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Mutant Vehicles beim Burning Man: Per Anhalter durch die Wüste

Foto: Alexandra Lier

Die verrücktesten Fahrzeuge des Burning Man Festival Im feuerspuckenden Kraken durch die Wüste

Das Burning-Man-Festival in Nevada ist ja eh schon eine verrückte Veranstaltung. Noch verrückter wird sie durch die Mutant Vehicles, die Besucher mit großer Hingabe bauen. Die Fotografin Alexandra Lier hat sie besucht.
Alex Lier
Foto: Alexandra Lier

Alex Lier ist Konzepterin und Fotografin. Als Teenager entdeckte sie ihre Liebe zu Punkrock, die sich wenig später auch auf die amerikanische Auto-Subkultur ausdehnte. Seit 1999 besucht sie regelmäßig die Hochgeschwindigkeitsrennen auf dem Bonneville-Salzsee in den USA. 2016 besuchte sie für SPIEGEL ONLINE das Burning-Man-Festival. Lier wohnt in Hamburg und fährt einen 1967er Plymouth Barracuda.
Alexandra Lier auf Instagram 

Die Geschichte der abgefahrenen Autos beim Burning-Man-Festival in der Wüste von Nevada beginnt mit einem Witz, den nur versteht, wer in den USA schon mal ein Auto zugelassen hat. Für die Registrierung von Fahrzeugen ist dort nämlich das sogenannte DMV zuständig, das "Departement of Motor Vehicles".

Beim Burning-Man-Festival gibt es auch eine Zulassungsbehörde mit dem Namen DMV, die mindestens ebenso streng über die Zulassung der Fahrzeuge wacht. Nur das bei ihr DMV für "Department of Mutant Vehicles" steht.

"Mutant Vehicles", so heißen die auf dem Festival herumkurvenden Gefährte. Mutanten deshalb, weil sie kaum noch als Autos zu erkennen sind, sondern vielmehr teils im wahrsten Sinne des Wortes vollkommen abgefahrene Kunstwerke sind.

Dieser Wahnsinn hat System. Denn darauf, dass das Originalfahrzeug nicht mehr zu identifizieren ist, achtet das DMV penibel. Wer nicht nur mit Rucksack und Zelt zum Festival reisen möchte, sondern auch mit einem fahrbaren Untersatz, durchläuft einen harten Ausleseprozess. Mit rund einem halben Jahr Vorlauf muss der ambitionierte Festival-Fahrer eine Bewerbung an die DMV-Jury schicken, die dann online über das Vehikel-Konzept abstimmt. Angenommene Fahrzeuge dürfen zum Burning Man anreisen und müsse sich dort einer finalen Überprüfung durch das DMV unterziehen.

Es gibt Tageszulassungen für Fahrzeuge, die bei Licht besonders spektakulär aussehen. Es gibt Nachtzulassungen für Fahrzeuge, deren Lichter besonders spektakulär aussehen. Es gibt Fahrzeuge, die beide Kriterien erfüllen. Und dann gibt es noch die Art Cars, bei denen wiederum das Fahrzeug zu erkennen sein darf. Verwirrend? Irre? Ja - genau wie das Festival selbst. Das nächste Mal findet es vom 27. August bis 4. September 2017 statt.

Frage: Frau Lier, Sie sind dieses Jahr zum Burning Man gereist, nur um die dort herumfahrenden Mutant Vehicles zu fotografieren. Welches war Ihr Favorit?

Lier: Der "Pulpo Mecanino". Das ist ein technisches Meisterwerk. Die Arme lassen sich einzeln bewegen und können auch noch separat Feuer spucken. Die Besitzer machen daraus, begleitet von Musik, eine Riesenshow. Das ist wirklich beeindruckend.

Frage: Wie kommen die Mutant Vehicles zum Burning-Man-Festival?

Lier: Das ist ganz unterschiedlich. Manche werden mit LKW in die Wüste gebracht. Andere haben, auch wenn man es sich kaum vorstellen kann, eine Straßenzulassung und reisen auf eigener Achse an. Monaco, die Nachbildung einer Segel-Fregatte, zum Beispiel. Da kommen die Besitzer von L.A. über die Highways bis zum Festival geschippert.

Frage: Wie genau werden die Mutant Vehicles beim Burning Man eingesetzt?

