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Bilbao: Ein Streifzug durch die Baskenstadt

Foto: TURESPAÑA

Bilbao Die Pracht der Pintxos

Das Guggenheim Museum in Bilbao ist eine Hauptattraktion der Stadt an der Biskaya-Bucht. Und wer mehr Hunger auf Essen als auf Kultur hat, wird in den dicht an dicht gereihten Pintxo-Bars mit ihren Tapas glücklich. Ein Streifzug durch eine Stadt mit großer Architektur und kleinen Köstlichkeiten.
Von Uta Petersen

Bilbao - Wand an Wand, Tür an Tür, brodelndes Gedränge in den Gassen. Zum Wochenende hin ist Bilbao die Hauptstadt der Pintxo-Bars, der baskischen Variante der Tapas-Gastronomie. Gerät man dann noch in einen "poteo", den Kneipenrundgang mit Freunden auf ein paar "potes", also auf ein paar Weinchen, so ist man sofort von einer der liebenswertesten Gewohnheiten der Bilbaïnos vereinnahmt: Der Feierabend wird traditionell in den Pintxo-Bars eingeläutet.

Es ist leicht zu erkennen, wo wer gerade eingekehrt ist, die Türen sind weit offen. Meterhohe Räume, über und über gekachelt, traditionell blumig bunt die Muster. Manchmal leuchtet Neonlicht, manchmal ein Kronleuchter über dem Tresen. Dieser befindet sich häufig in der Mitte des Raumes, Gäste und Wirt pflegen gerne einen kurzweiligen Rundum-Talk. Gezahlt wird die Anzahl der verzehrten Pintxos beim Ortswechsel - und das geschieht spätestens alle 20 Minuten, denn niemand hält sich den ganzen Abend in derselben Bar auf. Man will schließlich möglichst viele Variationen verkosten und mindestens ebenso viele interessante Leute treffen.

Die Pracht der Pintxos und Bocatas (belegte Brote) ist hoch aufgetürmt auf Tellern und Etageren, auf der Theke, auf Backblechen oder in Glasvitrinen: Foie gras mit frischen Erdbeeren, eine geröstete Auberginenscheibe mit Waldpilzen, Glasaal mit Peperonisauce, in Apfelwein gekochte Paprikawurst, Camembert mit Quittengelee, arme Ritter aus Brioches, Rebhuhn mit Spiegelei.

Die Küche dieser Miniaturgastronomie erfuhr in wenigen Jahren eine phantasievolle Wiederbelebung und gipfelt mittlerweile in Wettbewerbe. Pintxo-Bars sind meist Familienbetriebe, die jeweilige Hausfrau "Etxekoandre" bereitet alles frisch zu. Besteck ist überflüssig, gespeist wird aus der Hand, mit Hilfe einer Serviette.

Am Guggenheim Museum kommt niemand vorbei

Das rege Hin und Her der Stadt über den Fluss Nervión ermöglichen mehrere schwungvolle Brückenkonstruktionen. Herausragend die Pasarela Zubizuri des Architekten Santiago Calatrava, der auch den Flughafen Bilbaos gestaltete. Zusammen mit den beiden 83 Meter hohen Glas-Stahltürmen "Isozaki Atea" des Japaners Arata Isozak bilden sie ein ultramodernes Portal zur Innenstadt.

Die Verwaltung plant und restauriert sorgfältig, historische Gebäude werden erhalten, Straßen, Plätze und Parks sehr gepflegt; verführerisch ist es, in den Luxusläden in der Gran Via Don Diego Lopez de Haro die Zeit zu vergessen. Vielleicht auch im Vienes Café in der Calle Iparraguirre 11 beim gemütlichen TV-Fußball. Am Guggenheim Museum jedoch kommt und will niemand vorbei.

Wie ein utopisches Schlachtschiff liegt der silberne Koloss des Architekten Frank O. Gehry seit 15 Jahren am Ufer des Nervión. Die berühmte riesige "Mama"-Spinne von Louise Bourgeois außen neben dem Bug ist so liebenswert, dass sie Arachnophobiker für immer heilen könnte. Die aktuelle Ausstellung zeigt eine Gegenüberstellung der Skulpturen des Stahlbildhauers Richard Serra und denen des rumänischen Künstlers Constantin Brancusi (bis 15. April).

Rund gegen kantig, schwebend gegen tonnenschwer, herzerwärmend gegen provozierend - beide Künstler berühren mit ihren kraftvollen Exponaten bis ins Herz. Angesichts der Großartigkeit dieses Ortes ist eine Kunstpause im Museums-Bistro Nerua angemessen, es kocht der vielfach prämierte Josean Martinez Alija.

Einmal im Monat schallt bis zum frühen Morgen elektronische Musik aus dem Kunsttempel heraus - diese After-Dark-DJ-Kunstevents sind stets rumpelvoll. Bilbao ist eine junge Stadt. Ständiger Bewacher des Museums und absoluter Liebling der Einwohner ist der Blumenhund von US-Künstler Jeff Koons, der eigentlich nur für eine Saison vor dem Haus stehen sollte - aber nach Protesten der Einwohner dauerhaft stehen blieb und Jahr für Jahr neu bepflanzt wird.

