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Savoyen: Auf Rousseaus Spuren wandern

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Auf Rousseaus Spuren Liebesnester im Frühnebel

Ein Landhaus bei Chambéry war sein erstes Liebesnest.  Der in Genf geborene Philosoph und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau hat im ostfranzösischen Savoyen seine Lehr- und Wanderjahre verlebt. Hier streifte er durch die Wälder und holte sich Inspirationen für seine Werke.

Chambéry - Der Blick schweift über das weite Tal, hinüber zu den schneeweißen Alpengipfeln. Nach einem gemächlichen Anstieg durch den Wald lädt eine sonnenbeschienene Wiese zum Ausruhen. Die Gedanken fliegen umher, Ideen sprießen wie die Gräser am Wegesrand. So muss es auch Jean-Jacques Rousseau empfunden haben, der in seiner Jugend die Chartreuse durchstreifte, die herrliche Voralpenlandschaft zwischen Chambéry und Grenoble. Hier habe er sich als junger Mann seinen "Vorrat von Ideen" angelegt, aus dem er für seine späteren Schriften schöpfte, schrieb er später.

"Ich brauche Bäche, Felsen, Tannen, dunkle Wälder, Berge, schroffe Pfade, die ebenso schwer zu erklettern wie hinabzusteigen sind, Abgründe auf beiden Seiten, die mir Angst einjagen. Diese Wonne hatte ich und empfand sie in ihrem ganzen Zauber, als ich mich Chambéry näherte", erzählt er in seinen "Bekenntnissen", den etwa 1000 Seiten langen Memoiren.

Ein Mann voller Brüche und Widersprüche ist Rousseau: Ein gebürtiger Schweizer, der zum Vater der Französischen Revolution wurde. Verfasser eines epochalen Werkes über Kindererziehung, der seine eigenen fünf Kinder im Findelhaus abgab. Wegbereiter der Menschenrechte, der in seinem "Gesellschaftsvertrag" von der Gleichheit der Menschen sprach, aber auch behauptete, dass Frauen dazu geschaffen seien, den Männern zu gefallen, nützlich zu sein und ihnen das Leben angenehm zu gestalten.

Jean-Jacques Rousseau wurde am 28. Juni vor 300 Jahren geboren - und die Schweiz und Frankreich übertrumpfen sich in diesem Jahr gegenseitig mit Gedenkfeiern und Veranstaltungen. Die Region Rhône-Alpes hat ein Themenjahr Rousseau eingeläutet und bietet das ganze Jahr über Vorträge, Theaterstücke, Konzerte, Führungen und Wandertouren an.

Verwunschene Tore in die Vergangenheit

In Genf kam er zur Welt, in Chambéry verbrachte er die glücklichsten und zugleich prägendsten Jahre seines Lebens. In dem Städtchen mit seinen trutzigen Herrschaftshäusern und charmanten Passagen lässt es sich gut auf den Spuren des Philosophen wandeln.

Auf den ersten Blick wirkt die Rue Croix d'or wie eine gewöhnliche Fußgängerzone, in der sich kleine Geschäfte aneinanderreihen. Doch hier und da tut sich ein Tor in die Vergangenheit auf. Chambéry hat viele dieser schmalen Durchgänge, die Alléen genannt werden. Manche führen nur in Höfe, die an Kulissen für Historienfilme erinnern. Andere führen weiter, verwinkeln sich, kommen an anderen Straßen heraus und machen es leicht, sich in der hübschen Altstadt zu verlieren.

Bei Nummer 18 führt ein düsterer Durchgang in den kopfsteingepflasterten Hof des Hôtels Castagnary du Chateauneuf. Seit dem 18. Jahrhundert, als Rousseau dort seine Freunde besuchte, scheint sich nicht viel getan zu haben. Verwitterte Holzläden schützen die unregelmäßig über die Fassade verteilten Fenster. Ein schmiedeeisernes Gitter, dessen Windungen und Kringel an feine Spitze erinnern, gibt den Blick auf die bescheiden wirkende Kathedrale frei, die damals zu einem Franziskanerkloster gehörte.

Eine Weile arbeitete Rousseau als Musiklehrer bei reichen Familien in Chambéry, was ihn mit zahlreichen attraktiven Mädchen in Kontakt brachte. "Frau von Charly, die schönste Frau in Chambéry, lernte nicht mehr Musik, ließ jedoch ihre noch ganz junge Tochter darin unterrichten, deren aufblühende Schönheit der Mutter einst gleichzukommen versprochen hätte, wäre sie nicht leider ein wenig rothaarig gewesen", notierte der Philosoph.

Ein Pilgerort für Rousseau-Jünger

Der eigentliche Rousseau-Erinnerungsort ist etwa eine halbe Stunde zu Fuß von Chambéry entfernt: das Landhaus Charmettes, in dem der junge Mann mit seiner mütterlichen Freundin und Geliebten zusammenlebte. Rousseau war Françoise-Louise de Warens zum ersten Mal begegnet, als er 15 und sie 28 war. Er hatte seiner Heimatstadt den Rücken gekehrt, nachdem er eines Abends zu spät von einem Ausflug zurückgekehrt war und die Stadttore verschlossen waren. Ihn hielt ohnehin nichts mehr in Genf: Sein Vater hatte ihn wegen einer neuen Frau dort allein zurückgelassen.