Lier: Es gibt bei dem Festival relativ große Distanzen zu überwinden. Der sogenannte Playa, also die Freifläche in der Mitte des Geländes, ist ja riesengroß. Die Mutant Vehicles fahren dort herum und nehmen, wenn sie Platz haben, Besucher mit. Jeder kann aufspringen und mitfahren.

Frage: Mal ehrlich: Wie hoch ist die Chance, dass ich mitgenommen werde?

Lier: Zugegeben, es ist nicht ganz einfach. Viele Besitzer von Mutant Vehicles nehmen natürlich bevorzugt Freunde mit - da ist dann oft kein Platz mehr. Und wenn einem Fahrer deine Nase nicht passt, ist der Wagen auch voll. Es kann also durchaus vorkommen, dass man sich eine Weile gedulden muss. Aber wenn man es auf ein Mutant Vehicle geschafft hat, entschädigt das für alles Warten.

Die Monaco auf großer Fahrt

Die Monaco auf großer Fahrt

Foto: Alexandra Lier

Frage: Die Witterung beim Burning Man ist ja extrem, tagsüber hat es um die vierzig Grad im Schatten. Außerdem gibt es regelmäßig Sandstürme oder Staubstürme. Nachts kühlt es dann auf Temperaturen um die zehn Grad ab. Wie verkraften die Autos das?

Lier: Die haben damit schon zu kämpfen. Vor allem der Staub macht den Maschinen zu schaffen. Immer wieder bleiben Fahrzeuge stehen, dann wird an Ort und Stelle geschraubt, bis der Karren wieder flott ist. Die Hilfsbereitschaft ist groß, die Erfahrenen geben ihr Wissen an die Neulinge weiter.

Frage: Sind die Mutant Vehicles und ihre Fahrer beliebt?

Lier: Ja, sehr. Beim Burning Man basiert ja alles auf dem Tauschgedanken. Man kann dort nichts kaufen, jeder bringt etwas mit, ein Geschenk für die Burning-Man-Gemeinde sozusagen. Und die Fahrer und Besitzer der Mutant Vehicles bringen diese als Geschenk mit, um die Menschen dort zu erfreuen - auch mit guter Musik, denn die meisten Mutant Vehicles haben ein eigenes Soundsystem an Bord. Sie sind in gewisser Weise ihr eigener, kleiner Party-Kosmos innerhalb des Burning Man. Außerdem tragen sie vor allem nachts ganz entscheidend zur Stimmung bei: Wenn da diese ganzen kunst,- und liebevoll beleuchteten Fahrzeuge durch die pechschwarze Nacht der Wüste wuseln, ist das ein einmaliges Bild.

Das Burning-Man-Festival Gelände in der Wüste von Nevada

Das Burning-Man-Festival Gelände in der Wüste von Nevada

Foto: JIM URQUHART/ Reuters

Frage: Gibt es eigentlich so etwas wie Verkehrsregeln?

Lier: Nein, nicht wirklich. Aber die Leute fahren allgemein vorsichtig, auch die Fahrradfahrer, von denen es dort wirklich eine Menge gibt.

Frage: Bei manchen der Mutant Vehicles handelt es sich aber um Auftragsarbeiten.

Lier: Ja, das stimmt. Heidi Klum zum Beispiel hat ein Auto gesponsert. So etwas gibt mittlerweile öfter: Solvente Personen unterstützen die Künstler.

Es werde Licht: Mutant Vehicle mit Nachtzulassung

Es werde Licht: Mutant Vehicle mit Nachtzulassung

Foto: Alexandra Lier

Frage: Ist das nicht verpönt?

Lier: Nein, zumindest habe ich das dort nie als Thema wahrgenommen. Die Besucher freuen sich einfach über die Kunstwerke auf Rädern.

Frage: Welcher der Besitzer hatte die innigste Beziehung zu seinem Fahrzeug?

Lier: Ich glaube, der mit dem Staubsauger-Auto. Den habe ich beim Festival nicht zu fassen bekommen, sondern habe nur sein Vehicle fotografieren können und dann anschließend Kontakt mit ihm aufgenommen. Der lebt für seine Kiste, hat mir endlose Geschichten erzählt und Fotos geschickt. Wie er mit seiner Tochter an dem Ding bastelt, zum Beispiel. Wobei ich sagen muss: Ich habe dort eigentlich niemanden getroffen, der von seinem Mutant Vehicle reden konnte, ohne ein fettes Leuchten in den Augen zu haben.

Durchsaugt die Wüste!

Durchsaugt die Wüste!

Foto: Alexandra Lier
 
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