Fotostrecke

Schweden: Anthroposophen-Idylle mit Kunstsensation

Foto: Jesse Osmer

Järna in Schweden Große Kunst und Anthro-Idylle

Im idyllischen Anthroposophennest Järna nahe Stockholm arbeiten 2000 Menschen in Betrieben, die sich mehr oder minder an den Lehren Rudolf Steiners orientieren. Das Kulturzentrum landete jüngst einen echten Coup und zeigt noch bis Oktober die bunte Lichtkunst von James Turrell.

Järna - Rund 50 km südlich von Stockholm findet sich zwischen Wiesen, Weiden und Wäldern, unmittelbar in der Nähe der Ostsee, eine Ansammlung merkwürdiger Gebäude. Als hätte Obelix einige seiner Hinkelsteine vergessen, wölben sich etwa 20 rundbedachte bunte Häuser empor: Ytterjärna, ein anthroposophisches Kulturzentrum, das Teil des Orts Järna ist.

Im Mittelpunkt steht das wuchtige Kulturhuset, mit seinem großen Saal und der Theaterbühne mit kompletter Obermaschinerie ein über die Region hinaus bekanntes Haus für Konzerte, Theater- und Tanzaufführungen sowie Kongresse. Im Frühjahr landete Geschäftsführer Rembert Biemond einen echten Coup: Er gewann den Lichtkünstler James Turrell, um den sich viele namhafte Museen schon vergebens bemüht haben, für eine auch technisch äußerst anspruchsvolle Ausstellung. Unter dem Titel "See! Colour!"  läuft sie noch bis zum 2. Oktober.

Wie zufällig gruppieren sich weitere Gebäude um das Ensemble von Kulturhaus, Hotel, Café und Restaurant, mit einer mal kantig-klobigen, mal schwingend-eleganten Linienführung. Es sind Formen, die sich auch in der unmittelbaren Umgebung wiederfinden, vor allem in den von den Gletschern rundgeschliffenen Felsen, die hier oft unerwartet aus den Wiesen ragen.

Entworfen hat diese Gebäude der Däne Erik Asmussen (1913-1998), dem es darauf ankam, Landschaft und Traditionen der Umgebung - z.B. die schwedischen Holzhäuser - in seine Formensprache einzubeziehen. Für die Farbgebung - blassviolett, rot, grün, blau, lachsfarben - zeichnete maßgeblich die Künstlerin Sonja Robbert Bernadotte (1909-2004) verantwortlich, eine Schwägerin des früheren schwedischen Königs.

Eine Ökobank und hundert verschiedene Kleinunternehmen

Entstanden ist das kulturelle Zentrum 1935, als eine Gruppe von deutschen Exilanten eine Zufluchtstätte für Menschen mit Behinderungen etablierte, für die in Nazi-Deutschland kein Platz mehr war. Innerhalb kurzer Zeit erwuchsen daraus drei große heilpädagogische Einrichtungen, die weitere Institutionen nach sich zogen.

Es gibt in Järna Ausbildungsstätten für Pädagogik (darunter drei Waldorfschulen), Eurythmie (eine anthroposophische Bewegungskunst), Architektur, Medizin und vor allem für biologisch-dynamische Landwirtschaft, nach deren Regeln inzwischen rund ein Fünftel der Flächen in Schweden bebaut wird - erheblich mehr als in Deutschland. Hier wurde auch die erste und bisher einzige ökologisch orientierte Bank Schwedens gegründet (Ekobanken), und das einzige Krankenhaus für Anthroposophische Medizin, die Vidarklinik.

In den 1970er und -80er Jahren war Ytterjärna einer der Mittelpunkte der anthroposophischen Szene in Europa. Hier kamen Menschen aus aller Welt zusammen, um sich fortzubilden, Lehrgänge zu besuchen, Kurse zu halten. Oder einfach, um hier zu leben, in einer Idylle, die es in dieser Art auf der Welt selten gab, vereint in der Befürwortung der Anthroposophie: man studierte die Schriften Rudolf Steiners, man lebte im Einklang mit der Natur, man arbeitete in anthroposophischen Projekten, man erzog die Kinder nach den Grundsätzen der Waldorfpädagogik.

