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Utopiaggia: Deutsche Idealisten in Umbrien

Foto: Andrea Jeska

Aussteiger in Umbrien Die Kinder von Utopiaggia

In den 80er Jahren startete eine Gruppe von Deutschen in Umbrien ein soziales Experiment, das die Gemüter auch in der Heimat bewegte. Die bäuerliche Kommune in Umbrien wollte Heimat für konsummüde Aussteiger sein. Ein Besuch bei den Utopisten von gestern zeigt: Komfort besiegt Idealismus.
Von Andrea Jeska

Piaggia - Den Berg wieder hinab und dann rechts, da entlang, wo kein Asphalt mehr sei, hatte der freundliche Herr im winzigen Dorf Montegiove gesagt, den man nach dem Weg nach Utopiaggia fragte. Dann war er noch mit den Händen Achterbahn gefahren. Tatsächlich schlängelt sich der Weg bald in abenteuerlichen Windungen steil bergan und gerade, als wir vermuten, uns verfahren zu haben, taucht rechts ein Schild mit verschossener Schrift auf: Piaggia. Ohne Utopie.

Wir hatten an die einzige Email-Adresse geschrieben, die wir in alten Artikeln fanden. Dabei hat Utopiaggia eine Webseite, doch dort ließen sich die Untermenüs nicht anklicken, auch der Kontakt nicht. Auf die Email erhielten wir keine Antwort. Also vertrauten wir darauf, dass eine Bande Alt-68er nichts gegen unangemeldete Gäste hat.

Die letzten Meter den Hügel hinauf stapfen wir zu Fuß, direkt auf ein riesiges rechteckiges Gutshaus zu. Ölbäume umsäumen das Gemäuer, ein Schwarm Bienen summt ohrenbetäubend zwischen den Steinen der Außenmauer ins Innere, Lavendel blüht an Mauern, die Eingangstür sieht aus, wie für eine Romanze gemacht. Nur die Vorsicht, einem Klischee aufzusitzen, hält einen davon ab, "Idyll" zu denken.

Ein älterer Herr begrüßt uns gelangweilt, er sei nur Gast und für nichts zuständig, sagt er. Die ebenfalls ältere Dame, auf die er verweist, will uns gleich wieder fortschicken, jetzt sei schließlich Mittagszeit. Es sei denn, Beatrix sei bereit, sich unser anzunehmen, sie habe ein krankes Bein und könne sich sowieso kaum bewegen.

Eine weltenferne Welt im Herzen Umbriens

Das also ist Utopiaggia. Eine weltenferne Welt im Herzen Umbriens, und auch das ist schon irgendwie weltenfern. Mittelalterliche Dörfer, die auf Hügeln liegen und in singulärer Distanziertheit auf die Ebene hinabsehen, als habe diese mit ihnen nichts zu tun. 1982 kam in diese strukturschwache Einsamkeit gut zwei Dutzend konsum- und gesellschaftsmüder Deutscher, die in der Selbstversorgung und in Gruppenstrukturen außerhalb der familiären Blutsbande ihre Erlösung finden wollten. Nachhaltige Entwicklung, weniger ist mehr, Rücksicht auf die Natur und solche Sätze brachten sie mit sich.

Für umgerechnet eine halbe Million Mark kauften sie 100 Hektar dunkles, wildes Land inklusive eines großen Farmhauses und zweier halbverfallener Bauernhäuser. Damals war Umbrien noch fern jeglicher touristischer Entwicklung und galt als Bauernland ohne große Reize. Allenfalls den Mystikern war es ein Raum zwischen Himmel und Ewigkeit. Mächtige Burgen, respektheischende Kathedralen und die Geschichten des heiligen Franz von Assisi, die Schönheit und Poesie seines Sonnengesangs. Das war Umbrien.

Beatrix empfängt uns endlich mit jener Herzlichkeit und Gelassenheit, die man von den späten Blumenkindern erwartet. Sie sitzt vor ihrem Computer, den frisch operierten Fuß von sich gestreckt. Kaum hat sie uns einen Platz angeboten, meldet sich via Skype ihre Mutter, Beatrix erteilt ein paar gesundheitliche Ratschläge und vertröstet auf später. "So ist das, wenn die moderne Technik einen erreicht hat," sagt sie und klingt nicht unzufrieden.

Beatrix raucht schmale weiße Zigaretten und davon mehr, als gut ist. Trotzdem sieht die 62jährige aus wie Anfang 50. Im Erdgeschoss des Haupthauses bewohnt sie zwei Zimmer, die Standardwohnfläche aller Bewohner. "Jede Hausgemeinschaft bestimmt ihren Lebensstandard selber, und der ist im Laufe der Jahre doch deutlich höher geworden. Auf Komfort mag keiner von uns mehr verzichten", grinst sie. Beatrix Standard ist gemütlich, ein wenig studentisch mit vielen Büchern, bunten Teppichen und einem Moskitonetz über dem Bett. Vorher bewohnte sie zwei Zimmer im Haus gegenüber, doch bei Regen wurden die Wände schimmelig und das den Hang hinab laufende Wasser machte vor ihrer Privatsphäre keinen Halt.

