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Alpenhütten: Schlichte Herbergen für Wanderer

Foto: Stefan Wolf/DAV/dpa-tmn

Hüttenwirte gegen Hotelstandard Ohne WLAN nachts am Berg

Auch in den Höhen der Alpen hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten: Schlafplätze in Hütten werden online reserviert, WLAN ist vielen Wanderern wichtig. Hüttenwirte kritisieren diese Entwicklung.

Die Sonne strahlt von einem tiefblauen Himmel, Kuhglocken sind weithin zu hören. "Kemptner Hütte, 45 Minuten" steht auf dem gelben Schild, man sieht bereits das Dach. Bei der Ankunft wird dann schnell klar: Die Unterkunft ist komplett voll. Hüttenwirt Martin Braxmair steht am Tresen, hakt Namen ab und vergleicht sie mit seiner Reservierungsliste. "Okay, passt alles", sagt er. "Dein Schlafplatz ist oben im Lager ganz hinten links."

Wer keine Reservierungsbestätigung hat, muss ab 22 Uhr mit einem Notlager vorlieb nehmen - zu später Stunde weggeschickt wird in den Bergen niemand. Doch ganz spontan ins Gebirge fahren und einen Platz für die Nacht in einer Hütte ergattern: Diese Zeiten sind in der Hochsaison zumindest in Gegenden wie den Allgäuer Hochalpen vorbei.

Die "Kemptner Hütte" mit ihren 290 Schlafplätzen ist eine der größten Hütten in den Alpen. Sie liegt am Europäischen Fernwanderweg E5 und gehört zu den meistbesuchten Zielen der Region. "2001 hatten wir pro Saison etwa 10.600 Übernachtungen, in 2017 waren es mehr als 24.000. Da war uns klar: Wir schaffen das nicht mehr so, wie wir das früher gemacht haben", erzählt Braxmair. Ständig habe das Telefon geklingelt, Hunderte Mails kamen bei ihm an. "An einem Tag waren es 317 Mails in 24 Stunden, das war eine Katastrophe."

Er habe dann eine Idee aus der Schweiz übernommen, erzählt Braxmair. Die eidgenössischen Hüttenwirte arbeiten schon seit 2013 mit einem Online-Reservierungssystem, das seit 2016 mit dem Deutschen, Österreichischen und Südtiroler Alpenverein betrieben wird.

Um in der "Kemptner Hütte" zu reservieren, gehen Gäste nun also auf die Seite www.huetten-holiday.de und müssen eine Anzahlung in Höhe von zehn Euro leisten. "Wenn ich das mit der Anzahlung nicht mache, renne ich meinem Geld hinterher", sagt Braxmair. Denn leider kämen viele Wanderer trotz Reservierung wegen schlechten Wetters einfach nicht - und sagten ihre Schlafplätze dann nicht einmal ab.

Neben der zunehmend unzuverlässigen Buchungsmoral ärgern Braxmair aber vor allem die überzogenen Erwartungen mancher Gäste. Zwar seien viele Hütten heute moderner als früher und verfügten oft auch über Mehrbettzimmer. "Aber die Ansprüche haben sich enorm verändert. Heute muss die Hütte allen Komfort mit heißer Dusche und exzellentem Handynetz haben - und dann schimpfen sie auch noch über die Preise."

Dabei funktioniert zum Beispiel das mit der heißen Dusche schon aus technischen Gründen nicht immer: Die meisten Berghütten in den Alpen sind autark und heizen ihr Wasser mit Sonnenenergie. Bei bewölktem Himmel wird also kalt geduscht.

Hüttenwirte wollen keinen Hotelstandard leisten

Auch Markus Karlinger, Wirt im "Waltenbergerhaus" oberhalb von Oberstdorf, missbilligt die Haltung mancher Gäste: "Viele fordern einen Hotelstandard ein, den ich schlicht nicht leisten kann und auch nicht leisten will - wir sind immerhin oben am Berg." Immer wieder müsse er Gästen klar machen: Es gebe nachmittags zwar hausgebackenen Kuchen, eine Konditorei sei man deshalb aber noch lange nicht. "Die Bergführer tragen den Leuten ja teilweise das Zeug den Berg hoch, da meinen sie dann, wir müssten sie hier oben auch noch hofieren."