Im Lauf der Jahre entstanden so über hundert verschiedene Kleinunternehmen: Bauernhof, Mühle, Bioladen, Restaurant, Café, Instrumentenbauer, Behindertenwerkstätten, Glaskünstler, Spielzeughersteller. Alle zusammen sind der drittgrößte Arbeitgeber der Region und beschäftigen rund 2000 Menschen. Viele von ihnen leben rund um das Kulturzentrum, aber viele kommen auch täglich aus dem nahegelegenen Södertälje oder Stockholm hierher zur Arbeit.

Die Bewohner einte die gleiche Grundauffassung vom Leben

Eine, die sicher mit am längsten in dieser Gemeinschaft von Järna lebt, ist die 63-jährige Eurythmistin Inger Herdelin. Zwischen 1976 und 2004 unterrichtete sie Studenten in der Bewegungskunst, die sowohl auf der Bühne gezeigt als auch therapeutisch eingesetzt wird. "Damals war das eine kleine eingeschworene Gemeinde", erzählt sie. "Man kannte sich und wusste fast alles voneinander. Das war beengend, aber auch beschützend. Man hatte die gleiche Grundauffassung vom Leben, man war unter sich, niemand stellte etwas in Frage. Das barg aber auch die Gefahr, dass man sich zu sehr abkapselt, weltfremd wird - sich in so einem engen Zusammenhang als Mensch frei zu entwickeln, ist ein hohes Ideal."

Und natürlich war auch Ytterjärna keine Insel der Glückseligen, gab es Konkurrenz, Neid, Streit und Missgunst. In den Jahren vor der Jahrtausendwende begann das Interesse an einem solchen ideologisch orientierten Zentrum langsam nachzulassen. Die in den Jahren davor ausgebildeten Pädagogen, Eurythmisten und Landwirte bauten an anderen Orten eigene Institute auf - die Teilnehmerzahlen an den Lehrgängen in Ytterjärna schrumpften deutlich, einige mussten inzwischen sogar ganz eingestellt werden.

Kunst, Kultur und Business traulich vereint

Und so fiel das Kulturzentrum allmählich in eine Art Dornröschenschlaf, aus dem es mit der Turrell-Ausstellung jedoch schlagartig wachgeküsst. Kunstliebhaber aus aller Welt pilgern zu der spektakulären Schau, die ergänzt wird durch Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, diverse Farbinstallationen in der Natur sowie einige Bilder der Malerin Hilma af Klint (1862-1944). Sie hat - was noch weitgehend unbekannt ist - als erste Künstlerin überhaupt abstrakt gemalt, lange vor Kandinsky und Mondrian.

Ihre komplett erhaltenen 1200 Bilder und Skizzenblöcke sind heute im Besitz einer Stiftung, die zu Ytterjärna gehört. Für die nötige Unterkunft der Ausstellungs-Besucher sorgt ein neues Hotel mit 34 individuell eingerichteten Zimmern, das mit jedem Vier-Sterne-Haus konkurrieren kann - ein großer Vorzug angesichts der abgeschiedenen Lage.

Die Entwicklung Ytterjärnas ist vor allem das Werk von Anders Kumlander. Der 65jährige ist der Sohn des großen Mäzens und Förderers Ake Kumlander (1918-2002), einem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden erfolgreichen Versicherungsagenten und Grundstücksmakler. Die von ihm gegründeten Stiftungen fördern bis heute anthroposophische Einrichtungen sowie die wissenschaftliche Arbeit zu gesellschaftlichen Fragen und zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft. So kommen in Ytterjärna heute Tradition und Moderne zusammen: in Kunst, Kultur und Business. Eine gelungene Mischung.