Freitag, 24. Mai 2019

MSC-Crocière-Chef Vago "Kreuzfahrten werden immer billiger"

MSC Crocière: Luxus auf dem Wasser
MSC Crociere

Kreuzfahrtschiffe werden immer größer und immer luxuriöser. Acht neue Schiffe kommen 2012 auf den europäischen Markt. Pierfrancesco Vago, CEO von MSC Crocière, sagt im Interview, wie viel Wachstumspotenzial die Branche noch hat und welchen Herausforderungen sie sich stellen muss. 

mm: 2012 bringt MSC das 333 Meter lange Luxusschiff MSC Divina mit 1751 Kabinen. Ihre direkten Mitbewerber lassen sieben weitere Schiffe vom Stapel laufen. Werden Kreuzfahrten jetzt billiger, weil es mehr Wettbewerb gibt?

Vago: Sie haben recht, die europäische Kreuzfahrtindustrie wächst ungemein. 2010 hat sie 5,5 Millionen Passagiere befördert. Aber das ist gerade mal gut ein Prozent der Urlauber, die es hier insgesamt gibt. In den USA ist der Markt weitaus entwickelter. Da gibt es elf Millionen Kreuzfahrtpassagiere und einen Marktanteil von fast 3 Prozent der Urlauber. Diese Entwicklung geht auch in Europa weiter, da gibt es noch ungeheures Potenzial. Jährlich 15 Millionen Passagiere sind für Europa möglich.

mm: Das heißt für die Preisentwicklung?

Vago: Es wird billiger. Diese Entwicklung zeichnet sich schon seit etwa vier Jahren kontinuierlich ab. Wir können Zielgruppen sehr gezielt ansprechen: Nach Altersgruppen, Saison, Preis, Vorlieben. Noch bis vor zehn Jahren gab es das Klischee von der teuren Kreuzfahrt als einer im Grunde langweiligen Angelegenheit für alte Leute in spießigen Anzügen. Die Schiffe sind heute ganz anders. Sie haben so viel Technik, sie machen einfach Spaß, auch jüngeren Leuten.

mm: Zeichnet sich angesichts dieser riesigen Kapazitäten nicht doch ein Überangebot ab?

Vago: Nein. Wir können diese Betten füllen. Warum? Weil Kreuzfahrtunternehmen das Geld für Werbung haben. Kleine Hotels haben das in der Regel nicht. Die können einfach nicht so viel investieren wie wir. Die Kreuzfahrtbranche ist ungemein leistungsfähig, was die Raumauslastung angeht. Durch die großen Volumina sinken natürlich die Kosten. Und diese Preisersparnis geben wir weiter. Mit Überangebot hat das nichts zu tun. Wir können mittlerweile viele Zielgruppen erreichen, die früher nicht in unserem Fokus lagen. Und es gibt eine Desaisonalisierung durch Winterkreuzfahrten im Mittelmeer, durch viele Angebote auch mit kürzeren Fahrten.

mm: Sie beanspruchen für MSC, eine der am stärksten wachsenden Kreuzfahrtgesellschaften zu sein.

Vago: Als ich vor sieben Jahren CEO wurde, hatten wir drei kleine, ältere Schiffe. Damit haben wir etwa 100.000 Passagiere im Jahr befördert. Heute haben wir elf Schiffe, darunter etliche brandneue, und befördern 1,2 Millionen Passagiere. 2012 werden wir als drittes Schiff der Fantasia-Klasse die MSC Divina haben, die uns auf 1,35 Millionen Passagiere bringen wird. Unser Wachstum ist enorm.

mm: Macht die Euro-Krise Ihnen nicht einen Strich durch Ihre Expansionspläne?

Vago: Aber nein. Ich bin Optimist. Die Krise hilft uns sogar. Denn viele Leute, die sich bisher keine Kreuzfahrt vorstellen konnten, wägen jetzt sehr genau ab, was sie für ihr Geld bekommen. Wenn Sie 100 Euro am Tag bezahlen, kriegen Sie nirgendwo so viel für Ihr Geld wie auf einem Kreuzfahrtschiff. Wer das einmal versucht hat, kommt wieder. Die Leute wollen beim Urlaub nichts riskieren. Eine gewisse Marktbereinigung wird es sicherlich geben. Die Zeit der zweistelligen Zuwachsraten neigt sich sicher irgendwann dem Ende zu, das Wachstum wird organischer. Aber wir bauen weiter Schiffe, und wir werden neue Routen entwickeln.

mm: Wodurch unterscheiden Sie sich von Ihren Mitbewerbern?

Vago: MSC ist in Familienbesitz. Entscheidungen in diesem sehr kapitalintensiven Geschäft gehen schneller, und sie sind mehr auf den Endverbraucher fokussiert. Wir sind in vieler Hinsicht anders, weil wir wahrscheinlich die letzte wirklich europäische Kreuzfahrtlinie der Welt sind. Das unterscheidet uns nicht nur in der Ausstattung der Schiffe, sondern auch in der Atmosphäre.

mm: Wie wichtig ist der deutsche Markt für Sie? Deutsche Passagiere gehen ja klassischerweise am allerliebsten auf deutsche Schiffe. Höchstens jeder zweite wählt ein anderes Angebot.