Madame de Warens war eine Konvertitin, die vom Herzog von Savoyen dafür bezahlt wurde, für den katholischen Glauben zu werben. So nahm sie auch den jugendlichen Vagabunden auf und schickte ihn erstmal ins nahegelegene Turin, wo er ebenfalls konvertierte.

Der Fußweg nach Charmettes führt in steilen Serpentinen durch ein Wäldchen hinauf. Geht man ihn am Morgen, liegt Chambéry noch unter einer flauschigen Frühnebeldecke. Vögel zwitschern, die Morgensonne bricht sich in Tautropfen, ein kleiner Wasserfall stürzt sich rauschend den Abhang hinunter. Madame de Warens wählte für die Anreise ein bequemes Transportmittel: "Am ersten Tage, an welchem wir uns nach Charmettes begaben, um daselbst zu schlafen, ließ sich Mama in einer Sänfte tragen, und ich ging hinterher", berichtet Rousseau.

Das Liebesnest des ungleichen Paares ist ein massives Steinhaus mit Sprossenfenstern, umgeben von einem romantischen Garten, in dem die beiden sich einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen hingaben, der Botanik. "Hier beginnt das kurze Glück meines Lebens", schwärmte Rousseau später.

Ein Vorrat von Ideen

In der Zeit, die er in Charmettes verbrachte, las Rousseau sich durch die Werke zeitgenössischer Philosophen wie Voltaire, Gottfried Wilhelm Leibniz, aber auch durch die der alten Römer wie Horaz, Plinius und Cicero. Dabei folgte er seiner eigenen Methode: "Ich machte es mir bei der Lektüre eines jeden Schriftstellers zur Regel, lediglich seinem Gedankengange zu folgen und ihn mir anzueignen, ohne meine Gedanken oder die eines Fremden hineinzumischen und ohne mich je in Streitigkeiten mit ihm einzulassen. Ich sagte mir: zunächst will ich mir einen Vorrat von Ideen verschaffen."

Zur Eröffnung des Rousseau-Jahres kam auch Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterrand nach Charmettes und hielt seine Laudatio auf den Philosophen, Pädagogen, Politologen, Musiker und Wanderer Rousseau. "Er hat die schönsten Seiten der französischen Literatur geschrieben", sagte Mitterrand. Und die Berglandschaft rund um Chambéry habe einiges dazu beigetragen, den Charakter dieses außergewöhnlichen Mannes zu formen.

Beim Besuch des Hauses zeigte sich der Minister weniger respektvoll. "Soso, das ist das Bett von Madame", bemerkte er grinsend, als er die rustikale Liegestätte mit klobigen Bettpfosten und einem geblümten Baldachin entdeckte. "Hier konvertierte sie also mit Erfolg die jungen Männer." Tatsächlich befindet sich bis heute im Vorraum ihres Schlafzimmers ein ehrfurchtgebietender Altar, samt Madonna und Armleuchtern, an dem sich der junge Rousseau bei seinen nächtlichen Besuchen vorbeischleichen musste.

Charmettes wurde bald nach der Französischen Revolution, zu dessen geistigen Vätern Rousseau zählt, ein wahrer Pilgerort für dessen Anhänger. Die Schriftstellerin George Sand, der Bildhauer Auguste Rodin und viele andere besuchten das alte Landhaus, um dort dem Geist des Philosophen nachzuspüren. Sie hinterließen ihre Kommentare in den Gästebüchern, die noch heute dort zu sehen sind.

Reue und Frieden

Berührend ist der Eintrag eines deutschen Studenten aus dem Jahr 1938: "In dieser Zeit, in der uns eine schlimme Katastrophe bedroht und totalitäre Barbarei herrscht, wärest Du, Jean-Jacques, auf unserer Seite im Kampf für die Freiheit und würdest Du von den Barbaren ebenso gehasst und verfolgt werden wie von den Despoten Deiner Zeit."

Im Alter von 30 Jahren verlässt Rousseau Chambéry und geht nach Paris, wo er später sein staatstheoretisches Werk "Gesellschaftsvertrag" schreibt. Er wird mit der Waschfrau Marie-Thérèse Levasseur, die kaum lesen und schreiben kann, fünf Kinder in die Welt setzen und eins nach dem anderem im Waisenhaus abgeben. Er sei überzeugt gewesen, dass es besser so für die Kinder war, rechtfertigt er sich in seinen Memoiren. An anderer Stelle spricht er jedoch von Reue. Sein Werk "Emil", in dem er sich intensiv mit der Erziehung von Kindern befasst, mag zum Teil auch seinem schlechten Gewissen geschuldet sein.

Von Charmettes aus führt ein Wanderweg auf die Anhöhe Bec du corbeau hinauf. Von dort aus bietet sich ein wunderbarer Blick über Chambéry, den Lac du Bourget, dem größten natürlichen See Frankreichs. Mit Sicherheit hat Rousseau auch dort einmal gesessen und in die Landschaft geschaut: "Eine Fußreise bei schönem Wetter und in einer schönen Gegend zu machen, ohne Eile zu haben und an deren Ziele meiner etwas Angenehmes wartet, ist von allen Arten zu leben am meisten nach meinem Geschmack."

Ulrike Koltermann, dpa

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