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Helsinki: Das Design bestimmt das Bewusstsein

Foto: Visit Helsinki

Designmetropole Helsinki Außen grau, innen Schau

In diesem Jahr darf sich Helsinki als Welthauptstadt des Designs bezeichnen. Zu kaum einer anderen Stadt passt der Titel besser: Finnisches Design ist praktisch, funktionell - und ein absoluter Exportschlager. Ein Reisebericht von mmo-Autorin Kirsten Schiekiera.
Von Kirsten Schiekiera

Helsinki - Wenn man etwas über Finnland und die Liebe seiner Bewohner zum Design erfahren möchte, dann ist es keine schlechte Idee, einen Stadtbummel bei "Ivana Helsinki" zu beginnen. Das Haus, in dem sich die Boutique befindet, ist schiefergrau und architektonisch so unauffällig wie die meisten Häuser der finnischen Hauptstadt. Im Inneren aber lassen knallige Farben und Muster die Pupillen tanzen.

Riesige Wellenlinien in Orange und Weiß ziehen sich über einen schwarzen Vorhang, davor hängen Kleider und Blusen aus demselben Stoff. Hinter der Kasse ein wildes Durcheinander aus Fliesen in Blau, Türkis, Lila, Rot und Braun. Würde Verkäuferin Hanna eine karierte Bluse tragen - wahrscheinlich würde einem schwindelig. Die Wahl ihrer Garderobe scheint kein Zufall zu sein: In ihrem dezenten schwarzen Kleid ist sie einer der wenigen optischen Ruhepole im Laden. "Uns interessiert nicht, ob gerade die Farbe Gelb in ist oder nicht", sagt Hanna. "Wir machen Kleider, die zeitlos sind. Wenn sie einem gefallen, dann gefallen sie einem auch noch in fünf oder zehn Jahren."

Und tatsächlich wirken die Kleider und Blusen auf den Bügeln, als seien sie aus der Zeit gefallen: Knalliger 70iger-Jahre-Chic, kombiniert mit edlen Naturmaterialien. Man kann sich die weiten Schnitte gut an modebegeisterten Kunststudentinnen vorstellen, sie würden aber auch einer eigenwilligen Greisin stehen. Entworfen werden die Stücke von der Designerin Paola Suhonen, die auch als Fotografin und Musikerin arbeitet und derzeit in Los Angeles Film studiert.

Die umtriebige Künstlerin entwirft zudem Kosmetikverpackungen und Rauchmelder in der Form von gigantischen Stubenfliegen. Egal, ob man die Mode von "Ivana Helsinki" nun liebt oder nicht - bei einem Besuch wird einem klar: Hinter den tristen Betonfassaden Helsinkis verbirgt sich Kunterbuntes. Design wird als eine eigenständige Kunstform betrachtet.

Den finnischen Minimalismus versteht man überall auf der Welt

In diesem Jahr wurde Helsinki vom "International Council of Societies of Industrial Design" zur "World Design Capital" gewählt. Design und das dazu passende Bewusstsein begegnen dem Besucher an jeder Ecke, in jedem Moment. Was immer in einem Restaurant auch gekocht wird, es landet auf wohl geformten Tellern aus hochwertigem Porzellan. Die zarten Weingläser auf dem Tisch sind von unnahbarer Eleganz, daneben stehen hellblaue geriffelte Wassergläser. Entworfen wurden sie in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Aino Aalto, der Ehefrau von Finnlands Design-Legende Alvar Aalto. Noch immer gehört die berühmte Savoy-Vase von Alvar Aalto zu den Verkaufsklassikern der Firma "Iittala", sein dreibeiniger Hocker Nr. 60 ist seit Jahrzehnten ein Exportschlager.

In Helsinki Bars und Hotel-Lounges stehen die futuristischen Sessel von Eero Aarnio, hinter den Fenstern in Wohnhäusern schimmern die bunten großformatigen Stoffmuster von Marimekko. Die Menge an Design-Klassikern, mit denen sich die Finnen umgeben, ist dabei genau so beachtlich wie die Tatsache, dass jeder weiß, von wem die einzelnen Objekte entworfen wurden.

