Dienstag, 23. Juli 2019

Zu Tisch in Wales Seetangbrei und Schweineherz

Wales: Delikatessen für Mutige
TMN

Essen in Wales ist ein kleines Abenteuer. Denn dort kommt schon mal Laverbread, ein Brei aus Seetang, auf den Tisch oder Fleischbällchen aus Schweineherz und -leber. Doch mit süßen Sachen wie Bara Brith und Welsh Cakes ist man auf der sicheren Seite.

Swansea - Ein bisschen Mut gehört dazu, den dunklen Brei zu probieren. Für Besucher von außerhalb zumindest. Denn jeder echte Bewohner von Wales liebt das "Laverbread", den dicken Brei aus Seetang. In Wales ist er eine Delikatesse. Carol Watts verkauft das heimische Schmankerl seit zwölf Jahren. Davor haben schon ihre Großeltern das Laverbread unter die Bewohner Swanseas gebracht.

Die Stadt an der Südküste von Wales beherbergt den größten Indoormarkt des Landes. Dort hat auch Watts ihren Stand. Gerne verrät sie den Touristen, wie die Waliser ihren Seetang am liebsten essen. "Am besten schmeckt das Laverbread, wenn es in Speckfett und Zwiebeln angebraten wird", schwärmt sie.

Vorher aber muss das Algengewächs gute zehn Stunden vor sich hin köcheln. Hat es das heiße Bad überstanden, genießt der Waliser es in allen Varianten: "Es kann heiß oder kalt gegessen werden, auf Toastbrot oder alleine" - beziehungsweise als Beilage eines echten Welsh Breakfast, mit Rührei, Bohnen und Würstchen. Dann kann das Laverbread das recht fettige Frühstück sogar mit einem positiven Nebeneffekt für die Gesundheit ausgleichen: "Laverbread ist sehr gesund, es ist extrem eisenhaltig", schwärmt Watts.

An ihrem Stand verkauft sie auch die zweite einheimische Delikatesse: Cockles - Herzmuscheln. "Unsere Cockles stammen aus Penclawdd, in der Gower Peninsula. Dort werden sie noch immer per Hand gesammelt, das übernimmt keine Maschine." Für viele Bewohner von Swansea ist es zur guten Tradition geworden, mit einem randvoll gefüllten Becher Muscheln in der Hand über den Markt zu spazieren.

Bara Brith, Cawl und Crempogs

Gegenüber von Watts Stand duftet es nach Frischgebackenem. Dort steht Jill Wade und verkauft "Welsh Cakes", die etwas süßere unter den walisischen Spezialitäten. Die Backwaren sehen aus wie kleine Pfannkuchen, mit Rosinen bestückt und mit Puderzucker verziert. "Mehl, Butter, Zucker, Eier und Früchte", zählt Jill Wade die Zutaten auf, die ihren Weg in die Welsh Cakes finden. Frisch gebacken auf einer Steinplatte, zieht ihr Duft durch die große Markthalle. "Am besten schmecken sie nach dem Mittagessen mit einer Tasse Tee oder in Kaffee gedippt", sagt Wade.

Zur Teatime ist neben den Welsh Cakes ein anderes Gebäck traditionell vertreten: das Bara Brith. Dabei handelt es sich um ein Früchtebrot - aus Restbeständen. Teig, der vom Brotbacken übrig bleibt, wird mit Früchten gespickt, die über Nacht in kaltem Tee gelegen haben. Das fleckige Brot, so lautet die Übersetzung, essen die Waliser mit einer ordentlichen Schicht Butter.

Eine der Hauptmahlzeiten des kleinen Landes zwischen England und Irischer See ist das Cawl, "eine Gemüse- und Fleischsuppe, die mit schlichtem Cheddarkäse und Brot gegessen wird", erklärt Elisabeth Luard. Die Kochbuchautorin aus West Wales hebt hervor, dass die regionalen Unterschiede in Wales sehr ausgeprägt sind. "Der Norden von Wales ist traditionell ärmer, dort enthält das Cawl weniger Fleisch und Käse." Das Regionale der Küche gilt auch für andere Mahlzeiten und Zutaten. "Es ist von Tal zu Tal verschieden. Alle drei Regionen - der Süden, die Mitte und der Norden - haben unterschiedliche Bezeichnungen für Gerichte und unterschiedliche Arten, sie zuzubereiten", erläutert Luard.

"Im Süden ist die Küche traditionell stärker mit der englischen verwandt, mit vielen Ofengerichten, wie Braten und Pies." In der Mitte von Wales ist die Fischerei stark vertreten. "Wir haben guten Fisch und Muscheln, immerhin hat Wales enorm viel Küste", erklärt Nerys Howel, die in Cardiff eine Marketingagentur für walisische Köstlichkeiten betreibt. "Allerdings werden 90 Prozent der Muscheln nach Frankreich und Belgien exportiert", fügt sie hinzu.

Der Whisky macht Lust auf neue Spezialitäten

Zwei weitere typische Gerichte sind Crempogs und Faggots. Crempogs sind Pfannkuchen, kleiner und dicker als das französische Pendant, das Crêpe. Wie die Welsh Cakes werden sie auf einer Steinplatte oder über offener Flamme gebacken, traditionell an Geburtstagen. Faggots hingegen sind nichts für den süßen Zahn. Die Hackbällchen bestehen aus Schweineherz und Schweineleber und sind mit einem Fettnetz aus dem Darm umwickelt.

In der großen Markthalle von Swansea verkauft Jonathan Mills Käse aus lokaler Herstellung. Viele seiner Käse stammen von der Snowdonia Cheese Company, benannt nach einem berühmten Nationalpark des Landes. Einer der beliebtesten Käse kommt allerdings aus Caerphilly, nördlich von Cardiff. "Caerphilly ist sehr mild, vielleicht ein bisschen bitter", beschreibt Mills den Geschmack. Bis vor kurzem hatte Mills auch einen Käse im Sortiment, der mit Laverbread gespickt war.

Nach dem recht herzhaften Essen genehmigt sich der Waliser gerne einen Drink. "Wir haben viele Brauereien hier, vor allem dunkles Ale ist bei uns beliebt", erklärt Howel. Als Absacker dient ein heimischer Whisky, der Penderyn, der mit Wasser aus dem Brecon Beacons National Park gebraut wird. Wer genug davon trinkt, hat eine Entschuldigung dafür, den Kater am nächsten Tag mit den vielen herzhaften und süßen Spezialitäten zu bekämpfen.

Lea Sibbel, dpa

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