gut positionieren. Auch gegenüber den Nachbarn, die neugierig sind, was da entstehen wird.

Haben Ihre Vorfahren auch in den Wirtschaftswunderjahren dort gefeiert?

Ulrich Hirmer: Unsere Eltern sind während des Zweiten Weltkriegs nach Rottach-Egern gebracht worden, sind unweit vom Hotel aufgewachsen und vom Steg neben dem Bachmaier mit dem Boot übergesetzt nach Tegernsee. Dort sind sie zur Schule gegangen. Sie kannten natürlich das Hotel. Ob sie dort gefeiert haben, wissen wir gar nicht.

Und später haben sie in ihrem Münchner Modehaus Hirmer die Männer eingekleidet, die im Bachmaier residierten?

Einige davon. Das ist ein Teil des Charmes, dass wir den Bachmaier-Gast immer kannten und daher auch wissen, wie er sich verändert hat.

Gibt es das Bonzengehabe früherer Jahrzehnte heute noch?

Christian Hirmer: Unsere Klientel sucht eher nach Marken mit einer eigenen Geschichte. In unseren Geschäften können wir das hautnah beobachten. Und auch den Charme, wenn sich die unterschiedlichste Klientel mischt. Da fühlt sich der Handwerksmeister wohl neben dem Vorstandsvorsitzenden und umgekehrt.

Sie wollen mir gerade sagen, es ginge in Ihren Häusern für Männermode eigentlich zu wie im Bräustüberl in Tegernsee?

Ulrich Hirmer: Das ist durchaus vergleichbar und eine Soziologie ganz eigener Art. Ins Bräustüberl geht der Einheimische, weil er weiß, da sieht er mal andere Gesichter, die Touristen strömen hin, weil sie wissen, dort verkehren auch die Einheimischen. Und die Zweitwohnsitzler fühlen sich wohl, weil kein Aufheben um sie gemacht wird. So entsteht eine Harmonie eigener Art.

Das klingt nach heiler Welt und der viel gerühmten Liberalitas Bavariae, leben und leben lassen. Dabei ist derzeit unübersehbar, wie aggressiv Investoren ins Tal drängen und sich alles unter den Nagel reißen, was den Verlockungen des großen Geldes nicht widerstehen kann. Schmerzt es Sie, dass Sie als Teil dieser Geldwalze gesehen werden könnten?

Christian Hirmer: Wir sind keine Investoren, wir sind ein Familienunternehmen. Und wir sind ganz sicher, dass wir nicht in diesen Topf geworfen werden, den sie gerade skizzieren. Wir sind gekommen, um zu bewahren und gleichzeitig etwas Neues zu erschaffen, das sich gut in die Region einfügt. Das neue Bachmaier wird ganz sicher kein abgehobener 5-Sterne-Palast werden, sondern ein offener und fröhlicher Ort, der die Region Tegernsee aufwertet. Und in der Tat gibt es hier in Sachen Hotellerie Nachholbedarf, zumal ein Generationenwechsel stattfindet.

Gerade deshalb können die Investoren ja aufschlagen. Wie positionieren Sie sich im Wettrennen mit den anderen Familienunternehmern?

Ulrich Hirmer: Wir orientieren uns nicht an anderen, sondern wollen etwas ganz eigenständiges kreieren. Der Tegernsee hat eine Bedeutung weit über München und Deutschland hinaus. Wir haben schon vor Corona gemerkt, dass das Tal ein großes Comeback erlebt. Und auch vor der Pandemie hat sich schon gezeigt, dass die Gäste zwar Fernreisen machen, aber sich dazwischen erholen wollen und dafür Ihre Heimat wieder schätzen. Für diese Menschen wollen wir einen speziellen Ort schaffen.

Rottach-Egern, wo die Luxusidee der deutschen Hautvolée entstand, liegt jetzt also zwischen Bali und Südafrika?

Christian Hirmer: Wenn Sie das so ausdrücken wollen, ja. Die Verbundenheit zur Heimat ist aber nicht erst seit Corona erwacht. Durch die Pandemie hat er allerdings einen Schub erlebt. Das alte Bachmair stand für ein Lebensgefühl. Dieses Gefühl des Aufgehobenseins bei gleichzeitiger Weltoffenheit, das würden wir gern neu erschaffen.

Bodenständigkeit und Glamour unter einem Dach? Morgens wird der Wanderschuh geschnürt und abends ein Sternedinner verköstigt?

Ulrich Hirmer: Ja, das ist kein Widerspruch. Derselbe Gast will allerdings auch mal Brotzeit auf der Almhütte. Aber wir fänden es wunderbar, wenn obendrein die Einheimischen ihren Stammtisch bei uns abhalten. Das macht erst das Flair aus. Und dafür wird Platz sein.

Wieso sind Sie überhaupt ins Immobilien- und Hotelgeschäft eingestiegen und haben die Travel Charme Gruppe aufgekauft? Wirft es nicht mehr genug ab, Mode an den Mann zu bringen?

Christian Hirmer: Das ist eine klassische Diversifizierungsstrategie. Jede Säule steht für sich und ist erfolgreich. Aber lange bevor wir daran dachten, ins Hotelbusiness einzusteigen, haben wir die Tophotellerie analysiert, um hinter das Geheimnis zu kommen, wie man es schafft, den Kunden perfekt als Gast zu behandeln. Entsprechend wurden unsere Mitarbeiter im Handel als "Gastgeber" geschult. Dem Gast Wohlbefinden zu verschaffen, ist das Erfolgsgeheimnis, auf das wir bauen. Waren verkaufen kann jeder, Gefühle nicht.