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Rheinsberg: Wo der alte Fritz als junger Prinz glücklich war

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Rheinsberg Die Bilderbuch-Stadt

In Rheinsberg war der junge Friedrich lange glücklich, als er noch nicht der Große, sondern ein kleiner Prinz war. Kurt Tucholsky verfasste nach einem wesentlich kürzeren Aufenthalt sein berühmtes Buch. Im Doppeljubiläumsjahr erinnert ein ambitioniertes Programm an beide Männer.

Rheinsberg - Durch die kleine Stadt im nördlichen Brandenburg fließt der beschauliche Rhin. Am Rheinsberger See gibt es einen Badestrand, am Grienericksee steht sogar ein Schloss. Es lohnt einen Besuch - in diesem Jahr mehr denn je. Denn es stehen gleich zwei Jubiläen an. Sie haben mit zwei Persönlichkeiten zu tun, die gar nicht unterschiedlicher sein könnten: mit Friedrich dem Großen und Kurt Tucholsky, der als Schriftsteller durchaus auch eine Größe war.

Der erste führte lang und ausgiebig Kriege, der zweite war Pazifist. Der eine preußischer König, der andere überzeugter Gegner der Monarchie. Beide haben trotzdem eines gemeinsam: die Liebe zu Rheinsberg. Friedrich II., der vor 300 Jahren geboren wurde, verbrachte dort die glücklichste Zeit seines Lebens, als er frisch verheiratet und noch unbelastet von Regierungspflichten in der Provinz selbst bestimmen konnte, wie sein Tagesablauf aussah - Kaffee trinken und Flöte spielen gehörten fast immer dazu. Kurt Tucholsky verewigte das Städtchen in seinem allerersten und ausgesprochen erfolgreichen Buch "Rheinsberg", das vor genau 100 Jahren erschienen ist.

Das "Bilderbuch für Verliebte", wie der Untertitel lautet, ist nicht nur eine Liebeserklärung der Hauptfigur Wolfgang an seine Claire, sondern auch eine des Autors an die kleine Stadt, die schon im Kaiserreich als beliebtes Ausflugsziel galt. Wie zum Postkartenmotiv bestimmt, liegt Schloss Rheinsberg am Ufer des Grienericksees. Ursprünglich war es eine Wasserburg mit nur einem Turm - heute ist es die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt.

Kurt Tucholsky beschreibt es in seinem Buch ausgesprochen idyllisch: "Das Schloß leuchtete weiß, violett funkelten die Fensterscheiben in hellem Rahmen, von staubigen Lichtern rosig betupft, alles spiegelte sich im glatten Wasser."

Hauptsache weit weg von Berlin

Aber auch für Friedrich den Großen war Rheinsberg ein Ort zum Wohlfühlen: Sein ungeliebter Vater, der Soldatenkönig, hatte es für ihn gekauft. Aus Friedrichs Sicht bot Rheinsberg nicht zuletzt den Vorteil, weit weg von Berlin zu sein. "Am Hof beim Soldatenkönig war sowieso nichts los", sagt Helma Heldt, Kastellanin des Schlosses im Auftrag der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. "Mit der Kutsche brauchte man von dort sieben bis neun Stunden. Und wenn sie ankam, war das Pferdegetrappel schon von weitem zu hören."

Friedrich lebte von 1736 bis 1740 in Rheinsberg - und schenkte das Schloss später seinem jüngeren Bruder Heinrich. "Viele denken, er hat hier andauernd tolle Feste gefeiert", sagt Heldt. "Aber er war noch Kronprinz, kein König. Das heißt, er hatte kein Geld, der Vater ermahnte ihn ständig zu Sparsamkeit." Friedrich ließ das Schloss allerdings nach seinen Plänen umbauen, einen Park anlegen, im Garten Obstbäume und Rosen pflanzen und probte damit in gewisser Hinsicht schon einmal für Sanssouci in Potsdam. Aber das bedeutete auch: "Das Schloss war bis zum Schluss eine Baustelle."