Irgendwann war es Karlinger und Braxmair zu bunt, und so taten sie sich mit anderen Wirten zusammen. Heraus kam der "Kleine Leitfaden für Alpinisten". Dieser hängt nun auf vielen Hütten laminiert auf den Toiletten oder ist den Speisekarten beigelegt. Darin wird um ein respektvolles Miteinander und um Einhaltung der Hüttenregeln gebeten.

Auch der Hinweis, dass es oben am Berg oftmals keinen Handyempfang und schon gar kein WLAN gibt, ist vermerkt. "Gespräche am Tisch mit Bergkameraden sind ein echtes Erlebnis", werben die Wirte um lebhafte Kommunikation untereinander und darum, nicht nur mit dem Smartphone am Tisch zu sitzen und Fotos anzuschauen. "Berge sind keine Vergnügungsparks und keine Ware für Freizeitjunkies", steht da auch.

Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV), kann diese Einstellung nachvollziehen. Derzeit betreibt der DAV in den Alpen und in Mittelgebirgen 321 Hütten mit insgesamt 20.400 Schlafplätzen. Die Zahl der Übernachtungen liegt stabil bei etwa 800.000 pro Saison. Immer wieder werde zwar der Ruf nach mehr und größeren Hütten laut. Dies lehne der DAV aber ab: "Die Erschließung der Hütten in den Alpen ist für uns abgeschlossen", betont Bucher.

Dass viele Wanderer einen immer höheren Komfort wünschen, sieht auch der DAV kritisch. "Bei vielen ist es offenbar noch immer nicht angekommen, dass Berghütten eben keine Hotels sind und daher auch nur über einen entsprechenden Standard verfügen", sagt Bucher.

Einen etwas höheren Standard als in einer urigen Berghütte finden Wanderer seit der Saison 2018 nun zwar auch im "Waltenbergerhaus", einem umgebauten, moderne Holzbau in 2084 Metern Höhe. Beliefert werden die Wirtsleute allerdings noch immer über den Helikopter, und ein öffentliches WLAN-Netz gibt es in der Hütte ganz bewusst nicht.

Für Wirt Markus Karlinger ist es das Schlimmste, dass viele Wanderer direkt vom Berg kämen und eine ihrer ersten Fragen oft die nach dem WLAN sei. Das ärgerte ihn irgendwann so sehr, dass er aus einem Stück Holz einen Schlüssel mit der Aufschrift "WLAN-Schlüssel" schnitzen ließ, der jetzt gut sichtbar für alle auf dem Tresen steht.

Einmal seien zwei junge Männer in die Stube gekommen und hätten nach dem Passwort gefragt, erzählt Karlinger. Er habe sie daraufhin zum Holzschlüssel geschickt. "Und dann, stell dir vor, was die gemacht haben. Dann haben sich die beiden tatsächlich mit ihren Handys vor den Holzschlüssel gestellt und dort auf Empfang gewartet. Unfassbar."

Fünf Tipps: Hüttentouren optimal vorbereiten

Für viele Wanderer sind Berghütten ein Pausenplatz während einer Tagestour. Andere nutzen sie als Nachtlager vor einem Gipfelsturm. Doch auch als Etappenziele bei mehrtägigen Wanderungen sind Hütten immer beliebter. Für solche Touren zählt die richtige Vorbereitung. Fünf wichtige Schritte:

1. Die richtige Tour auswählen

Er könne nur empfehlen, kreativ zu sein und nicht auf ausgetrampelten Pfaden zu wandern, sagte Bucher in einem dpa-Themendienst-Gespräch. Manche Hüttentourenwege seien inzwischen völlig überlaufen, etwa die Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran auf dem Europäischen Fernwanderweg E5. Wanderer seien da oft "in einem Pulk mit vielen Hundert Leuten unterwegs". Und es komme nicht selten vor, dass sie auf oder unter dem Tisch übernachten müssen, weil keine Schlafplätze frei sind. Von Juni bis September seien die Hütten entlang dieser sieben- bis achttägigen Wanderroute "massivst ausgebucht".