Vago: Das sehe ich anders. Der deutsche Markt ist für uns von überragender Bedeutung, es ist nach Amerika der zweitgrößte Markt der Welt. Wir haben vier Schiffe nach Nordeuropa verlegt. 2012 werden wir die MSC Lirica nach Hamburg verlegen. Zwischen April und Oktober macht sie da 28 Mal fest. Aber was wir nicht wollen: Wir wollen keine deutschen Produkte liefern, sondern ein mediterranes Produkt. Natürlich wird an Bord auch deutsch gesprochen, es gibt deutsches Bier, sogar deutsche Folklore, aber der gemeinsame Nenner ist das mediterrane Ambiente. Das liebt der deutsche Kunde.

mm: Wie viele deutsche Kunden haben Sie?

Vago: Wir werden bald die 200.000er-Schwelle überschreiten.

mm: Die politischen Entwicklungen im südlichen Mittelmeer beeinflussen gerade die Kreuzfahrtbranche stark. Sie haben Tunesien als Reiseziel wieder aufgenommen, aber Ägypten laufen Sie auch 2012 noch nicht wieder an. Wie werden Sie weiter vorgehen?

Vago: Kreuzfahrtschiffe haben gegenüber Hotels an Land ja einen entscheidenden Vorteil: Sie können sich bewegen. Das Schiff ist eine in sich abgeschlossene, sichere Umgebung. Und wenn es in einer bestimmten Gegend ein Problem gibt, dann fahren wir halt einfach nicht hin. Natürlich verursacht es Kosten, wenn wir Fahrpläne umschreiben müssen. Natürlich wollen Passagiere reisen und jeden Morgen an einem anderen Ort aufwachen. Aber dieser Ort muss sicher sein. Wir sind Anfang des Jahres nicht nach Tunesien gefahren, das stimmt. Jetzt fahren wir aber wieder hin. Wir stimmen uns da mit dem Auswärtigen Amt ab. Es sind ja letztlich nicht wir, die entscheiden, wohin die Reise geht, sondern die Nachfrage der Passagiere.

mm: Eine immer größer werdende Bedrohung auf den Weltmeeren sind Piraten. Vor zwei Jahren wurde die MSC Melody vor der Küste von Somalia angegriffen. Ist es nicht einfach eine schlechte Idee, ein mit allem erdenklichen Luxus vollgestopftes Schiff vor den Küsten eines sehr armen Landes kreuzen zu lassen?

Vago: Ja, das ist richtig. Das ist ein furchtbares Problem. Wir haben unsere Schiffe nach Südafrika verlegt. Und wir fahren nicht mehr über Ostafrika, sondern über Westafrika. Der Indische Ozean ist nicht sicher. Wir meiden die Gegend.

mm: Aber damit kann es ja nicht getan sein. Wie muss man das Problem angehen?

Vago: Alle Reedereien versuchen schon, das Problem anzupacken. Die EU-Marineoperation EU Navfor operiert am Horn von Afrika. Aber für Kreuzfahrtschiffe mit 2000 Passagieren lohnt es das Risiko nicht, dort unterwegs zu sein. Das machen wir nicht.

mm: Im Mai gab es auf der MSC Opera einen Stromausfall, der das Schiff manövrierunfähig machte. Was haben Sie aus dem Vorfall gelernt?

Vago: Wir leben in einer hochtechnisierten Welt, in der es immer wieder Störungen geben kann. Niemand kann versprechen, dass so etwas nie wieder auftritt. Aber wichtig ist doch, damit professionell umzugehen. Wir haben viel Erfahrung, die wir im Notfall einsetzen können, und ein Technikteam, das in zwölf Stunden an jedem Ort der Welt sein kann.

mm: Was gibt es thematisch für neue Trends in der Kreuzfahrtbranche?

Vago: Wir haben viele Ideen. Wir machen Themenkreuzfahrten, von Kartenspieltrips über Tanzkurse, Astronomie, Vorträge. Der Yacht Club war unsere Erfindung: In den Schiffen der Fantasia-Klasse haben wir oben am Bug, da, wo die Aussicht am schönsten ist, einen Luxusbereich für besonders privilegierte Gäste, mit Butlerservice und Privatpools. Es gibt kleine Schiffe, die vergleichbaren Sechs-Sterne-Komfort bieten - aber hier haben Sie all das und ein großes Schiff drumherum, mit etlichen anderen Angeboten und etlichen Restaurants statt nur einem. Diese Art von Differenzierung auf den Schiffen ist sicherlich ein wichtiger Trend.

mm: Die Kreuzfahrtschiffe werden immer größer, viele Häfen sind aber gar nicht dafür gerüstet.

Vago: Ja, mit diesem Problem sehen wir uns des öfteren konfrontiert. Wir reden viel mit den Behörden vor Ort, weil noch nicht alle begriffen haben, dass man in die Infrastruktur investieren muss. Es setzt sich allerdings auch in der politischen Welt immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Kreuzfahrtbranche in Europa 300.000 Leute beschäftigt, dass hier ein ganz neuer Industriezweig entstanden ist, den es vor ein paar Jahren noch nicht gab. Wir werden allmählich ernster genommen, weil unser Einfluss auf die lokale Wirtschaft so groß ist. Es wird besser.

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