Gestört hat ihn das offensichtlich nicht. Dass er das Landleben tausend Mal lieber habe als das Leben in der Stadt, schrieb er seiner Lieblingsschwester Wilhelmine. Schließlich konnte er hier musizieren, Bücher lesen, philosophieren - all das, was der intellektuell eher schlichte Vater so verabscheute. Angeblich soll er sogar eine Affäre mit einer Försterstochter namens Sabine gehabt haben - das gehört aber ziemlich sicher ins Reich der Legenden.

Das Schloss steht seit 1991 Besuchern offen. Von 1953 bis 1990 war es ein Sanatorium für Diabetiker. "Auf dem Foto hier sieht man noch einen Essenswagen stehen", sagt Helma Heldt. "Die Essenausgabe war in Prinz Heinrichs früherem Schlafzimmer." Inzwischen sieht vieles wieder aus wie im 18. Jahrhundert. Der Spiegelsaal ist erst seit Kurzem wieder zugänglich, die Originaldielen sind freigelegt, die Schnitzereien an den Spiegelrahmen restauriert worden.

Ein Flötenkonzert für Friedrich

Ab dem 4. August ist im Schloss die Ausstellung "Friedrich ohne Ende" zu sehen. Das Bachuskabinett stellt den Kronprinzen dann als Baumeister vor. In seinem Arbeitszimmer, in dem er den "Antimachiavell" geschrieben hat, soll eine Erstausgabe des Buches gezeigt werden - zusammen mit Briefen aus seiner Feder an Voltaire.

Im Rittersaal werden Zeichnungen und Gemälde von Elisabeth Christine ausgestellt, Friedrichs junger Frau, die in der Rheinsberger Zeit extra Malunterricht nahm, um dem künstlerisch ambitionierten Gatten zu gefallen. Auch der Garten, den Friedrich anlegen ließ, wird einbezogen. Obst, das hier gezogen wurde, ließ der Kronprinz seinem Vater nach Berlin schicken - um gute Stimmung zu machen.

Das auch sonst sehenswerte Tucholsky-Museum, das im Schloss seinen Platz gefunden hat, zeigt zeitgleich eine ergänzende Ausstellung, die sich mit den Nachwirkungen des jungen, schon bald verklärten Hohenzollern-Sprösslings bis in die Gegenwart beschäftigt, wie der Leiter des Museums, Peter Böthig, erläutert. Sie soll illustrieren, wie der Kronprinz in der bildenden Kunst und der Literatur oder auch im Schulbuch dargestellt wurde. Und welche Rolle er für die touristische Vermarktung der Region spielte - sein Gesicht musste er unter anderem für Schokoladen- und Bierwerbung hergeben.

Aber dass ausgerechnet das Tucholsky-Museum an den preußischen Paradekönig erinnert - passt das? "Tucholsky hat den aufgeklärten Geist durchaus respektiert", sagt Böthig. Und dass er sein Rheinsberg-Buch gerade 1912 veröffentlicht hat, sei sicher auch kein Zufall. Dahinter steckte wohl das Kalkül, etwas mehr Aufmerksamkeit abzubekommen im damaligen Friedrich-Jubeljahr. Der 200. Geburtstag des Preußenkönigs wurde schließlich noch ohne das Wissen um das baldige Ende von Preußens Glanz und Gloria gefeiert.

Die Feiern in diesem Jahr legen den Schwerpunkt auf die Kultur: Bei den Rheinsberger Musiktagen vom 25. bis 28. Mai steht der musikliebende Preußenkönig mehrfach im Mittelpunkt. Am Pfingstsonntag, 27. Mai, lädt die Musikakademie Rheinsberg zu "300 Flöten für Friedrich" ein: Auf den Freitreppen des Schlosses, am Marstall und im Heckentheater zum Beispiel soll es dann ein Flötenkonzert zu Friedrichs 300. Geburtstag geben - gefallen hätte ihm das sicher.

Andreas Heimann, dpa
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