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Schlosshotels in Polen: Urlaub im Märchenland

Schlosshotels in Polen Baden in Champagnerluft

Rund 30 mittelalterliche Burgen, Barockpaläste und klassizistische Herrenhäuser stehen in Kotlina Jeleniogórska oft nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Das Tal hat sein architektonisches Potential als Luxusdestination entdeckt.  Nur mit der Küche hapert es zuweilen noch.
Von Antje Rößler

Kotlina Jeleniogórska - Im verwinkelten Barockschloss Staniszów (Stonsdorf) läuft der Gast über ausgetretene Treppen und alte Parkettböden, deren Knarren durch die historischen Teppiche kaum gedämpft wird. Vorbei geht es an Wänden, die mit fein ziseliertem Schnitzwerk, Stuck und Wandgemälden dekoriert sind. Zum altertümlichen Charme des Hauses passt auch, dass es ein wenig zieht und das Licht manchmal flackert.

Nur kulinarisch wird man hier nicht ganz glücklich: Kein einziges frisches Vitamin findet seinen Weg aufs Frühstücksbüfett. Und abends im Restaurant schmeckt die Pilzsuppe vor allem nach Mehlschwitze. Unter Gesichtspunkten der Haute Cuisine betrachtet, gibt es noch einiges nachzuholen im niederschlesischen Kotlina Jeleniogórska (Hirschberger Tal).

Am der Umgebung gibt es allerdings nichts auszusetzen. Seit jeher ist das Barockschloss Staniszów eines der beliebtesten Ausflugsziele im Tal. Das liegt vor allem am Schlosspark, der vom Gartenarchitekten Peter-Joseph Lenné, dem Schöpfer der Gärten in Potsdam Sanssouci, entworfen wurde: eine Landschaft mit Wäldchen, Wiesen und Felsgrotten, einer künstlichen Burgruine und Badeteichen.

Seine touristische Glanzzeit erlebte das Tal im 19. Jahrhundert. Die Gegend entsprach exakt der romantischen Vorstellung landschaftlicher Vollkommenheit: mit sanften Hügeln und Ruinen, Felsformationen und Wasserfällen - eine Postkartenidylle, eingerahmt vom majestätischen Kamm des Riesengebirges mit der Schneekoppe.

Wohnen wie einst Prinzessin Luise

Der vielgereiste Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt schrieb begeistert: "Der Blick auf das Riesengebirge zählt zu den schönsten der Welt." Auch die preußischen Adligen verließen jeden Sommer ihre Residenzen in Berlin und begaben sich auf die 16-stündige Kutschfahrt gen Niederschlesien. Mit ihnen kamen Architekten, die neue Landsitze schufen oder vorhandene Schlösser nach romantischem Geschmack umbauten.

In Wojanów (Schildau) fühlt man sich wie im Märchenland. Kein Wunder, gehörte doch das rot-sandfarbene, schlank in die Höhe ragende Schloss mit seinen vier Dachtürmchen einst der preußischen Prinzessin Luise. Heute wohnen hier bis zu 200 Hotelgäste in Zimmern mit samtbezogenem Edelholzmobiliar. Das Restaurant mit Parkblick lädt zu traditionell schlesischer, jedoch portionsmäßig reduzierter Küche ein. Hier kann auch der durchschnittliche Magen nach dem Wildschweinbraten noch ein Dessert bewältigen.

In einer alten Scheune neben dem Schloss befindet sich der Wellnessbereich, wo man unter freigelegten Feldsteinmauern und Dachbalken im Pool badet. Draußen gibt es Tennis- und Volleyballplätze. Dabei wäre man schon mit Spaziergängen gut ausgelastet, beginnt doch hinter dem Schloss ein 16 Hektar großer Landschaftspark im englischen Stil, der ebenfalls von Lenné stammt. Lindenalleen und Eichenspaliere führen zur Chinesischen Gartenlaube, zum Gärtnerhäuschen oder entlang des Schlängelflüsschens Bóbr. Möglich ist auch ein Streifzug zum Nachbarschloss Lomnica (Lomnitz), dessen Park in das Schildauer Areal übergeht.

Das kleine Schlosshotel Lomnitz, erbaut 1804, hat noch nicht einmal 20 Zimmer. Im Eingangsgewölbe prasselt der Kamin; an den Wänden hängen historische Ansichten der Umgebung; in den Ecken stehen alte Uhren und eichenhölzerne Bauernschränke. Durch die Gänge streunen die Kinder der Inhaber und ihr Wuschelhund. Die Hotelbesitzer, Elisabeth und Ulrich Küster, sind Nachfahren des einstigen Besitzers, eines preußischen Gesandten am sizilianischen Hof.

