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Angeln: Petri heil!

Foto: Shimano

Angeln Mit Liebe zum Fisch

Es gab Zeiten, da setzten sich Männer ans Ufer und angelten, um das Haushaltsbudget zu entlasten. Mittlerweile hat sich das Sportangeln zu einem Riesenmarkt für ein zahlungskräftiges Klientel entwickelt. Da Deutschland alles andere als ein Anglerparadies ist, boomt der Angeltourismus.
Von Kirsten Schiekiera

Fünen - Manchmal sagen Zahlen mehr als Worte. "87 Zentimeter, acht Kilo", Angel-Guide Flemming zeigt ein Foto auf seinem iPhone. Auf dem Bild ist er mit seinem letzten großen Fang, einer Meerforelle, zu sehen. Die Mitglieder seiner Angelgruppe nicken anerkennend - so einen Fisch möchten sie an diesem Tag auch gerne aus dem Wasser ziehen. Die dänische Insel Fünen gilt als einer der besten Reviere zum Meerforellen-Fischen, deshalb sind die Männer aus Deutschland hierher gekommen.

Meerforellen sind scheue Tiere, die in Küstennähe Beute suchen und als "Fisch der 1000 Würfe" bezeichnet werden. Auch erfahrene Angler müssen Hunderte Mal ihre Köder auswerfen und schnell wieder einholen, bis einer der kräftigen Raubfische ihnen an den Haken geht. Bei der Jagd auf den begehrten Fisch hilft einschlägige Literatur mit Namen wie "Küsten-Strategie - Meerforellen" oder "Angelführer Fünen: Küste und Boot".

Wer es richtig ernst mit der Angelei meint, engagiert Flemming oder einen seiner Kollegen. Die einheimischen Angel-Guides wissen, in welchen Buchten sich die Meerforellen am Liebsten tummeln und an welchen Ufern dichtes Seegras die Köder bremst und einen Fang unmöglich macht.

"Früher verband man mit dem Angeln das Bild von einem älteren Herren, der mit einer Dose Bier am Ufer sitzt und wartet, bis irgendwann ein Fisch anbeißt", sagt Stefan Spahn, Biologe und Geschäftsführer des Verbands Deutscher Sportfischer e.V.. "Angeln galt jahrelang als typische Freizeitbeschäftigung des kleinen Mannes, viele angelten auch um das Haushaltsbudget zu schonen."

Diffizile Königsdisziplin

Mit solchen Klischees haben die modernen Angler nichts mehr gemein. Sie bevorzugen Angelarten wie das Watangeln, bei dem man eingepackt in wasserdichter Kleidung schon mal bis zur Brust im Wasser steht, oder das Fliegenfischen. Gerade die diffizile Königsdisziplin des Angelns erfordert viel Übung und Geschick. Mit einer speziellen Wurftechnik simulieren Könner über der Wasseroberfläche einen Insektenflug. Fliegenfischer-Schulen bieten Spezialkurse zu Themen wie Wurfanalyse, Wurfoptimierung, Trickwürfe und Unterhandwerfen.

Die passenden Angeln dazu kosten - wenn sie aus Edel-Manufakturen wie "House of Hardy" oder "Simms" stammen - mitunter mehr als Tausend Euro. Dazu kommen Angelschnur, Köder, Spezial-Unterwäsche und Socken. Es ist ein lohnendes Geschäft: Hersteller wie Shimano, der für Angler Ruten und Rollen produziert, vermelden kontinuierliche Zuwächse in den vergangenen Jahren.

Etwa 900.000 Angler sind in Vereinen organisiert: 650.000 Mitglieder zählt der westdeutsche Verband Deutscher Sportfischer, weitere 200.000 sind beim ostdeutschen Pendant, dem Deutschen Anglerverband gemeldet. Die hohe Zahl der Mitglieder erklärt sich auch durch die Tatsache, dass wildes Angeln in Deutschland weitgehend verboten ist und über die Vereine organisiert wird.