Kulturzentrum mit Panorama-Pool auf dem Dach

Gegenüber steht das Fünf-Sterne-Hotel Silken Gran Hotel Domine. Gestaltet haben es Javier Mariscal und Fernando Salas. In der Lobby rauscht ein Wasserfall, der von weit oben über schwarze Marmorstufen Stapel von weißem Tafelgeschirr überflutet. Wenige Schritte ist es zum Miró-Hotel, bestechend auch dort die Komposition aus futuristischer Eleganz und einladendem Ambiente.

Ein preiswerteres Stadthotel liegt an der anderen Uferseite, Hesperia Bilbao. Das Eckhaus mit den farbigen Glasbalkons am Campo Volantín Ibitokìa 28 ist über die Hochbrücke Puente de la Salve zu erreichen. Der Abstieg über die dunkelgrüne, gusseiserne Treppe, die sich um einen der Betonpfeiler windet, ist ein kleines Extraevent. Besonders bei Nacht, wenn der Fahrstuhl nicht mehr fährt. Dann hat es zeitweilig den Anschein, als schwebe man über dem Fluss.

Aber auch der Untergrund hat es in sich: Ein Glanzstück des britischen Architekten Sir Norman Foster ist die Metro, eine der modernsten U-Bahnen der Welt. Nahezu geräuschlos gleiten die Bahnen durch die glänzenden Stahltunnelröhren, vollautomatisch. Nirgends auf den unterirdischen Wegen im Betonlook ist Graffiti zu entdecken. Alle Zugänge im Stadtbereich scheinen wie dicke Kristallraupen aus dem Boden zu kriechen - die Einheimischen nennen sie "Fosteritos".

Außen alt, innen nagelneu: das Alhóndiga Municipal, ein einstiges Weinlager. 43 Säulen tragen den Innenausbau des burgähnlichen, kuriosen Gebäudes, jede Säule einzigartig gestaltet - hier hatte Designer Philippe Starck seine Hand im Spiel. Der Komplex bietet gängige Kulturangebote und eine echte Überraschung auf dem Dach: ein Schwimmbad mit transparentem Boden und ausladender Sonnenterrasse. Von hier oben aus ist das Museo de Bellas Artes im Doña Casila Park gut zu erkennen. Es gilt als eines der bemerkenswertesten Pinakotheken Europas.

Die Pintxo-Bars schließen gnadenlos um 22 Uhr

Mindestens genauso beliebt ist das dazugehörige Caféteria Restaurant Arbolagaña "über den Bäumen" der Familie Aitor Basabe. Und schon ist man wieder mittendrin im Thema Essen in Bilbao. Urwüchsiges, produziert in der Region; zur herzhaften Küche der Basken gehören fast immer Kartoffeln und die Blutwurst "Morcilla", in der die Füllung mit reichlich Gemüse und Reis vermischt ist. Schweinefleisch, Saubohnen, Stockfisch, Seespinne - es wird nicht gegeizt mit Olivenöl, roten Zwiebeln, scharfen, roten, sonnengetrockneten Paprikas.

Typisch baskisch speist man in der ganzen Stadt, das atea an der Uferpromenade in der Paseo Uribitarte 4 hat zudem ein sehr trendiges Interieur. Als Einstieg munden Rabas, das sind Tintenfischkroketten. Knallrot ist die Gazpacho, serviert in einer klitzekleinen Tasse. Spezialität von Koch Daniel García ist seine Tortilla. Taucht irgendwo der Ausdruck "à la Bilbaina" auf, dann ist das eine Garantie für erstklassische Zubereitung.

Der berühmteste Wein aus Daniels Sortiment ist vermutlich der Roija Álavesa. Als Weißwein öffnet man in Bilbao bevorzugt einen Txakoli, zum Dessert nimmt man gern den köstlichen Patxaran, ein Anis-Schlehenlikör oder den herben Sidra-Apfelwein. Für einen starken Cortado, die spanische Espressovariante mit dem haselnussbraunen Schaum obenauf ist immer und überall Zeit, auch bei größter Eile. Jetzt im Winter gehört dazu das 'Makkaroni'-Gebäck, ein zarter Mandelkeks.

Die Bilbaïnos beginnen ihr Tagewerk früh am Morgen. Deshalb schließen nahezu alle Pintxo-Bars gnadenlos um 22 Uhr. Es mag dann nur im Hafen noch die eine oder andere Pinte geöffnet haben. Bills Ballhaus übrigens, "das Schönste auf dem ganzen Kontinent" aus dem Bilbao-Song von Bertolt Brecht und Kurt Weill, hat es nie gegeben. Den "alten Bilbaomond" hingegen schon. Er spiegelt sich im Nervión und in den Titanplanken des Guggenheim Museums.

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