Aus Lebensmittelpunkt wird Wochenenddomizil

Inzwischen haben die Utopiaggianer dort eine Bar aufgemacht, in die auch die Bewohner von Montegiove und aus den anderen Dörfern zum Feiern kommen. Beatrix hatte im Journalismus und im PR-Bereich gerarbeitet, als sie nach Utopiaggia kam. Sie hatte sich in Karl-Ludwig verliebt und war jung genug, Illusionen zu haben. Karl-Ludwig war damals in Utopiagia der "Präsident". "Das Leben in Deutschland ging mir zudem auf die Nerven".

Sie begründete eine Schule, in der Kinder betreut wurden und unterrichtet werden, die in Deutschland bereits durch das System gefallen sind. Schwererziehbar, traumatisiert, kriminell, drogenabhängig, nicht gesellschaftskonform. Die bringt sie mit Einzelunterricht in Form, die Abgeschiedenheit tut ihr übriges. Mit Beatrix kam ihr sechsjähriger Sohn Philip, der so wie die anderen Kinder im zehn Kilometer entfernten Montegabbione zur Schule ging und in der Pubertät nur mittels einer Vespa die Bergeinsamkeit verlassen konnte.

Er studierte Wirtschaftswissenschaften, arbeitete ein paar Jahre als Consultant, promoviert und schätzt den Luxus. "Philip hatte von der Bescheidenheit, mit der er aufwuchs, gründlich die Nase voll." Auch wenn die Gebäude heute solide und warm aussehen, bleibt der Eindruck, viel körperliche Arbeit stecke in allem. Die akademische Gründergeneration musste Handwerker, Bauer werden, Schafe züchten, Olivenbäume pflanzen, Käse machen. Wer das nicht aushielt, der ist gegangen.

Dreißig Jahre später leben noch 15 Erwachsene, zwei Kinder, ein Jugendlicher in Utoppiagia. Von den Gründer-Kindern ist keines geblieben. Auch Karl-Ludwig, inzwischen Beatrix Ex-Mann, lebt mit seiner neuen Frau nicht mehr in Utopiaggia, nur seine Zimmer dort hat er behalten, sie sind sein Wochenenddomizil. Geblieben sind die Gemeinschaftsräume, das gemeinsame Mittagessen, der wöchentliche Küchendienst und die Einzahlungen in die Gemeinschaftskasse.

Käse, Brot und Öl bringen Geld

Letztes Jahr haben sie einen Kredit aufgenommen und davon Sonnenkollektoren für das Dach gekauft, nun sind sie vom kommunalen Strom unabhängig. Verschwunden sind die Bau- und Zirkuswagen, die den ersten Bewohnern noch als Behausung dienten, und so mancher alternativer Wirtschaftszweig wie Filzen und die Deckenwerkstatt ist ebenfalls der Zeit zum Opfer gefallen. Nur die Käse-, Brot- und Ölproduktion sind einträglich wie eh und je, auch die Töpferei hat die Jahre überlebt.

Die Zeiten der ideologischen Diskussionen um Konsumverzicht und Gruppengefühl versus Individualismus sind lange vorbei. "Wir sind sehr harmonisch geworden. In den ersten Jahren gab es viele Konflikte, einen starken Gruppenzwang und so manchen Partnerwechsel. Das war nicht einfach" sagt Beatrix. Heute bereiten sich die Utopiaggianer darauf vor, "ein fröhliches Altenkolleg zu werden", wie Beatrix es ausdrückt. Noch lässt sich der laufende Betrieb aufrecht erhalten - dank eines Stroms von Praktikanten und einer Reihe von Freuden, die im Sommer zu Besuch kommen und in vier Gästezimmern wohnen.

Für ein paar Wochen finden viele das abgeschiedene bescheidene Leben toll, doch bleiben wollen die Gäste nicht. Dabei könnte Utoppiagia doch neues Blut gebrauchen. "Mit 500 Euro im Monat kommt man hier über die Runden. Alle Grundbedürfnisse sind gedeckt und die Lebensqualität ist hoch", wirbt Beatrix.

Im kommenden Jahr begeht Utoppiagia sein 30. Jubiläum. Aus diesem Anlass werden auch die Kinder mit ihren Kindern kommen. Fast alle wohnen in Deutschland. Sie werden eineinhalbtausend Kilometer über die Autobahn und dann noch ein paar Dutzend quer über Land fahren. "Wir müssen die langfristigen Perspektiven klären", sagt Beatrix. Was wird aus Land und Gebäuden? Wer wird für was zuständig sein? Denn soviel steht fest: Zurück nach Utopiaggia kommt niemand der Kinder.

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