Dienstag, 26. Mai 2020

Spaniens Cabañeros-Nationalpark Unter Geiern

Cabañeros-Nationalpark: Unterwegs in Spaniens Serengeti
TMN

Der Cabañeros-Nationalpark ist so etwas wie die Serengeti Spaniens: Weites Grasland, in dem sich viele Tiere tummeln. Menschen leben nur wenige hier. Wer die Gegend erkunden will, bewegt sich auf Schotterpisten und Wanderwegen fort - und kann sogar prähistorische Entdeckungen machen.

Alcoba - Der Weg ist nicht befestigt. Der Unimog mit hohem Radstand ruckelt bei jeder Bodenwelle kräftig. Plötzlich huschen Rehe über die Straße und preschen auf der anderen Seite weiter über die Graslandschaft. Aber wo wollen sie hin? Vielleicht zu ihren Artgenossen, die etwas weiter hinten bewegungslos wie Statuen vor einer Baumreihe stehen und bisher gar nicht aufgefallen sind. Ein Dutzend sind es mindestens, ein Stück weiter noch einmal so viele und gleich daneben etliche Hirsche - Serengeti-Feeling im Cabañeros-Nationalpark mitten in Spanien.

Obwohl es keine Gnus und Antilopen gibt, fühlt sich mancher Besucher in dem Nationalpark in den Bergen von Toledo wie bei Professor Grzimek in Ostafrika. Die meisten Besucher kommen genau deswegen hierher. Sie wollen weit weg von der nächsten Großstadt mitten in der Natur sein, wo ihre atmungsaktiven Outdoorjacken die einzigen Hinweise auf moderne Zivilisation sind.

Der Blick fällt über eine Landschaft mit spärlichem Baumbestand, die an Savanne erinnert. Die Wege scheinen endlos lang und verschwinden am Horizont im Nichts, die Erde ist an manchen Stellen überraschend rot. Und immer wieder lassen sich während der Fahrt oder bei den zahlreichen Stopps Tiere beobachten.

Die Rehe, die als erstes ins Auge fallen, stehen nicht auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Aber auch der seltene Schwarzstorch und der Iberische Kaiseradler leben im Cabañeros-Nationalpark, der mit seiner Fläche von fast 410 Quadratkilometern Platz für verschiedene Ökosysteme bietet, sind hier zu Hause. Der Wagen hält, Jaap Scholten stellt nur ein paar Meter entfernt ein Beobachtungsfernrohr auf. "Gute Stelle hier", sagt der Outdoor-Trainer, der aus Groningen in den Niederlanden stammt, sich aber längst in Kastilien-La Mancha zu Hause fühlt - und ganz besonders im Cabañeros-Nationalpark.

Hier hat die Natur das Sagen

Scholten wirft einen ersten prüfenden Blick durch das Fernrohr. Mindestens zwei Dutzend Geier tummeln sich am Boden und zerren an mehreren Stücken Aas. Aber auch am Himmel sind jetzt gleich mehrere zu sehen, drei, vier, fünf, die direkt über den Köpfen der Besucher schweben - allerdings so hoch, dass nichts von ihnen zu befürchten ist. Lebende Touristen passen ohnehin nicht in ihr Beuteschema.

"Guckt mal, das ist ein besonders großer", sagt Scholten. Ein Dutzend Augenpaare folgt seinem Zeigefinger, der auf einen Mönchsgeier weist. Der Greifvogel scheint am Himmel den Kondensstreifen eines Flugzeugs zu kreuzen. Gänsegeier sind im Parque Nacional de Cabañeros ebenfalls heimisch.

Flora und Fauna haben im Nationalpark die Möglichkeit, sich ganz anders zu entwickeln als in den dicht bevölkerten Teilen oder gar in den Industriezentren Spaniens. Kastilien-La Mancha bringt dafür gute Voraussetzungen mit. "Wenig bevölkert war die Region schon immer", sagt Jaap Scholten. Und es sieht nicht so aus, als würde sich daran bald etwas ändern. Ganz Kastilien-La Mancha hat nur 1,7 Millionen Einwohner - und ist doppelt so groß wie Scholtens Heimat, die Niederlande, wo fast zehnmal so viele Menschen leben.

Seinen Namen hat der Nationalpark von der Caban, der Hütte aus Schilf, die Bewohner Kastiliens jahrhundertelang nutzten, Schäfer und Köhler zum Beispiel. Teile des heutigen Parkgeländes dienten noch vor wenigen Jahrzehnten der Landwirtschaft, das Gesetz über die Gründung des Nationalparks wurde erst 1995 verabschiedet. Heute wirkt die Landschaft schon außerhalb des Nationalparks an vielen Stellen menschenleer. Lange bevor Besucher ihn erreichen, haben sie das letzte Dorf passiert und seitdem kein Haus mehr gesehen.

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