Als Alternativen empfiehlt der DAV, andere Alpenüberquerungen oder die Durchquerung einzelner Gebirgsteile ins Auge zu fassen. Weniger überlaufen seien zum Beispiel die Fernwanderwege vom Walchensee in Oberbayern zum Iseosee in Italien sowie die Strecke München-Venedig. Beide dauern insgesamt 28 Tage und lassen sich in Etappen auf mehrere Urlaubsreisen verteilen.

Bei den Gebietsdurchquerungen biete sich zum Beispiel an, an der deutsch-österreichischen Grenze vier oder fünf Tage lang durch das Karwendelgebirge zu laufen. Ob im Chiemgau oder Stubaital: "In fast jedem Gebiet gibt es Hütte-zu-Hütte-Wanderungen."

2. Die Reservierungsfrage klären

Für viele Hütten gilt: Je früher der Schlafplatz reserviert wird, desto besser. Entlang des E5 sei es vermutlich zwei Monate vor der geplanten Ankunft schon zu spät, schätzt Bucher.

Bei der Planung können auch Fremdenverkehrsämter helfen: Beim Berliner Höhenweg im Zillertal in Tirol zum Beispiel ließen sich über den örtlichen Tourismusverband die Nächte durchbuchen. Die Wanderer müssen nur sagen, an welchem Tag sie starten und ob sie im oder gegen den Uhrzeigersinn laufen wollen.

Daneben gibt es Touren, bei denen es auch im Hochsommer reiche, von einer Hütte aus telefonisch die nächste zu reservieren - zum Beispiel auf dem Karnischer Höhenweg an der Grenze von Österreich und Italien.

3. Frühzeitig einstimmen - und einlaufen

Wer keine Vorerfahrung hat, sollte "überhaupt erstmal eine Hütte besuchen und dort eine Nacht verbringen, um das Erlebnis besser einschätzen zu können", empfiehlt Bucher. Gleich eine komplette Woche am Stück wandern zu wollen, sei für Einsteiger sicherlich zu viel.

Anschließend gilt es, sich körperlich fit zu halten und Schritt für Schritt auf die längere Tour vorzubereiten. Aussehen kann das zum Beispiel so: Im Mai eine erste kurze Tageswanderung machen, im Juni und Juli dann weitere - und die ernsthafte Tour folgt im August.

4. Das Gepäck so klein wie möglich halten

"Alle Unerfahrenen nehmen zu viel mit", ist Buchers Beobachtung. Es gebe sogar Wanderer, die einen Föhn einpacken, der aber nur Ballast ist und oft gar nicht funktioniert, weil es auf vielen Hütten keine Steckdosen gibt. Der Alpenverein rät, auch bei Mehrtagestouren einen Rucksack zu wählen, dessen Volumen 35 Liter nicht überschreitet und maximal etwa zehn Kilogramm wiegt.

Unverzichtbar auch im leichten Gepäck sind Wetterschutz, Biwaksack und Erste-Hilfe-Ausrüstung. Mitzunehmen sind auch ein Hüttenschlafsack und ein Handtuch. "Auf den meisten Hütten wird Halbpension angeboten. Das würde ich allen empfehlen, weil das den Rucksack massiv entlastet, weil man eben nicht für mehrere Tage Essen mit einstecken muss", erklärt Bucher.

5. Handy, Strom und das nötige Kleingeld

Ein Handy mitzunehmen, ist schon wegen des Wetterberichts sinnvoll. Wichtig ist dann auch eine kleine Powerbank, um das Gerät in Hütten ohne Steckdosen wenigstens einmal wieder aufladen zu können. "Ich laufe viel mit dem Handy im Flugmodus und mache es nur an, wenn ich es wirklich brauche", nennt Bucher einen Stromspartipp.

Weil die Hütten in der Regel nur Bargeld akzeptieren, sollte der Geldvorrat nicht zu knapp bemessen sein. In den Ostalpen am besten mit 45 bis 50 Euro pro Person und Nacht rechnen - plus Ausgaben für Getränke.

Claudia Bell und Christian Röwekamp, dpa
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