Mittwoch, 29. Januar 2020

Greenwich Das Leben in Upper Hedgistan

Nobelkommune: Greenwich in Neuengland
Claudia Hehr

3. Teil: Heimat der Hedgefonds-Milliardäre: "Greenwich hat die Wall Street abgelöst"

Seit 25 Jahren ein Bürger dieser Stadt ist auch der frühere Bertelsmann-Vorstand Michael Dornemann, heute Verwaltungs- und Aufsichtsrat unter anderem bei Take Two Interactive, einem milliardenschweren Computerspielehersteller aus New York.

Mit Frau Inka und den beiden Kindern (10 und 13 Jahre alt) bewohnt der Deutsche ein 8000 Quadratmeter großes Anwesen an der Lake Avenue, das einst aus dem Grundbesitz der Rockefellers herausgelöst worden war: "Greenwich und New York", sagt Dornemann, "das ist vergleichbar mit Potsdam und Berlin oder Starnberg und München." Für denjenigen, der mit dem Flugzeug über die Stadt flöge, meint er, sähe sie aus wie ein Naturpark: "Ich liebe es, hier zu leben."

Die Herren über Upper Hedgistan aber sind natürlich die "Hedgies", wie man die Hedgefondsmanager im Ort nennt: Mit 29 Funds (vor drei Jahren waren es allerdings noch 35), die über 150 Milliarden Dollar verwalten, rangiert Connecticut beziehungsweise Greenwich hinter New York und London auf Platz drei in der Welt. 7 Prozent der in Hedgefonds befindlichen Gelder von weltweit zwei Billionen Dollar werden von hier aus verwaltet ).

Vor drei Jahren hatte der Bestseller-Autor Tom Wolfe ("Fegefeuer der Eitelkeiten") unter der Überschrift "Greenwich Time" einen Beitrag für die "New York Times" verfasst, in dem er die Stadt zum Mittelpunkt einer neuen Welt erklärte: "Die erfolgreichsten, schlauesten, ehrgeizigsten jungen Männer haben in den vergangenen sechs Jahren das Investmentbanking verlassen und widmen sich nun Hedgefonds. Greenwich ist für die Herren des Universums das Zentrum der Hedgefondswelt und hat die Wall Street abgelöst."

Von den Chefs der weltgrößten Hedgefonds leben gleich vier in Greenwich: die Multimilliardäre Ray Dalio, Edward Lampert, Paul Tudor Jones und Steve Cohen. Auch viele kleinere Kaliber hausen im Ort: John Merriwether (einstiger Kopf des Pleitefonds LTCM), Mario Gabelli (Gamco), Barton Biggs (Traxis), Stephen Mandel (Lone Pine), Phil Duff (Frontpoint Partners) - die ganze obere Sahneschicht. Häuslich eingerichtet hat sich in Greenwich auch Todd Combs, der Gründer von Castle Point Capital, der aktuellen Gerüchten zufolge eines Tages von hier aus Berkshire Hathaway Börsen-Chart zeigen leiten soll, Warren Buffetts Beteiligungswunder.

Zufall und Weltgeschick

Als der frühere Chef der Börsenaufsicht SEC, Richard Breeden, seinen Hedgefonds gründete, da fiel ihm als Firmensitz kein geeigneterer Ort ein als sein Zuhause - Greenwich. Und niemand im Land hat sich gewundert, als er hörte, dass jener 1,3-fache Milliardär namens Raj Rajaratnam (Galleon Group), dem wegen Insiderhandels eine jahrzehntelange Haftstrafe droht, seinen Hauptwohnsitz ebenfalls in Greenwich, Connecticut, gehabt hat.

Doch was genau zog die Geld- und Firmenhändler ausgerechnet hierher? Die Antwort ist so einfach wie unbefriedigend: Zufall und Weltgeschick.

Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die vermögenden New Yorker auf die Idee verfallen, ihre Sommermonate in diesem Küstenort zu verbringen, der gerade so weit entfernt lag, dass man die Vororte hinter sich lassen und trotzdem das Gefühl haben konnte, wirklich fort beziehungsweise in Neuengland zu sein.

Nur eine knappe Stunde mit dem Automobil oder 40 Minuten mit der Eisenbahn von der großen, bösen Stadt entfernt, hatten hier die Erben der Rockefellers oder des Bankengiganten John Pierpont Morgan jenen Behaglichkeiten ungestört gefrönt, die ein Küstenstrich gemeinhin zu bieten hat: Segeln, Sonne, Stille. 1920 galt Greenwich als reichste Gemeinde der Welt.

Der Alters- und Ruhesitz der Geldaristokraten übte starken Reiz auf das Nachahmungsbedürfnis der New Yorker Finanzelite aus. Ihr wiederum folgten Anwälte, PR-Leute, Spenden- und Steuerberater, und alle gemeinsam schufen sie den wirtschaftlichen und organisatorischen Unterbau, den Hedgefondsmanager notwendig zum Arbeiten und Leben brauchen.

Befördert wurde der Zuzug durch den Umstand, dass bis 1991 in Connecticut keine Einkommensteuer erhoben wurde und die Stadt selbst heute noch die "niedrigste Vermögensteuer" (Tesei) im Bundesstaat für sich beansprucht.

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