Wer die Rute auswerfen will, braucht eine kostenpflichtige Erlaubnis, in einem Gewässer zu angeln und einen Fischereischein - ausgenommen sind allein Schleswig-Hostein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, die auch Touristenscheine vergeben, ohne dass zuvor eine Prüfung abgelegt werden musste.

"Der Übungs- und Lernaufwand für einen Fischereischein lässt sich mit dem für den Führerschein vergleichen", erklärt Stefan Spahn. "Dieses System ist weltweit einzigartig. Der Zugang zum Angeln und zu den Gewässern wird Interessierten in Deutschland schwer gemacht." Zudem sind attraktive Fanggründe hierzulande eine Seltenheit.

Fliegenfischen in Patagonien

Viele Seen und Flüsse werden von kleinen Fischen wie Stichlingen oder Moderlieschen bevölkert, in Main und Mosel machen sich derzeit die zugewanderten Schwarzmeergrundeln breit. Allen Fischen ist gemein, dass sie weder am Haken noch auf dem Teller sonderlich viel her machen.

Das unter Sportanglern beliebte "Catch & Release" - das Wettangeln mit dem Ziel, so viele dicke Fische wie möglich aus dem Wasser zu ziehen und diese wieder ins Wasser zurückzusetzen - ist in Deutschland streng verboten. Geangelt werden soll nur für den eigenen Bedarf. "Bei uns gibt es nur kill & grill" witzelt die Gemeinde. Und so boomt derzeit insbesondere der Angeltourismus. Fliegenfischen in Patagonien, Hochseeangeln vor den Seychellen oder Lachsfang in Island gehören zu den Traumzielen.

"Preislich gibt es bei diesen Trips keine Grenze nach oben", sagt Stefan Spahn. Wer es besonders exklusiv liebt, reist schon mal nach Sibirien und lässt sich mit dem Hubschrauber zu den besten Fanggründen fliegen. Noch aber ist das gelobte Land der deutschen Angler ist Norwegen. Dorsche, riesige Heilbutte und der König der Fische, der Lachs, tummeln sich in den Küstengebieten. Dass die Anreise mit dem Auto weit, die Versorgung mit Lebensmitteln vor Ort - außer mit Fisch natürlich - schwierig ist, stört nur wenig.

Ein Platz für die Beute

"Der touristische Markt ist sehr interessant, weil er sich derzeit von den passionierten Sportanglern weg zu den Freizeitanglern entwickelt", sagt Lars Berding, begeisterter Hobbyangler und Projektmanager bei dem Ferienhausanbieter "Novasol". Etwa 2700 Anglerhäuser hat das Unternehmen derzeit im Programm und es sollen noch mehr werden. "Stark im Kommen ist gerade Slowenien, dort gibt es tolle Gebiete fürs Fliegenfischen", erklärt Berding. Zu den Anglerhäuschen gehört oftmals ein Bootssteg und ein Boot, wichtiger aber ist den Urlaubern ein Filetierplatz zum Zerlegen der Fische, eine geräumige Tiefkühltruhe für ihre Beute und ein Raum, in dem sie ihre nassen Sachen trocknen können.

Die deutsche Anglergruppe in Dänemark schafft es an diesem Vormittag nicht, ihre Tiefkühltruhe aufzufüllen. Vier Stunden lang werfen sie ihre Angeln aus, holen sie ein und laufen einen Meter weiter zur Seite, um die Köder erneut ins Meer zu werfen. "Abfischen" nennt man diese Technik, die die Chance auf einen Fang erhöht.

Nach vier Stunden haben die Angler zwar drei Meeresforellen behutsam aus dem Wasser gezogen und fotografiert. Doch die Fische weisen eine dunkle Verfärbung am Bauch auf, die zeigt, dass sie laichbereit sind. Um die Bestände zu schonen sollten sie nicht geangelt werden. Die Männer setzen sie ins Wasser zurück. "Das ist gut so. Die Dänen denken immer nur an ihren Hunger, die Deutschen sind verantwortungsbewusst", findet Angel-Guide Flemming. "Deutsche Angler sind gute Angler." Das sieht man mittlerweile in vielen Ländern ähnlich.

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