Donnerstag, 27. Juni 2019

Wendelsteinbahn Ein Denkmal für den Geheimrat

2. Teil: Geschäftstüchtiger Erbe

Der junge Mann von 24 Jahren erwies sich als äußerst geschäftstüchtig, investierte in die Holzindustrie, errichtete ein Dampfsägewerk und eine Ziegelei, baute Brücken über den Inn oder unter die Gleise der Jungfraubahn in der Schweiz. In Bosnien erwarb er riesige Wälder und erschloss sie mit eigenen Waldbahnen, die später der bosnischen Eisenbahn gute Dienste leisten sollten.

Vom Prinzregenten Luitpold erhielt Steinbeis 1910 die Konzession, eine Zahnradbahn auf den Wendelstein zu errichten - samt Kraftwerk. Sechs Wochen später begann der Bau, zwei Jahre später, am 25. Mai, war Eröffnung.

800 Serben und Kroaten sollen damals, nur mit Pickel, Schaufel und Sprengstoff bewaffnet, dem Berg die 9 Kilometer lange Strecke abgerungen haben - Tunnels und meterhohe Stützmauern inklusive. Die Zahnstange, also das zwischen den Schienen liegende Gegenstück zu den Zahnrädern des Zugs, kam aus der Schweiz. Die Bestellung umfasste gerade einmal anderthalb Seiten, wie Vogt erzählt. In 100 Jahren sei das Metall nur um 2 Millimeter dünner geworden. Die Züge mit jeweils zwei Waggons wurden von der Maschinenfabrik Esslingen geliefert. Heute fahren neue Züge aus Metall, doch werden die Oldtimer noch für historische Fahrten genutzt.

Immer viel Betrieb

30 Stundenkilometer bergwärts, 15 Stundenkilometer talwärts (wegen des langen Bremswegs), so geht es seit hundert Jahren. Lawinen, Sturm, Steinschlag - der Berg hat den Eisenbahnern immer wieder Respekt abgerungen, doch einen tödlichen Unfall unter den Passagieren hat es nie gegeben.

35.000 von ihnen soll die Zahnradbahn schon im ersten Jahr angelockt haben. Bis zu 100.000 sollen es in der Nazizeit gewesen sein, als das Programm "Kraft durch Freude" die Gäste in Scharen auf den Berg jagte. Immer war die Bahn in Betrieb. Ob Weltkrieg oder Weltwirtschaftskrise - die Menschen fuhren stets in Massen auf den Wendelstein, diesen der Alpenkette vorgelagerten Bergkegel von 1838 Metern, einem etwas launischen Einzelgänger, bewohnt von Dohlen, Kolkraben, Gämsen und Murmeltieren.

Am Wochenende kommen die Wanderer und die Ausflügler, weil hier der Blick so schön ist: von der Kampenwand im Osten bis in die Allgäuer Alpen tief im Westen. Zwei Skilifte sind außerdem in Betrieb, doch es brummt nicht mehr wie in den fünfziger bis siebziger Jahren. Es mangelt an Schnee.

Schon 1883 war hier das Wendelsteinhaus entstanden, ab 1903 wurde es ganzjährig bewirtschaftet. Otto von Steinbeis errichtete daneben ein feines Hotel mit 60 Betten - direkt über dem Bahnhof seiner Zahnradbahn. Der berühmte Münchner Villenarchitekt Immanuel von Seidl ersann die passende Jugendstilarchitektur. Gegen Kriegsende sollen Ingenieure der Wunderwaffe V2 hier untergebracht worden sein; die wurden 1945 von den Amerikanern gleich mitgenommen in die USA. Heute beherbergt das Haus nur noch Eigentumswohnungen für Wochenendgäste aus München.

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