Dienstag, 21. Mai 2019

Hüttenwirte gegen Hotelstandard Ohne WLAN nachts am Berg

Alpenhütten: Schlichte Herbergen für Wanderer
Claudia Bell/dpa-tmn

Auch in den Höhen der Alpen hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten: Schlafplätze in Hütten werden online reserviert, WLAN ist vielen Wanderern wichtig. Hüttenwirte kritisieren diese Entwicklung.

Die Sonne strahlt von einem tiefblauen Himmel, Kuhglocken sind weithin zu hören. "Kemptner Hütte, 45 Minuten" steht auf dem gelben Schild, man sieht bereits das Dach. Bei der Ankunft wird dann schnell klar: Die Unterkunft ist komplett voll. Hüttenwirt Martin Braxmair steht am Tresen, hakt Namen ab und vergleicht sie mit seiner Reservierungsliste. "Okay, passt alles", sagt er. "Dein Schlafplatz ist oben im Lager ganz hinten links."

Wer keine Reservierungsbestätigung hat, muss ab 22 Uhr mit einem Notlager vorlieb nehmen - zu später Stunde weggeschickt wird in den Bergen niemand. Doch ganz spontan ins Gebirge fahren und einen Platz für die Nacht in einer Hütte ergattern: Diese Zeiten sind in der Hochsaison zumindest in Gegenden wie den Allgäuer Hochalpen vorbei.

Die "Kemptner Hütte" mit ihren 290 Schlafplätzen ist eine der größten Hütten in den Alpen. Sie liegt am Europäischen Fernwanderweg E5 und gehört zu den meistbesuchten Zielen der Region. "2001 hatten wir pro Saison etwa 10.600 Übernachtungen, in 2017 waren es mehr als 24.000. Da war uns klar: Wir schaffen das nicht mehr so, wie wir das früher gemacht haben", erzählt Braxmair. Ständig habe das Telefon geklingelt, Hunderte Mails kamen bei ihm an. "An einem Tag waren es 317 Mails in 24 Stunden, das war eine Katastrophe."

Er habe dann eine Idee aus der Schweiz übernommen, erzählt Braxmair. Die eidgenössischen Hüttenwirte arbeiten schon seit 2013 mit einem Online-Reservierungssystem, das seit 2016 mit dem Deutschen, Österreichischen und Südtiroler Alpenverein betrieben wird.

Um in der "Kemptner Hütte" zu reservieren, gehen Gäste nun also auf die Seite www.huetten-holiday.de und müssen eine Anzahlung in Höhe von zehn Euro leisten. "Wenn ich das mit der Anzahlung nicht mache, renne ich meinem Geld hinterher", sagt Braxmair. Denn leider kämen viele Wanderer trotz Reservierung wegen schlechten Wetters einfach nicht - und sagten ihre Schlafplätze dann nicht einmal ab.

Neben der zunehmend unzuverlässigen Buchungsmoral ärgern Braxmair aber vor allem die überzogenen Erwartungen mancher Gäste. Zwar seien viele Hütten heute moderner als früher und verfügten oft auch über Mehrbettzimmer. "Aber die Ansprüche haben sich enorm verändert. Heute muss die Hütte allen Komfort mit heißer Dusche und exzellentem Handynetz haben - und dann schimpfen sie auch noch über die Preise."

Dabei funktioniert zum Beispiel das mit der heißen Dusche schon aus technischen Gründen nicht immer: Die meisten Berghütten in den Alpen sind autark und heizen ihr Wasser mit Sonnenenergie. Bei bewölktem Himmel wird also kalt geduscht.

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