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Daikanyama: Tokios schickes Bio-Viertel

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Daikanyama in Tokio Oase im Gewühl

Tokio kann so anstrengend sein. Ein lärmender Konsumrausch mit kriminellem Lärmpegel. Wohltuend anders geht es im Stadtteil Daikanyama zu: Die Häuser sind kleiner, die Fassaden europäischer, und Fair Trade ist Trumpf. Hier trifft sich die alternative Szene Japans zum Cappucino und zum Biowein.
Von Andrea Jeska

Tokio - Es gibt auf dieser Welt viele Arten, blöd zu werden. Eine davon ist sicherlich, in Tokyos Stadtteil Harajuku einen Tag mit Shoppen zu verbringen. Menschen mit dünnerem Nervenkostüm ertragen das nur unter Valium und solche, die allergisch auf Infantilität reagieren, werden wie Aussätzige zurückkehren. Tatsächlich gibt es außer Harajuku noch viele andere Ecken in Japans Hauptstadt, in denen der Lärmpegel kriminell, der Konsumrausch ordinär und der Luxus peinlich aufdringlich ist.

Wer solche Szenerien meiden möchte, für den ist Daikanyama die Rettung. Kein Düddelütt aus Pachinko-Hallen. Keine quietschrosa Plastikaffen, die Schellen gegeneinander schlagen. Wenn Musik, dann klassische. Oder sphärische. Von hysterisch kreischenden Teenagern mit Hello-Kitty-Taschen wird man dort ebenso wenig eingekesselt werden wie von ins Handy bellenden Salary-Men.

Daikanyama ist unaufdringlich und zurückhaltend. Szenemagazine im In- und Ausland preisen das Viertel zwar gerne als neuen Hot-Spot der Stadt, in Wirklichkeit aber ist dieser Stadtteil schon seit einem halben Jahrhundert exotischer und avantgardistischer als andere. Nach dem großen Beben von Kanto im Jahr 1934 war Daikanyama eines der Gebiete für neue Häuserprojekte der Regierung. Erstmals wurde dort mit erdbebensicheren Betonkonstruktionen experimentiert.

Von den damals errichteten Gebäuden steht heute keines mehr, doch während in anderen Teilen Tokyos Wolkenkratzer wuchsen, blieb man in Daikanyama auf dem Boden. Die Häuser haben selten Hochhaus-Höhe, sind oft nur zweistöckig, manchmal schon windschief und mit teils verspielten Fronten. "Europäisch" nennt man das in Tokyo.

Etwas James-Deaniges im Gang und eine Fluppe im Mundwinkel

Bereits in den frühen 1970ern zogen Künstler, Designer und Literaten dort ein, die einen Lebensstil fern des Metropolen-Charakters wollten. Im Laufe der Jahrzehnte entstand so rund um die Kyu-Yamate Dori und Hachiman Dori ein Viertel für all jene, die jenseits des Mainstreams leben, vielleicht bewusster leben wollen.

Organisch ist daher auch das Wort, das man in Daikanyama am häufigsten liest. Organische Kleidung aus organischen Stoffen, organische Schuhe, organischer Kaffee, am besten kauft man alles und die Schokolade von garantiert glücklichen Kakaobohnenpflückern gleich dazu. Fair Trade ist Pflicht, und in Zeiten der Radioaktivität müssen auch die Gemüsehändler auf der Strasse auf großen Schildern die Unbedenklichkeit ihrer Waren bekunden.

Am überzeugendsten sind jene, die Waren von der Nordinsel Hokkaido verkaufen, steht diese doch ohnehin im Ruf, authentischer, unverdorbener zu sein als die Hauptinseln Honshu und das südliche Kyushu. Daikanyama Publikum ist gemischt, wenn auch zumeist in den 20ern bis frühen 30ern. Über 40 hebt man schon deutlich den Altersdurchschnitt. Sollte man eine Typologie bestimmen, so ist die typische Daikanyama-Käuferin hübsch, dünn und mit einem üppigen Taschengeld ausgestattet. In diesem Herbst trägt sie gerne Overknee-Stiefel, Mantel mit Fellkragen und darunter Spitzenbluse mit Kashmirjacke.

Ein Ex-Manager versucht sich mit einer italienischen Bar

Der typische Daikanyama-Käufer hat so etwas James-Deaniges im Gang und eine Fluppe im Mund. Die Zeiten, als man in Daikanyama günstig Secondhand kaufen konnte, sind lange vorbei. Inzwischen sind so große Namen wie Vivienne Tam und Jean Paul Gaultier eingezogen. In der Boutique Limi Feu stellt die Tochter von Yoji Yamamoto, Limi Yamamoto, ihre Kreationen aus, und in einem gläsernen schlichten Haus mit Holzplanken davor hat der Engländer Paul Smith einen seiner mehr als 30 Läden in Tokyo eröffnet. Dort, wo man vor einigen Jahren noch Kram und Krempel kaufen konnte, gibt es jetzt Luxus-Vintage und in fast allen Geschäften hängen Kronleuchter, die einen Palast zieren könnten.

Aber Daikanyama ist ohnehin viel zu nett, um dort nur einzukaufen. Die alternative Szene kommt hauptsächlich zum Bummeln, für einen Cappuccino, einen Biowein oder ein paar Happen in der Trattoria oder Patisserie. Die Küche Daikanyamas ist multinational und so experimentierfreudig wie die Mode des Viertels. Für Entdecker allerdings wird es höchste Zeit, die letzten stillen Winkel zu durchforsten. Noch ist die S-Bahn-Station Daikanyama nur ein Provisorium, von Bauzäunen versteckt, und ein bisschen gilt das Viertel daher auch noch als Geheimtipp.

Doch im kommenden Jahr schon soll es eine große Station geben, dann ist Daikanyama verbunden mit anderen Hot Spots der Stadt. Restaurantbesitzer wie Kaori Yamamori von der Bar Bis, in der es gute Weine, wunderbar cremigen Cappuccino und ein paar Straßentische gibt, sorgt sich bereits, ob der individuelle Charakter des Viertels dann bleiben wird. Yamamori war mal Manager, bevor er das Dasein auf der Überholspur satt hatte.

Vor einem Jahr stieg er aus, um die Bar zu eröffnen. Aus Liebe zu Italien wurde es eine italienische Bar, in der es neben dem cremigen Cappuccino auch gute Weine gibt. "Für Daikanyama-Leute ist es okay, wenn etwas mehr Geld kostet." Auch die Immobilienbranche hat das Viertel inzwischen entdeckt. Modernes Design und Technik kombiniert mit japanischen Elementen findet man zum Beispiel in "La Tour Daikanyama", vielleicht eine der schönsten Adressen, die man zurzeit in Tokyo haben kann oder in "Park Axis", wo eine kühle technische Atmosphäre mit traditionellen Elementen wie Holz und Wasser komplimentiert wird. "Die armen Schlucker die hier früher wohnten, die Künstler und Literaten oder auch die jungen Designer jedenfalls wohnen hier heute nicht mehr", sagt Yamamori.

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