Donnerstag, 9. April 2020

Kenia Vertreibung aus dem Paradies

Massai-Mara-Nationalpark: Kenias zahme Wildnis
TMN

2. Teil: Elfenbein, Hörner, Pythonhäute: Die Massai mischen mit

Joseph Ogutu, Bioinformatiker an der Universität Hohenheim, sieht das ganz anders. Die Zahl der Rinder, die von den Massai im Nationalpark illegal geweidet werden, habe sich seit dem Beginn der Tierzählungen aus der Luft im Jahr 1977 mehr als verzehnfacht. Zugleich sei die Zahl der Wildtiere um zwei Drittel gesunken. Davon betroffen seien auch all jene großen Säugetiere - von Elefanten über Giraffen bis hin zu Büffeln - dem Markenzeichen der Massai Mara. Schlimmer noch: Auch die jährliche Wanderung von Gnus und Zebras, eines der großen Naturspektakel der Erde, sei heute schon um zwei Drittel kleiner als Anfang der 1980er-Jahre.

Diese erste Langzeitstudie hat für viel Aufsehen gesorgt. Das seien nur Momentaufnahmen, argumentieren die Kritiker. Aber viele Experten räumen ein, dass der Negativtrend grundsätzlich unbestreitbar ist. Brian Heath, Chef der Mara Conservancy, die das sogenannte Triangle (Dreieck) im Nordwesten der Mara verwaltet, schätzt, dass im gesamten Massai-Land der Bestand der Wildtiere in den vergangenen 35 Jahren um 80 Prozent geschrumpft ist. Hunderttausende Hektar Weideland seien als Ackerland an Weizenbauern gegeben worden, die von Generationen von Massai geschützten Wälder würden in alarmierendem Tempo abgeholzt.

Im ersten Halbjahr 2012 zählten die Triangle-Wildhüter alleine in diesem Teilbereich des Nationalparks mehr als 30 von Wilderern getötete Elefanten. Die Elefanten an der Grenze zu Tansania seien mittlerweile so verängstigt, dass sie beim Auftauchen von Menschen voller Panik flüchten. Mit traditionellen Mutproben habe das nichts zu tun: Die Massai seien im Verkauf verbotener Trophäen - von Elfenbein und Hörnern über Straußeneier bis hin zu Fellen und Pythonhäuten - sehr aktiv.

Kuhglocke am Zelt

Und selbst um die Löwen, von denen es einst in der Mara nur so wimmelte, macht sich Heath Sorgen. Mittlerweile säßen junge Massai auf den Höhen des Oloololo-Gebirgszuges und beobachteten, wo die Touristen Löwen fotografierten. In der Dämmerung jagten die "Moran" (Krieger) dann die noch verbliebenen Löwen. Sie haben leichtes Spiel: "Was kann noch zahmer sein als ein Löwe in der Mara?", fragt Heath. "Wenn das mutige Moran wären, dann würden sie die Löwen jagen, die in den Dörfern die Rinder fressen. Aber die sind ihnen zu gefährlich."

Touristen merken meist wenig von diesen Problemen - nicht nur, weil viele Herden von den Massai nachts in den Park getrieben werden und die Wilderei naturgemäß kaum sichtbar ist. Und nur Botaniker wissen, wenn sie das in der ganzen Dritten Welt gefürchtete Unkraut Parthenium hysterophorus am Wegrand blühen sehen, dass sich hier seit wenigen Jahren eine biologische Gefahr ausbreitet. Experten schätzen sie als potenziell existenzbedrohend für den Nationalpark ein.

Das alles ändert nichts daran, dass der Aufenthalt in der Mara - wozu neben dem Nationalpark noch neun angrenzende Schutzgebiete gehören - immer noch ein großes und unvergessliches Erlebnis ist. Die Übernachtungsmöglichkeiten sind reichlich, allerdings fast alle sehr teuer. Es gibt Lodges, vor allem aber Zeltcamps unterschiedlicher Qualität.

Oft lassen diese Zelte - mit eigenem Bad und warmem Duschwasser - wenig Komfortwünsche offen. Im Mara Bush Camp gehört eine Kuhglocke am Zelt dazu: Das Lager ist nicht eingezäunt. Und bevor man sich auf den Weg zu Restaurant, Bar und Lagerfeuer macht, ruft man besser einen Massai-Krieger. Der begleitet den Gast dann. Die Spitze seines Speers ist sehr scharf.

Von Dieter Ebeling, dpa

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