Dienstag, 28. Januar 2020

Frankreich Le Coeur de la Corse

Corte: Korsikas schroffes Herz
TMN

Bullis auf Küstenstraßen, Campingplätze am Meer: Viele glauben, Korsika zu kennen. Doch das ist ein Irrtum. Das Herz der französischen Insel schlägt in Corte.

Corte - Wo die Flüsse Tavignano, Restonica und Orta zusammenfließen, liegt Corte. Korsikas alte Inselhauptstadt ist die Wiege der Unabhängigkeitsbewegung - aber kein Freilichtmuseum, sondern ein lebendiger Ort mit knapp 7000 Einwohnern, viele von ihnen Studenten. Denn in Corte steht die einzige Universität der Insel.

Wer die Nationalstraße 193 verlässt, um in die Stadt zu fahren, kommt am Campus der Université de Corse Pasquale Paoli vorbei. Sie ist nach ihrem Gründer benannt. Paoli richtete auf Korsika von 1755 bis 1769 ein funktionierendes Gemeinwesen ein und rief die Republik aus. Doch Genua verkaufte Korsika 1768 an Frankreich. Ein Jahr später schlugen die Franzosen die korsische Armee. Die Unabhängigkeit war dahin, und Paoli ging ins britische Exil.

Die kleine, aber geschäftige Place Paoli ist mit ihren Cafés und Restaurants so etwas wie der Stadtmittelpunkt. Von ihr geht der gleichnamige Cours mit seinen alten Bürgerhäusern ab. Hier finden sich Bäckereien, die Spezialitäten mit dem mild aromatischen Kastanienmehl der Insel backen: fondant aux châtaignes, einen süßen Kuchen, oder canistrelli, die knusprigen Kekse der Korsen.

Über der Place Paoli liegt die Altstadt mit der Place Gaffori und der Place Saint-Théophile. Darüber thront die Zitadelle. Gianpietro Gaffori (1704 - 1753) ist ein zweiter Name, der in Corte allgegenwärtig ist. Noch vor Paoli organisierte er den Widerstand gegen die Besatzer aus Genua. Ihm hat man auf dem gleichnamigen Platz ein Denkmal gesetzt. Von den einstigen Kämpfen zeugen noch heute die Einschusslöcher in den Hauswänden.

Rampen und Badegumpen

Weiter oben, unterhalb der Zitadelle steht der Palais National, einst Regierungssitz des unabhängigen Korsikas. Die mit Flusskieseln gepflasterten Gassen sind hier so abschüssig, dass sie treffend Rampen heißen. Links und rechts davon liegen verschachtelte Häuschen. Geduckte Hauseingänge mit Marienstatuen über dem Türstock zeugen von der tiefen Gläubigkeit ihrer Erbauer. Wo sich zwischen den dicht gedrängten Häusern freie Sicht ergibt, fällt der Blick auf blauen Himmel und Bergkuppen.

Die Zitadelle errichteten französische Truppen 1769 um ein Schloss aus dem Jahr 1419 herum, nachdem sie Paolis Truppen geschlagen hatten. Besonders gut ist der Blick auf die Festung vom Aussichtspunkt Belvédère aus. Innerhalb der Zitadelle findet sich neben Kunst- und Kulturzentren das Musée de la Corse. Hier können Besucher einiges über die korsische Kultur erfahren - zum Beispiel über die Bedeutung der Bruderschaften. Mehrere Dutzend dieser religiösen Confréries mit ihren bekannten Karfreitagsprozessionen und mehrstimmigen Gesängen gibt es auf der Insel.

Viele Corte-Besucher haben schwere Wanderstiefel an den Füßen. Denn die Stadt ist idealer Ausgangspunkt für Wanderungen ins Zentralmassiv. Von hier aus geht es zum Beispiel in die Tavignano-Schlucht, wo nach sechs Kilometern Badegumpen - kleine Seen - zur Erfrischung warten. Etwas anspruchsvoller ist eine Wanderung durchs Restonicatal und weiter zum Melo- und Capitello-See. Auch der höchste Berg der Insel, der gut 2700 Meter hohe Monte Cinto, liegt nur wenige Kilometer entfernt.

Dirk Averesch, dpa

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