Was macht finnisches Design so erfolgreich? "Es ist die Schlichtheit, der Minimalismus, den man auch bei japanischem Design findet. Unsere Designsprache ist so erfolgreich, weil sie in der ganzen Welt verstanden wird", sagt Teemu Suviala, einer der wichtigsten jungen Designer Finnlands.

Im Design-Museum erklärt man den Siegeszug auch mit der Historie des Landes: Nach dem zweiten Weltkrieg musste das Land 450.000 Flüchtlinge aus Karelien aufnehmen. In Rekordzeit wurden neue Stadtviertel hochgezogen, der neu geschaffene Wohnraum musste ebenfalls in Rekordzeit mit Möbeln und Utensilien gefüllt werden. Das habe die finnischen Designer erfinderisch gemacht, aber auch gezwungen, Materialien sparsam und intelligent einzusetzen.

Gemeinschaftssauna und Nachbarschaftsgarten

Vielleicht liegt es auch ein wenig an den langen Wintern und dem gefürchteten finnischen Dauerregen, der es in diesen Gefilden besonders nötig macht, dass man sich ein behagliches Heim schafft. Auch das Stadtbild kommt ohne dekorative Schnörkel und Angeberei aus. Abgesehen von dem reichen Jugendstilviertel Töölö herrscht in den meisten Straßen ein wilder Architektur-Mix. Die Häuser sind nicht sonderlich hoch, die Straßen von zahlreichen Bäumen umsäumt. Immer wieder tauchen kleine und große Grünflächen auf.

Einen umwerfenden Ausblick auf die Stadt hat man vom Südhafen aus. Hinter dem Präsidentenpalais und dem Stadtmuseum ragen die weißen Türme und die grün schimmernden Kuppeln des Doms hervor, schaut man ein wenig nach rechts, dominiert eine andere Kirche, die russische Uspenski-Kathedrale, die Szenerie.

Helsinki ist vielleicht keine Schönheit auf den ersten Blick, aber eine Stadt, in der man sich schnell wohl fühlt. Derzeit befindet sich augenscheinlich die halbe Stadt im Umbau. Stadtplaner und Politiker rechnen damit, dass in der 600.000-Einwohnerstadt im Jahr 2030 etwa 900.000 Menschen leben werden. Drei Industriehäfen wurden an den Rand der Stadt verlegt, auf sieben Millionen Quadratmetern Hafengelände, aber auch in anderen Stadtgebieten sollen 50.000 neue Wohnungen entstehen.

Rund um das Gelände der ehemaligen Arabia-Keramikfabrik wurde das neue Vorzeige-Stadtviertel Arabianrata (Strand Arabiens) errichtet, das Familienleben, Kunst, Design und Wissenschaft miteinander vereinbaren will. Dort gibt es eine Gemeinschaftssauna und einen Nachbarschaftsgarten für Anwohner. Die Straßen in dem nagelneuen Quartier tragen die Namen berühmter finnischer Designer. Die alte Kabelfabrik der Firma Nokia wird für künstlerische Projekte genutzt, genau wie der ehemalige Schlachthof, in dem vor Kurzem ein Szene-Restaurant aufgemacht hat.

Der neue Stolz Helsinkis aber ist die "Chapel of Silence": Eine Holzkirche, die aussieht wie ein Schiff, das auf den zugigen Narinkka-Platz aufgelaufen ist. Gottesdienste oder Zeremonien werden dort nicht abgehalten, doch Pastoren und Sozialarbeiter spenden Trost und haben ein offenes Ohr für die Probleme der Besucher.

Viele neue Bauwerke wollen eine Verbindung schaffen zwischen Tradition, Moderne und den Bedürfnissen der Anwohner - an diesem kleinen, magischen Ort in der Innenstadt aber ist es gelungen. Von außen betrachtet sieht die Kapelle aus wie ein hölzernes Raumschiff, im Inneren aber befindet sich ein heller Raum, der den Besucher umschließt und zu schützen scheint wie ein Kokon. "Man kann dieses Gebäude nur von Innen heraus verstehen", sagt der Architekt Mikko Summanen. Das macht den auffälligen Bau dann wiederum doch zu einem typischen Gebäude der finnischen Hauptstadt.

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