Samstag, 21. September 2019

Bilbao Die Pracht der Pintxos

Bilbao: Ein Streifzug durch die Baskenstadt
TURESPAÑA

Das Guggenheim Museum in Bilbao ist eine Hauptattraktion der Stadt an der Biskaya-Bucht. Und wer mehr Hunger auf Essen als auf Kultur hat, wird in den dicht an dicht gereihten Pintxo-Bars mit ihren Tapas glücklich. Ein Streifzug durch eine Stadt mit großer Architektur und kleinen Köstlichkeiten.

Bilbao - Wand an Wand, Tür an Tür, brodelndes Gedränge in den Gassen. Zum Wochenende hin ist Bilbao die Hauptstadt der Pintxo-Bars, der baskischen Variante der Tapas-Gastronomie. Gerät man dann noch in einen "poteo", den Kneipenrundgang mit Freunden auf ein paar "potes", also auf ein paar Weinchen, so ist man sofort von einer der liebenswertesten Gewohnheiten der Bilbaïnos vereinnahmt: Der Feierabend wird traditionell in den Pintxo-Bars eingeläutet.

Es ist leicht zu erkennen, wo wer gerade eingekehrt ist, die Türen sind weit offen. Meterhohe Räume, über und über gekachelt, traditionell blumig bunt die Muster. Manchmal leuchtet Neonlicht, manchmal ein Kronleuchter über dem Tresen. Dieser befindet sich häufig in der Mitte des Raumes, Gäste und Wirt pflegen gerne einen kurzweiligen Rundum-Talk. Gezahlt wird die Anzahl der verzehrten Pintxos beim Ortswechsel - und das geschieht spätestens alle 20 Minuten, denn niemand hält sich den ganzen Abend in derselben Bar auf. Man will schließlich möglichst viele Variationen verkosten und mindestens ebenso viele interessante Leute treffen.

Die Pracht der Pintxos und Bocatas (belegte Brote) ist hoch aufgetürmt auf Tellern und Etageren, auf der Theke, auf Backblechen oder in Glasvitrinen: Foie gras mit frischen Erdbeeren, eine geröstete Auberginenscheibe mit Waldpilzen, Glasaal mit Peperonisauce, in Apfelwein gekochte Paprikawurst, Camembert mit Quittengelee, arme Ritter aus Brioches, Rebhuhn mit Spiegelei.

Die Küche dieser Miniaturgastronomie erfuhr in wenigen Jahren eine phantasievolle Wiederbelebung und gipfelt mittlerweile in Wettbewerbe. Pintxo-Bars sind meist Familienbetriebe, die jeweilige Hausfrau "Etxekoandre" bereitet alles frisch zu. Besteck ist überflüssig, gespeist wird aus der Hand, mit Hilfe einer Serviette.

Am Guggenheim Museum kommt niemand vorbei

Das rege Hin und Her der Stadt über den Fluss Nervión ermöglichen mehrere schwungvolle Brückenkonstruktionen. Herausragend die Pasarela Zubizuri des Architekten Santiago Calatrava, der auch den Flughafen Bilbaos gestaltete. Zusammen mit den beiden 83 Meter hohen Glas-Stahltürmen "Isozaki Atea" des Japaners Arata Isozak bilden sie ein ultramodernes Portal zur Innenstadt.

Die Verwaltung plant und restauriert sorgfältig, historische Gebäude werden erhalten, Straßen, Plätze und Parks sehr gepflegt; verführerisch ist es, in den Luxusläden in der Gran Via Don Diego Lopez de Haro die Zeit zu vergessen. Vielleicht auch im Vienes Café in der Calle Iparraguirre 11 beim gemütlichen TV-Fußball. Am Guggenheim Museum jedoch kommt und will niemand vorbei.

Wie ein utopisches Schlachtschiff liegt der silberne Koloss des Architekten Frank O. Gehry seit 15 Jahren am Ufer des Nervión. Die berühmte riesige "Mama"-Spinne von Louise Bourgeois außen neben dem Bug ist so liebenswert, dass sie Arachnophobiker für immer heilen könnte. Die aktuelle Ausstellung zeigt eine Gegenüberstellung der Skulpturen des Stahlbildhauers Richard Serra und denen des rumänischen Künstlers Constantin Brancusi (bis 15. April).

Rund gegen kantig, schwebend gegen tonnenschwer, herzerwärmend gegen provozierend - beide Künstler berühren mit ihren kraftvollen Exponaten bis ins Herz. Angesichts der Großartigkeit dieses Ortes ist eine Kunstpause im Museums-Bistro Nerua angemessen, es kocht der vielfach prämierte Josean Martinez Alija.

Einmal im Monat schallt bis zum frühen Morgen elektronische Musik aus dem Kunsttempel heraus - diese After-Dark-DJ-Kunstevents sind stets rumpelvoll. Bilbao ist eine junge Stadt. Ständiger Bewacher des Museums und absoluter Liebling der Einwohner ist der Blumenhund von US-Künstler Jeff Koons, der eigentlich nur für eine Saison vor dem Haus stehen sollte - aber nach Protesten der Einwohner dauerhaft stehen blieb und Jahr für Jahr neu bepflanzt wird.

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