Samstag, 21. September 2019

Jungfraubahn im Berner Oberland Tunnelstopp im Eismeer

Jungfraubahn: Aufstieg in die Glitzerwelt
TMN

Mehr als die Hälfte der Strecke liegt im Tunnel, aber den U-Bahn-Vergleich mögen Zugführer der Jungfraubahn gar nicht. Vor 100 Jahren wurde sie eröffnet. Heute kommen vor allem Asiaten - denen die Tunnelfahrt oft unheimlich vorkommt.

Jungfraujoch - Thomas Lanz muss für alles gewappnet sein. Triebfahrzeuge muss der Zugführer unterwegs reparieren können, nach Schneefällen wird er im Schneeräumdienst eingesetzt, seine Kenntnisse in Erster Hilfe sind genauso gefragt wie Fingerspitzengefühl bei der psychologischen Betreuung von Fahrgästen - wenn wieder einmal Touristen aus Asien die lange Tunnelfahrt unheimlich wurde. "Memmen haben hier oben nichts zu suchen", meint er mit einem Lachen.

765.000 Touristen kamen im vergangenen Jahr mit der Zahnradbahn zum Jungfraujoch, Europas höchstgelegenem Bahnhof auf 3454 Metern über dem Meer. Die Eröffnung der Jungfraubahn am 1. August 1912 markierte endgültig den Beginn des Massentourismus im Berner Oberland. Die eisenbahntechnische Pionierleistung hat das markante Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau erst weltberühmt gemacht.

50 Minuten dauert die Fahrt vom Ausgangspunkt auf der Kleinen Scheidegg auf 2061 Metern hinauf an den Ursprung des Großen Aletschgletschers. Auf der zwölf Kilometer langen Strecke überwindet die Zahnradbahn rund 1400 Höhenmeter. Mehr als die Hälfte liegt im Tunnel. Den Vergleich mit einem U-Bahn-Fahrer will Thomas Lanz aber gar nicht hören.

Auf 2865 Höhenmetern legt der rote Zug im Tunnel an der Station Eigerwand den ersten Zwischenstopp ein. Für fünf Minuten können die Fahrgäste sich die Beine vertreten. Der Blick schweift aus einem der drei Panoramafenster mitten in der Eiger-Nordwand hinab ins Tal bis nach Grindelwald und weiter nach Interlaken.

Freier Blick auf die bizarre Eis- und Gletscherwelt

Beim nächsten Tunnel-Stopp auf 3160 Meter Höhe an der Station Eismeer hat man freien Blick auf die bizarre Eis- und Gletscherwelt auf der Rückseite von Eiger, Mönch und Jungfrau. Noch bevor der Stollen der Jungfraubahn bis zum Jungfraujoch getrieben wurde, diente die Station Eismeer ab dem 25. Juli 1905 als vorläufige Endstation.

Die bis dahin verschlossene Glitzerwelt aus Eis und Schnee öffnete sich für immer mehr Touristen. Mit einheimischen Bergführern unternahmen die Wagemutigen kleine Gletschertouren. Erfahrene Alpinisten brachen vom Eismeer auf zu berühmten Bergtouren, wie der Eiger-Ostroute. Tourenskifahrer starteten zu den legendären Eismeer-Skiabfahrten hinab nach Grindelwald.

Doch all diese Eindrücke sind nur ein Vorspiel für den eigentlichen Höhepunkt der Zugreise mit der Jungfraubahn. Nach der Ankunft auf Europas höchstem Bahnhof auf dem ganzjährig mit Schnee bedeckten Jungfraujoch streben die Fahrgäste sofort auf die Aussichtsplattformen. Bei gutem Wetter haben sie einen Panoramablick auf 200 Alpengipfel. Nach Süden hin erstreckt sich der Große Aletschgletscher - mit 22 Kilometern der längste Gletscher in den Alpen. An klaren Tagen reicht die Sicht gen Norden bis in die Vogesen und zum Schwarzwald.

Zwei Drittel der jährlich bis zu 765.000 Fahrgäste kommen aus Asien. Tendenz steigend. Sie alle wollen sich vor der majestätischen Kulisse der Jungfrau ablichten lassen. Obwohl Lokführer Lanz fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch spricht, reicht das heute nicht mehr aus. "Immer mehr Inder, Chinesen und Russen fahren mit uns. Da muss ich wohl bald weitere Sprachen lernen", feixt der Eidgenosse.

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