Samstag, 21. September 2019

Borneos Orang-Utans Stadtmensch trifft Waldmensch

Borneo: Zu Gast bei den Orang-Utans
TMN

Zikaden zirpen so laut wie Hubschrauber, Nasenaffen gucken neugierig herüber. Orang Utans verspeisen laut schmatzend Bananen. Im Tanjung Puting Nationalpark auf Borneo kommen ihnen Besucher ganz nah.

Berlin - Äste knacken, Laub raschelt, Vögel kreischen. Wenn die Waldmenschen kommen, kann von Heranschleichen keine Rede sein. Das haben die Orang-Utans, die "Menschen des Waldes", gar nicht nötig. Sie haben keine natürlichen Feinde - bis auf den Orang, den Menschen. Im Tanjung Puting Nationalpark im Süden Kalimantans, dem indonesischen Teil Borneos, begegnen sich beide.

Joe Bowo liebt den Wald und die Affen. Deshalb ist er hergekommen, aus dem dicht besiedelten Java ins dünn besiedelte Kalimantan. Denn nur hier auf Borneo und auf der indonesischen Insel Sumatra leben Orang-Utans in freier Wildbahn. Zunächst arbeitete der 47-Jährige als Ranger im Nationalpark, dann wurde er Tourguide. Zwischen Joes Händen steckt ständig eine Zigarette - die aufgerauchten Stummel steckt er sich in die Hosentasche, damit die Affen sie nicht finden. Denn Affen ahmen Menschen nach - das gilt auch für das Rauchen.

"Princes and Princesses, feeding time!" - Joes Ruf schallt morgens, mittags und abends über das Klotok, ein traditionelles Boot, das über die Flusswege durch den Tanjung Puting schippert. Stundenlang knattert der Motor. Links und rechts zieht der Urwald vorbei: ausladende Palmen, quietschbunte Vögel und immer wieder - Affen. Nicht immer sind es Orang-Utans, die sich durch die Baumwipfel am Flussufer des Sungai Sekonyer hangeln. Auch Nasenaffen blicken den vorbeifahrenen Booten mal neugierig, mal gelangweilt hinterher.

Der Nationalpark lässt sich von Touristen nur mit Guide und auf Booten erkunden. Oft mieten sich Pärchen ein kleineres Klotok für sich, ihr Bett steht oben auf dem überdachten Deck unter einem Baldachin, das ganz unromantisch nur den Zweck erfüllt, die nachtaktiven Malaria-Mücken abzuwehren. Unter Deck schlafen die Guides und die Köche. Sie zaubern in der spärlichen Kombüse die leckersten Gerichte für ihre Gäste, von gebackenen Bananen bis zu Gado-Gado, einem Gericht aus gekochtem Gemüse mit Erdnusssoße.

Auf schmalen Pfaden in den Urwald

Mit gut gefülltem Bauch sind die Urlauber dann bereit für den ersten Ausflug ins wilde Dickicht. Das Klotok dockt in Tanjung Harapan an, einem der Camps des Nationalparks. An den grünen Holzhäusern am Ufer vorbei geht es auf einen schmalen Pfad in den Urwald. Beziehungsweise es ginge. Stünde Gondol nicht im Weg, den linken Arm lässig um einen Ast geschwungen.

Gondol ist ein Orang-Utan-Männchen, 22 Jahre alt. "Seine Eltern wurden von den Menschen getötet", sagt Joe, für den kein Orang-Utan dem anderen gleicht. "Wie sie laufen, unterscheidet sich sehr, und das Gesicht ist ganz besonders", erklärt er. Gondol kam als Waise in das Reservat und wuchs im Nationalpark auf. Sein Schicksal teilen viele Orang-Utans.

Es sind vor allem zwei Probleme, die das Leben der Waldmenschen gefährden. Zum einen sind Orang-Utan-Babys für die Reichen in Südostasien begehrte Haustiere. Das Baby von der Mutter zu erbeuten, das sich die ersten zwei Lebensjahre fast nie von deren Arm löst, endet in den meisten Fällen mit dem Tod der Mutter.

Die Palmöl-Plantagen sind das zweite Übel. Schon im Anflug auf Pangkalan Bun in der Nähe des Nationalparks wird das Ausmaß offenbar: Über weite Teile erstrecken sich in Borneo nicht länger dichte Urwälder, sondern Palmöl-Plantagen - Reihe um Reihe bis zum Horizont.

Für sie wird der Dschungel in bedrohlichem Ausmaß abgeholzt. Denn Palmöl bringt Geld - und das ist bei den Menschen in Kalimantan rar. "Sie denken nur an ihren Bauch", erklärt Joe. Der Wald, Lebensraum der Orang-Utans, ist für sie zweitrangig. Joe hat dafür zwar Verständnis - seine Einstellung ist trotzdem eine ganz andere: "Der Wald ist wichtiger als Geld, der Wald ist alles."

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