Man kommt immer leicht wattiert zurück

"Wir kamen 1991 zum ersten Mal hierher; damals waren wir Studenten", erzählt Elisabeth Küster. "Da beschlossen wir ganz spontan: Wir müssen das Schloss retten." Ihre Entscheidung wurde durch die Erinnerung an die Großmutter bestärkt, die bis zur Enteignung 1945 im Schloss lebte. "Unsere Oma erzählte uns immer wieder begeistert von der prickelnd-sauberen Champagner-Luft, die hier herrschte."

Das Schlossrestaurant verarbeitet frische, regionale Produkte - eine Einstellung, die sich in der Gegend nur langsam durchsetzt. Fragt sich nur, wie auch noch der traditionelle Kaffeenachmittag mit schlesischem Mohnstreusel verdaut werden soll. Überhaupt fühlt man sich nach ein paar Tagen vor Ort wie der Schriftsteller Theodor Fontane, der einst feststellte: "Aus Schlesien kommt man immer leicht wattiert zurück."

Es gibt noch rund 30 Schlösser, Burgen und Herrenhäuser im Tal, das während des Zweiten Weltkrieges kaum bombardiert wurde. Später verschleppten sowjetische Militärs einen Großteil des Inventars. Einige Anwesen verfielen; andere wurden als Schulen, Kinderheime oder landwirtschaftliche Betriebe genutzt.

In den vergangenen Jahren kam es dann zu einem kleinen Schlosshotel-Boom. "Die EU-Osterweiterung 2003 ermöglichte den Erwerb polnischer Immobilien durch Ausländer", berichtet Elisabeth Küster vom Schlosshotel Lomnitz. "Seither sind einige der in Privatbesitz übergegangenen Schlösser denkmalschutzgerecht saniert worden. Der Hotelbetrieb bietet eine Möglichkeit, kostspielige Restaurierungen zu bestreiten. Trotzdem ist das etwas für Enthusiasten und nicht besonders gewinnbringend."

Sternenfunkeln an der Saaldecke

Inzwischen gibt es sieben Schlosshotels, die aber insgesamt über nicht einmal 350 Betten verfügen. "Jedes Haus hat seinen eigenen Charakter", meint Elisabeth Küster. "Das eine ist mondän, das andere auf gemütliche Weise altmodisch. Manche Gäste machen deshalb ein regelrechtes Schlösser-Hopping und übernachten jede Nacht woanders." Überall würde man übrigens deutschsprachiges Personal antreffen.

Ein vergleichsweise "neues" Schloss ist das Paulinum, das mitten in Jelenia Góra (Hirschberg), dem städtischen Zentrum des Tals, auf einem Hügel liegt. Um 1870 erbaute ein Fabrikbesitzer diese Jägerresidenz, in deren düsteren, trutzigen Gewölben und holzvertäfelten Mauern man sich wie in einer mittelalterlichen Burg fühlt. Es gibt 27 Gästezimmer mit elegantem, farbenfrohem Jugendstil-Interieur.

Wer nun genug hat von Plüschsesseln, Kronleuchtern und bunten Teppichen, der darf sich auf die Eröffnung der "Wernersdorfer Bleiche" - einst gab es im Haus eine Leinwandbleiche - am 1. April 2012 freuen. Die Betreiber, ein saarländisches Ärztepaar, setzen auf moderne Innenarchitektur. "Wir haben lange Kämpfe mit dem Denkmalschutz geführt", erklärt die von Schlosshund Lili umkreiste Bauherrin Ingrid Hartmann, deren Vorfahren aus Pakoszów (Wernersdorf) stammen.

Nun dürfte die Wernersdorfer Bleiche das einzige Schlosshotel im Tal sein, das auch Gehbehinderten zugänglich ist: Hier gibt es einen Fahrstuhl. Die 19 Doppelzimmer erhalten eine Ausstattung in skandinavisch anmutender Klarheit mit schlichten weißen Wänden und streng funktionalem Mobiliar. "Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob das den polnischen Geschmack trifft", meint Ingrid Hartmann.

Auch das Wasserschlösschen in Karpniki (Fischbach), das einst dem Bruder Friedrichs Wilhelm III. gehörte, wird derzeit zum Hotel umgebaut. Schlossbesitzer Jacek Marsior führt in Gummistiefeln über seine Baustelle und zeigt die freigelegten Sternenhimmel-Saaldecken, die vermutlich von einem Schinkel-Mitarbeiter stammen. Stolz erzählt er, dass er durch eine Erdbohrung eigenes Thermalwasser gewinnen will. Ob genügend Gäste kommen, darüber macht sich Jacek Marsior keine Gedanken. Schließlich wurde das Hirschberger Tal 2011 als Nationales Kulturerbe anerkannt - Voraussetzung für einen Weltkulturerbe-Antrag, den man als nächstes anstrebt.

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