Dienstag, 10. Dezember 2019

Kenia Vertreibung aus dem Paradies

Massai-Mara-Nationalpark: Kenias zahme Wildnis
TMN

Afrika, wie es sich viele erträumen: Im Massai-Mara-Nationalpark in Kenia wimmelt es von wilden Tieren, Abenteuer und Romantik. Der Park ist ein Paradies - aber auch akut bedroht.

Nairobi - Die Hyäne gluckst und kichert vor sich hin. Das Flusspferd schnaubt neben der Zeltwand und entfernt sich dann langsam. Affen ziehen zeternd von Baum zu Baum. Irgendwo brüllen Löwen: Das ist eine ruhige Nacht im Mara Bush Camp mitten im kenianischen Massai-Mara-Nationalpark. Denn kein Elefant, kein Büffel und kein Leopard verirrt sich zu den zehn Zelten an der Biegung des Ololorok-Flusses.

Im Paradies ist niemand alleine. Wenn an einem der schönsten Fleckchen Afrikas die Sonne aufgeht, fällt der Blick auf viele Geländewagen. Sie sind in der grünen Savanne mit ihren Schirmakazien und Herden von Gnus, Zebras, Impalas nicht zu übersehen. Im günstigsten Fall sind die Wagen ein paar Kilometer entfernt. Schlimmstenfalls geht es am zugeparkten Mara-Fluss wie am roten Teppich bei der Oscar-Verleihung zu. Die Szenerie ist ja auch sehenswert: Tausende von Gnus stürzen sich fotogen ins Wasser, um trotz der lauernden Krokodile das andere Ufer zu erreichen.

Der Tourismus ist Kenias wichtigste Einnahmequelle, gefolgt vom Export von Blumen, Kaffee und Tee. Seit Anfang 2008, als blutige Unruhen nach umstrittenen Wahlen die Safaritouristen verschreckten, hat sich die Schlüsselindustrie wieder erholt. 2010 sorgten rund eine Million Touristen für Einnahmen von umgerechnet 670 Millionen Euro. Die Regierung will noch mehr. Offizielles Ziel für 2012 sind zwei Millionen Reisende - was mit Sicherheit verfehlt wird. Aber der Trend zeigt aufwärts.

Wer sich zum ersten Mal im Massai-Mara-Reservat umschaut, ist überwältigt: Selbst ohne die große Wanderung der Gnus aus der angrenzenden tansanischen Serengeti steht der Besucher vor einer parkartigen Bilderbuchlandschaft voller wilder Tiere. Elefanten, Löwen, Büffel und Leoparden gibt es, mit etwas Glück läuft auch ein Nashorn vor die Linse. Nach dem ersten Abhaken von Tieren beginnt bei den meisten Reisenden das etwas gelassenere Beobachten.

Löwen mit dem Speer erlegen

Wer mit einem guten Safari-Anbieter unterwegs ist und den Geländewagen ausschließlich für sich und die Familie oder Freunde gebucht hat, kann dann einfach stehen bleiben und sich Zeit nehmen: Vielleicht eine halbe Stunde für eine Zebraherde oder die Geier oder die Impalas oder die staksigen Sekretärvögel oder die Flusspferde - oder was auch immer. Meryl Streep und Robert Redford sind zwar nicht mehr da, aber manchmal scheint die Wirklichkeit noch schöner als im Film "Out Of Africa" zu sein.

Aber wer schon vor 30 Jahren in der Mara war und das Reservat aus alten Zeiten kennt - wer sich von Nairobi aus über 250 Kilometer Straße in sechs Stunden langsam annäherte, statt sich komfortabel einfliegen zu lassen - der sieht auch anderes. Erstens führt der Weg ins Paradies der Tiere jetzt vorbei an eingezäunten Weizenfeldern, die es früher nicht gab, vorbei an Massai-Dörfern, vorbei an vielen großen Rinderherden. Und zweitens gibt es deutlich weniger Wildtiere als einst.

Der Bevölkerungsdruck ist längst in der nur scheinbar idyllischen Wildnis angekommen. Seit 1980 ist die Zahl der Kenianer um etwa 150 Prozent auf jetzt 41 Millionen gestiegen - und nach UN-Schätzungen wird das Wachstum weitergehen. Die Menschen brauchen Platz, Arbeit, Nahrung. Das sieht man auch hier. Der kenianische Anthropologe Richard Leakey, langjähriger Leiter der Wildschutzbehörde, formuliert es so: "Früher lebten 100.000 Elefanten in Kenia, und wir hatten damit kein nennenswertes Problem. Das Problem ist nicht, dass es jetzt mehr Elefanten gibt."

David Karanja, Safari-Guide im Mara Bush Camp, kennt den riesigen Nationalpark wie seine Westentasche. Er entdeckt Löwen und Geparden dort, wo seine Passagiere nur viel Grün sehen. Sehr viele Tiere gebe es und sicherlich auch ein paar Wilderer, sagt er. Aber die Wilderei halte sich in Grenzen: Vor allem seien das wohl junge Massai-Krieger, die schon seit Ewigkeiten ihre Männlichkeit zu beweisen versuchen, indem sie einen Löwen mit dem Speer abstechen. "Hakuna Matata", kein Problem also?

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